Der Wert der unabhängigen Währung
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 30.08.2010 61 Kommentare
Dossiers
Artikel zum Thema
- Wirtschaftsklima in Euro-Zone unerwartet eingetrübt
- Angst drückt den Franken hoch
- Euro fällt auf Rekordtief
- Euro im Vergleich zum Franken auf neuem Allzeittief
- Der Franken ist wieder gefährlich stark
Stichworte
Anders als in den 90er-Jahren wird ein möglicher EU-Beitritt heute selbst von den Befürwortern nur noch defensiv begründet: Nicht die Begeisterung für das europäische Projekt wird hauptsächlich angeführt, sondern die Drohung mit dramatischen Nachteilen, die uns durch die anhaltende Nichtmitgliedschaft erwachsen könnten. Das jüngste Beispiel dieser Art liefert Ex-Bundesrat Pascal Couchepin in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». Den grössten Druck, der dereinst zu einer Mitgliedschaft bei der EU zwingen könnte, ortet Couchepin beim Franken. Der Ex-Bundesrat wörtlich: «Was, wenn der Franken eines Tages gegenüber dem Euro immer weiter steigt? Vielleicht müssen wir dann erkennen, dass wir uns in dieser grossen Welt – neben Dollar, Euro und Yen – die eigenständige Währung nicht mehr leisten können.»
Die Überlegung ist nicht neu. Schon in den ersten Jahren nach der Lancierung des Euro hat eine ähnliche Debatte stattgefunden, selbst bei der Schweizerischen Nationalbank. Wie heute neigte die Gemeinschaftswährung auch damals zur Schwäche, allerdings fiel der Euro-Kurs in jener Zeit nie unter 1.44 Franken. Letzte Woche fiel er unter 1.30 Franken. Dennoch waren die Gründe für solche Überlegungen genau jene Schwierigkeiten, die heute der Schweizerischen Nationalbank das Leben schwer machen: Weil der Euroraum für die Schweizer Exportwirtschaft eine sehr hohe Bedeutung hat, kann ein sich gegenüber der Gemeinschaftswährung in kurzer Zeit stark verteuernder Franken für die Schweizer Konjunktur zum Problem werden.
Die Nachteile des unabhängigen Frankens...
Stemmt sich die Schweizerische Nationalbank SNB gegen diese Aufwertung, erhöht sie durch Eurokäufe die Frankengeldmenge und damit das Inflationsrisiko. Nach den letzten Interventionen der SNB ist zudem deren Bilanz stark in den Fokus des Interesses geraten. Angesichts der hohen Euroreserven, die sie durch ihre Käufe angehäuft hat, riskiert sie hohe Verluste, da diese Reserven an Wert verlieren können. Allein im ersten Halbjahr 2010 musste die SNB auf ihren Eurobeständen einen Verlust von 14,3 Milliarden Franken verbuchen. Die Interventionen blieben zudem wirkungslos, zumindest wenn man als Messlatte das Ziel nimmt, eine weitere Aufwertung des Frankens zu verhindern.
Wenn es sich die SNB zum Ziel machen würde, möglichst das Verhältnis des Schweizer Frankens zum Euro stabil zu halten, könnte die Vollübernahme des Euro tatsächlich eine attraktive Alternative sein. Denn je stärker die SNB ihre Geldpolitik am Eurokurs des Frankens ausrichtet, desto weniger ist ihr ohnehin eine unabhängige Geldpolitik mit Blick auf die inländische Konjunktur möglich. Weil sich die Europäische Zentralbank (EZB) nicht nach den Bedürfnissen des Euro-Aussenseiters Schweiz richten würde, müsste die Nationalbank praktisch die Geldpolitik der EZB für die Euroregion passiv nachvollziehen. In einer solchen Lage, so das Argument für die Euroübernahme, macht ein unabhängiger Franken kaum mehr Sinn, er würde zum Substitut für den Euro. Verbleiben würde nur noch ein Mehraufwand und störende Währungsschwankungen, die durch eine vollkommene Übernahme der Gemeinschaftswährung ausgeschaltet werden könnten.
...und die überwiegenden Vorteile
Bei der SNB hat man sich dennoch klar für einen weiterhin unabhängigen Schweizer Franken entschieden und auch gegen eine passive Anbindung des Frankens an den Euro. Denn die Vorteile der Unabhängigkeit überwiegen trotz allem. Der Ruf des Frankens als unabhängige, starke Währung hat zur Folge, dass das hiesige Zinsniveau anhaltend unter jenem im Euro-Ausland liegt, davon profitiert die Wirtschaft über tiefere Investitionskosten. Ein starker und steigender Franken kann zwar die Konjunktur belasten, ist aber ansonsten ein grosser ökonomischer Vorteil: Er macht die Schweizer reicher, sie können sich überall mehr leisten.
Das gilt sogar für Exporteure, denn auch deren Vorprodukte verbilligen sich. Ausserdem führt ein fallender Euro zu besseren Absatzchancen der Euroländer in der übrigen Welt. Auch davon profitieren die Schweizer Exporteure. Denn die Konjunkturlage bei ihren Kunden ist für deren Absatzchancen wichtiger als der Aussenwert des Frankens.
Kommen längerfristige Entwicklungen dazu. Der Franken hat sich über die vergangenen Jahrzehnte stetig aufgewertet. Schweizer Unternehmen waren daher stets gezwungen, ihre Produktivität und Qualität zu verbessern, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Italien zum Beispiel hat früher zu diesem Zweck die Lira abgewertet. Heute profitiert die Schweizer Industrie von dieser Stählung. Selbst beim heutigen hohen Frankenkurs sieht sie noch nicht ihren Untergang kommen, obwohl die teure Währung auf die Margen drückt.
Ein Grund gegen den EU-Beitritt
Schnelle und dramatische Aufwertungen bleiben ein Problem. Die ideale, vollkommen unabhängige Geldpolitik steht für ein kleines, offenes Land wie die Schweiz nicht zur Auswahl. Aus den daraus erwachsenden Nachteilen den Schluss zu ziehen, den Franken gleich ganz aufzugeben, macht keinen Sinn. Als Argument für einen EU-Beitritt der Schweiz funktioniert die Euroschwäche daher nicht. Im Gegenteil: Gegner eines Beitritts finden gerade in den offensichtlichen Mängeln der Währungsunion besonders schlagkräftige Argumente, die für die Unabhängigkeit der Schweiz und ihrer Währung sprechen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.08.2010, 12:48 Uhr
Kommentar schreiben
61 Kommentare
Ohne Zahlen kann man alles behaupten, auch dass ein starker Franken gut für die Schweiz ist. Wenn von den üblichen Kommentatoren erwartet wird, dass jemand wie Couchepin nicht einmal mehr über die negativen Aspekte und einen möglichen Beitritt öffentlich reden darf, dann sollten sie sich fragen, warum sie in einem Staat leben, der die Meinungsfreiheit garantiert, und lieber nach Nordkorea ziehen. Antworten
Der Franken als eigene Währung ist tatsächlich ein gewichtiger Pluspunkt für die Schweiz - allerdings nur solange er nicht extrem überbewertet ist. Genau das droht aber dem Franken gegenüber dem Euro. Es könnte aber noch schlimmer kommen, wenn der Franken auch gegenüber dem Dollar noch mehr zulegt. Denn Franken mindestens vorübergehend an den Euro zu binden, wäre vielleicht überdenkenswert. Antworten
Wirtschaft
- 20:38Novartis-Präsident Vasella kritisiert die Einwanderungspolitik
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 26.05.2012Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 26.05.2012Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 26.05.2012UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang
Wirtschaft
- 20:38Novartis-Präsident Vasella kritisiert die Einwanderungspolitik
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 26.05.2012Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 26.05.2012Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 26.05.2012UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang
Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen
3308 Stimmen





















































































