Der bescheidene US-Konsument
Von Dietmar Ostermann. Aktualisiert am 14.08.2009
Vorige Woche wäre George Nolan beinahe schwach geworden. Sein Handy war kaputt, in der Mall im Washington-Vorort Kensington stand der 42-jährige Familienvater vor einem blinkenden iPhone. Früher hätte Nolan nicht lange überlegt. Seit seine IT-Firma im Frühling aber ein Drittel der Kollegen entlassen hat, haben die Nolans sich Enthaltsamkeit auferlegt: keine unnötigen Ausgaben, bis die Wirtschaftskrise vorbei ist und der Job wieder sicher. Damals hat sich George Nolan über die Kontoauszüge gebeugt und ist jeden Posten durchgegangen. «Wir hatten über 300 Fernsehsender abonniert», sagt er, «dabei gucken wir, wenn es hoch kommt, vier.» Die Kinobesuche der fünfköpfigen Familie, mit Popcorn und Cola, schnell ein 80-Dollar-Vergnügen, wurden durch Filmabende auf der Couch mit Freunden ersetzt. Beim Red-Box-Verleih im Supermarkt gibt es DVDs für einen Dollar. «Wir haben mindestens so viel Spass», versichert Ehefrau Janet.
Kaufrausch auf Pump
Pro Monat geben die Nolans inzwischen stolze 300 Dollar weniger aus. Das Geld wollen sie zurücklegen, falls George doch noch seinen Job verliert. Auch ihre Kredite für Haus und Auto wollen sie schneller abstottern. «Wir hatten uns um Schulden nie Gedanken gemacht», erklärt Janet, «in der Krise konnte ich plötzlich nicht mehr schlafen.» Jetzt schlafen die Nolans zwar wieder besser – dafür bereiten Menschen wie sie Amerikas Ökonomen wachsende Kopfschmerzen. Denn was aus Sicht der Nolans vernünftig sein mag, könnte für die US-Wirtschaft zum Problem werden. 70 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts beruhen auf privatem Konsum. Über Jahre war der US-Konsument «Joe Sixpack» mit seinem Kaufrausch auf Pump der grosse Motor der Weltwirtschaft. Jetzt aber, wo sich in den USA erste Zeichen für ein baldiges Ende der Rezession ankündigen, könnte die neue Zurückhaltung der Konsumenten die wirtschaftliche Erholung behindern. Bislang investiert vor allem der Staat: Ohne das gewaltige Konjunkturpaket der Regierung Obama wäre das US-Bruttoinlandsprodukt auch im zweiten Quartal um rund 4 Prozent gesunken. Dank der staatlichen Konjunkturspritze lag das Minus nur bei einem Prozent, nach 6,5 Prozent im ersten Quartal.
«Leute sind verängstigt»
Doch für einen nachhaltigen Aufschwung müsste der US-Konsument in die Shopping Malls zurückkehren. Bei einer weiter steigenden Arbeitslosigkeit, deren Quote in den USA Ende des Jahres erstmals seit einem Vierteljahrhundert wieder zweistellig sein dürfte, rechnen damit die wenigsten Ökonomen. Noch immer ist der private Konsum rückläufig. «Die Leute sind verängstigt», glaubt auch der Wirtschaftsjournalist Daniel Gross, «sie bunkern das Geld, statt es auszugeben.» Das mag übertrieben sein: Die US-Sparquote ist lediglich auf gesunde fünf Prozent gestiegen, was viele Experten angesichts der hohen Verschuldung der US-Haushalte durchaus begrüssen.
Aber selbst wenn sie wollten, könnten Amerikas Verbraucher nicht so schnell zu ihren alten Konsumgewohnheiten zurückkehren. Banken schauen genauer hin, die Zeit der sorglosen Kredite für jeden ist vorbei. Und die Schulden der Boomzeit sind noch längst nicht abgetragen: Bei der Bank of America waren im Juni 13,8 Prozent der Kreditkartenkunden mit Zahlungen im Verzug, ein Anstieg gegenüber 12,5 Prozent im Mai.
Langsame Erholung
Zwar ist die staatliche Abwrackprämie ein Renner. Kunden stürmten in die Geschäfte, um sich die bis zu 4500 Dollar für ein Altauto zu sichern. Hersteller wie Ford meldeten erstmals wieder steigenden Absatz. Selbst die Ex-Bankrotteure Chrysler und GM fuhren die Produktion hoch. An eine dauerhafte Wende aber glauben vorerst nur grosse Optimisten. «Ich sehe ein Wachstum von einem Prozent für die nächsten Jahre», sagt etwa der prominente Ökonom Nouriel Roubini von der New York University einen mühsamen Aufstieg aus dem Krisental voraus.
Glaubt man den Umfragen, dann haben viele Konsumenten sogar Gefallen an der neuen Bescheidenheit gefunden. Jeder Dritte erklärte in einer Erhebung des «Time»-Magazins, er verbringe jetzt mehr Zeit mit seiner Familie und Freunden. 61 Prozent gaben an, selbst wenn es dem Land wirtschaftlich wieder besser gehe, wollten sie künftig weniger konsumieren als zuvor. (Berner Zeitung)
Erstellt: 14.08.2009, 08:15 Uhr
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