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Der Kampf um die Notenbanken

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 12.01.2012 36 Kommentare

Die Zentralbanken sind in Bedrängnis, nicht nur bei uns. Konservative reden von einem sozialistischen Monster, Progressive rufen nach einer zinslosen Regionalwährung.

Glänzt in der Krise wieder stärker: Das Goldlager der Zürcher Kantonalbank.

Glänzt in der Krise wieder stärker: Das Goldlager der Zürcher Kantonalbank.
Bild: Keystone

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Im Wirtschaftsteil der Zeitungen und Zeitschriften liest man immer wieder, die Notenbanken hätten «ihre Bilanz verlängert». Hinter diesem harmlosen Ausdruck verbirgt sich nichts anderes als die Tatsache, dass Notenbanken neues Geld geschaffen haben.

Und zwar nicht zu knapp. Ob die amerikanische Notenbank Fed, die Europäische Zentralbank (EZB) oder die Schweizerische Nationalbank (SNB): Alle haben sie ihre Geldmenge seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise vervielfacht. Was Laien unerklärlich oder unheimlich erscheint: Die Notenbanken können dieses neue Geld buchstäblich aus dem Nichts schöpfen. In der computerisierten Finanzwelt von heute müssen sie es nicht einmal mehr drucken. Ein einfacher Buchungssatz genügt. Deshalb spricht man auch von «Fiat-Money», nach dem lateinischen Ausdruck für: «Es geschehe.»

Geld als Nothilfe

Dabei verlängern die Zentralbanken ihre Bilanzen nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil sie ihrer Rolle als Kreditgeberin in letzter Instanz Rechnung tragen müssen. Wenn eine Geschäftsbank pleite ist, wenn also ihre Vermögenswerte weniger wert sind als ihre Verpflichtungen, dann kann sie sich bei der Zentralbank neues Geld leihen. Amerikanische Immobilien- und Eurokrise haben dafür gesorgt, dass viele Geschäftsbanken auf diese Nothilfe angewiesen waren und teilweise immer noch sind.

Der rasante Zerfall der US-Immobilienpreise 2007 hatte zur Folge, dass die dazugehörenden verbrieften Hypotheken ebenso rasant an Wert verloren. Was einst eine todsichere Anlage war, wurde fast über Nacht zu einer Art Giftmüll. Viele Banken sassen damals jedoch auf Bergen dieser Papiere. Andere haben heute grosse Posten von Staatsanleihen europäischer Defizitsünder in ihren Büchern. Auch diese galten bis zur Eurokrise als sicher.

Doch inzwischen sind diese Staatsanleihen ebenfalls zu solchem Giftmüll geworden, denn es ist alles andere als sicher, dass sie je vollständig zurückbezahlt werden.

Keine Schuldenexplosion, aber ein Bankencrash

Nun werden Banken, die de facto pleite sind, zu einer tickenden Zeitbombe. Sie können eine Kettenreaktion auslösen, die das gesamte System zum Einsturz bringt. Um dies zu verhindern, haben die Zentralbanken als Kreditgeberinnen in letzter Instanz die toxisch gewordenen Wertpapiere gegen sichere eingetauscht – deutsche Staatsanleihen beispielsweise. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat ebenfalls im grossen Stil Anleihen und Devisen gekauft, um so mehr Franken in Umlauf zu bringen und eine übermässige Aufwertung zu verhindern.

Als es noch einen Goldstandard gab, wäre eine solche Verlängerung der Bilanzen nicht möglich gewesen. Ein Goldstandard bedeutet nämlich: Die Zentralbank muss jederzeit die Landeswährung zu einem festen, nicht veränderbaren Kurs gegen Gold eintauschen. Gold ist nur begrenzt vorhanden und fälschungssicher, deshalb ist eine Ausweitung der Geldmenge in diesem System sehr mühsam. Unter dem Regime eines Goldstandards wäre es daher wahrscheinlich zu einem verheerenden Bankencrash gekommen, aber niemals zu einer Explosion der Staatsschulden.

Die republikanische Radikalkur

Ron Paul ist einer der Präsidentschaftskandidaten der US-Republikaner. Seit Jahren führt er einen Kampf gegen das Fiat-Money. Lange galt er als politischer Aussenseiter, ja gar als Spinner. Seit ein paar Monaten ist er Kult und erzielt überraschend gute Resultate im Ausscheidungsrennen der Republikaner.

Pauls politische Kernbotschaft ist stets dieselbe: Schafft die amerikanische Zentralbank ab! Sie ist in seinen Augen eine Art sozialistisches Monster geworden. «Stellt auch das Sowjetsystem, auf die Banken übertragen, vor, und ihr erhaltet das Fed», schreibt Paul in seinem Buch «End the Fed». Dank der Möglichkeit, Fiat-Money zu schöpfen, sei dieses sozialistische Monster mit einer unheimlichen Macht ausgestattet und eine Bedrohung für den einfachen Bürger geworden. «Das Fed ist verantwortlich für die Wirtschaftszyklen. Es ist verantwortlich für die Inflation, die Rezession, die Depression und die exzessiven Schulden», warnt Paul und folgert: Die Zentralbank muss ersetzt werden durch Privatgeld von Banken, die ihr Geld mit Gold absichern müssen.

«Ein teuflisches Instrument des neuen Geldadels»

Franz Hörmann ist Professor für Treuhand und Rechnungswesen an der Wirtschaftsuniversität Wien. Auch sein zusammen mit Otmar Pregetter verfasstes Buch «Das Ende des Geldes» gibt viel zu reden. Wie Paul rechnet Hörmann gnadenlos mit den Zentralbanken und dem Fiat-Money ab. Doch die Zentralbank ist für ihn kein sozialistisches Monster, sondern ein teuflisches Instrument des neuen Geldadels. Seine Diagnose: «Die Finanzindustrie hat längst die totale Macht. Die demokratisch gewählten Politiker hingegen regieren nicht mehr, sie reagieren nur noch.» Weshalb?

Unser Geldsystem hat eine verheerende Nebenwirkung: den Zinseszins. Er führt dazu, dass sich das Geldvermögen nicht linear entwickelt, sondern exponentiell. Die Wirkung ist die gleiche wie beim Märchen vom Höfling, der dem persischen König ein Schachbrett schenkte. Und sich als Gegenleistung auf dem ersten Feld ein Reiskorn wünschte und auf dem jeweils nächsten die doppelte Anzahl. Also 1, 2, 4, 8, 16 usw.

Wenn Geld wuchert wie Krebs

Lange geschieht nichts. Doch ab einem gewissen Punkt steigt die Kurve plötzlich steil an, und das System wird instabil. In der Natur führen exponentielle Entwicklungen zum Tod. Das zeigen wuchernde Krebszellen, die sich ebenfalls exponentiell vermehren. Auf die gleiche Weise führt beim Zinseszins die wachsende Schuldenlast ins Verderben. «Durch die Verschuldung der Haushalte bzw. der Staaten kommt es auch zu einer Versklavung sowohl grosser Teile der Bevölkerung als auch einzelner Länder», schreibt Franz Höfmann, «die sich nur durch einen Nachlass, durch Krieg oder durch Vernichtung der Vermögenswerte und ihren Neuaufbau davon befreien können.»

Das Fiat-Money der Zentralbanken führt so nicht zu einem sozialistischen Monster, sondern zu einer Art Geldkrebs. Wegen des durch den Zinseszins verursachten exponentiellen Wachstums der Schulden wird das System tödlich, sobald die Schuldenlast steil anzusteigen beginnt.

Besetzt das Geld!

Die Lösung liegt folgerichtig nicht primär in der Abschaffung der Zentralbank, sondern des Zinses. Das mag auf den ersten Blick erstaunen, doch es gab in der Geschichte der Menschheit immer wieder Geldsysteme ohne Zins. Und es gibt sie heute noch. Man spricht dabei von Regionalgeld oder Komplementärwährungen. In der Schweiz kennen wir das WIR-Geld – in Deutschland gibt es gar eine Art Mini-Boom von Regionalgeld. Das bekannteste Beispiel ist der Chiemgauer in Bayern.

Margrit Kennedy ist die führende Vertreterin der Regionalgeld-Bewegung Deutschlands. Sie hat soeben ein Büchlein mit dem Titel «Occupy Money» veröffentlicht. Das ist kein Zufall. Kennedy rechnet mit einem baldigen Kollaps des bestehenden Geldsystems. «Wer sich nur ein bisschen mit den Finanzmärkten beschäftigt, der weiss, dass die Staatsschulden in Europa nicht rückzahlbar sind», stellt sie fest. «Wann und in welcher Form eine Hyperinflation oder eine Währungsreform kommen wird, wissen wir nicht genau. Ich hoffe, dass wir bis dahin über ausreichend Rettungsboote in Form von Regionalwährungen verfügen, damit sie möglichst viele Menschen tragen.»

Keine Ruhe für die Zentralbank

Konservative und progressive Kritiker der Zentralbanken machen sich auch bei uns bemerkbar. Die Bilanzverlängerung der Zentralbanken verunsichert die Menschen; die Angst vor Inflation und Hyperinflation wächst. In der jungen SVP gibt es bereits «Paulisten»: glühende Anhänger von Ron Paul und seinen Ideen. Der Bekannteste unter ihnen ist Nationalrat Lukas Reimann. Die SVP hat eine Liebe zum Gold. Sie liebäugelt mit einer Initiative, die verlangt, dass das Gold der SNB in der Schweiz aufbewahrt werden muss, und will neuerdings gar der Notenbank verbieten, Gold zu verkaufen.

Sobald das Wetter wärmer wird, dürfte sich auch die Occupy-Bewegung wieder verstärkt bemerkbar machen. Zinsloses Geld und ein bedingungsloses Grundeinkommen werden dabei wahrscheinlich zu den zentralen Anliegen avancieren. Zinsloses Geld hat in der Schweiz eine lange Tradition. Und diese wird wiederbelebt. Kürzlich ist ein Verein mit dem Namen Monetäre Modernisierung (MoMo) gegründet worden. Er will eine Volksinitiative lancieren, die das Vollgeld verlangt und den normalen Geschäftsbanken das Schöpfen von Fiat-Money verbieten will. Es ist daher eher unwahrscheinlich, dass rund um die SNB bald wieder Ruhe einkehren wird. Der politische Kampf um die Zentralbank hat erst begonnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2012, 17:22 Uhr

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36 Kommentare

Daniel Huber

12.01.2012, 13:39 Uhr
Melden 16 Empfehlung

Vielen Dank Herr Löpfe für diesen Artikel. In den nächsten Jahren werden die Fragen der Geldschöpfung, Zentralbanken und Zinswesen zu einem grossen Thema und wohl auch Politikum werden. Eine modernisierung des Finanzsystems an ein weniger stark exponentielles Wirtschaftswachstum wird sich für die westlichen Länder aufdrängen.. wie es ein gerechteres Geldwesen aussehen könnte, ist die grosse Frage! Antworten


Peter Meier

12.01.2012, 13:38 Uhr
Melden 15 Empfehlung

Danke für diesen Artikel. Ich bin immer wieder erschreckt, wie unwissend nicht nur Mann/Frau von der Strasse sind, sondern sogar studierte Ökonomen - die keine Ahnung davon haben, dass das FED letztlich eine Privatbank ist und keine staatliche Institution. Antworten



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