Das Zögern der Politik treibt den Franken hoch
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 01.09.2011 85 Kommentare
Die Devisenhändler glauben nicht mehr an ein entschiedenes Handeln zur Schwächung des Frankens: Euro-Franken-Kurs der letzten fünf Tage.
Die Devisenspekulanten glauben immer weniger, dass die Schweizer Politik sich dem überbewerteten Franken entgegenstemmen wird: Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand (links), Bundesrat Johann Schneider-Ammann (rechts). (Bild: Keystone )
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Eben noch schien sich alles wieder zum Besseren zu entwickeln. Noch am 8. August kostete der Euro beinahe 1 Franken, am 29. August stieg der Europreis auf beinahe 1.20 Franken an. Damit hatte sich die überteuerte Schweizer Währung beinahe um 20 Prozent abgewertet. Die Nationalbank wurde bereits für ihre erfolgreichen Interventionen gefeiert und der Bundesrat sah von einer anfänglich geplanten Finanzspritze von 2 Milliarden Franken für die Exportindustrie ab und will jetzt nur noch 870 Millionen ausgeben.
Die Ruhe zwischen den Stürmen ist wieder vorbei. Für eine nachhaltige Entwarnung an der Währungsfront hat es genau gesehen auch nie gute Gründe gegeben. Gestern und heute werten die Devisenmärkte den Franken wieder stark auf. Am heutigen Morgen kostete ein Euro wieder weniger als 1.14 Franken. Damit hat sich der Franken innerhalb von drei Tagen wieder um 5 Prozent aufgewertet. Die jetzt erfolgende erneute Aufwertung hat zwei Gründe: Erneut aufflammende Sorgen um die Eurozone und enttäuschte Erwartungen zur Reaktion der Schweizerischen Nationalbank.
Neues Ungemach aus der Eurozone
Zum ersten Grund: Für schlechte Nachrichten aus der Eurozone sorgen heute vor allem enttäuschende Zahlen zur Konjunktur in Deutschland, Frankreich und Italien. Die sogenannten PMI dieser Länder sind im August deutlich schlechter ausgefallen, als dies Marktbeobachter erwartet hatten. PMI steht für Purchase Manager Index. Diese Indizes werden aus Umfragen bei den Einkaufsmanagern von Unternehmen berechnet, was einen Einblick in die wirtschaftliche Dynamik der nächsten Zeit vermittelt. Und diese Dynamik wird sich gemäss diesen Daten schlechter entwickeln, als bisher erwartet wurde.
Eine eingetrübte Konjunkturlage in der Eurozone verschlimmert die Aussichten für die gefährdeten Länder weiter. So sind denn auch die Zinsaufschläge für spanische und italienische Staatsanleihen wieder angestiegen – und dies kurz bevor Spanien an den Kapitalmärkten neue Mittel aufnehmen muss. Ausserdem sind von der Europäischen Zentralbank (EZB) unter diesen Umständen keine weiteren Zinserhöhungen mehr zu erwarten. Im Gegenteil: An den Märkten wird sogar spekuliert, die EZB könnte im nächsten Jahr die Zinsen senken. Sowohl erneute Sorgen um die Stabilität der Eurozone wie auch tiefere Zinsen als erwartet drücken auf den Euro. So verliert dieser denn nicht nur gegenüber dem Franken, sondern gegenüber den meisten grossen Währungen an Wert.
Die SNB verliert an Glaubwürdigkeit
Zum zweiten Grund: Die erneute Aufwertung des Frankens ist auch hausgemacht. Das zeigt sich daran, dass der Franken auch gegenüber dem Dollar stark zugelegt hat – so ist der Preis der US-Währung heute wieder unter 80 Rappen gefallen. Die drei Ankündigungen der Schweizer Nationalbank (SNB) im August, in denen sie versprach, gegen die Aufwertung des Frankens vorzugehen, wurden an den Märkten so interpretiert, dass sie auch auf den Devisenmärkten massiv intervenieren würde, um den Franken zu schwächen. Diese Erwartung wurde noch bestärkt durch Entwicklungen in der Schweizer Politik und Öffentlichkeit. Denn der Notenbank wurde für einen solchen Schritt von links bis rechts die politische Rückendeckung zugesagt.
Doch vor solchen Interventionen ist die SNB bisher zurückgeschreckt. Sie hat sich einzig darauf beschränkt, ihre eigene Notenbankgeldmenge drastisch auszudehnen. Das hat zu einem rekordtiefen Leitzins (Libor) von 0,005 Prozent geführt. Vor der Geldmengenausweitung war dieser Satz allerdings auch schon sehr tief bei 0,175 Prozent. Immerhin hat die SNB mit dieser Aktion bei Termingeschäften sogar für negative Zinsen gesorgt. Das heisst, internationale Investoren zahlen sogar etwas dafür, um ihr Geld kurzfristig in Schweizer Franken anlegen zu können.
Die «Negativzinsen» sind nicht das Hauptmotiv
Ein Motiv dafür könnte sein, dass die Investoren eine weitere Aufwertung des Frankens erwarten, die sie für die negative Verzinsung entschädigt. Vielleicht ist ihnen aber allein die Sicherheit von Schweizer-Franken-Anlagen im Vergleich zu anderen Investitionen den Aufpreis wert. Diese geringe und teilweise sogar negative Verzinsung hat möglicherweise den Zustrom in den Schweizer Franken etwas gebremst. Wie die jüngste Entwicklung zeigt, war für die zwischenzeitliche Abwertung aber mehr die Erwartung einer direkten Devisenmarktintervention verantwortlich.
So sind denn die Kommentare in den internationalen Finanzspalten zur starken aktuellen Aufwertung, die gestern eingesetzt hat, eindeutig. Gleichzeitig mit der Klärung des Bundesrates zur Unterstützung der Schweizer Exportindustrie hat man auch weitere Massnahmen der SNB erwartet. Immerhin hat diese ihre bisherigen Geldspritzen ebenfalls an einem Mittwoch verkündet. Dass die SNB nichts von sich hören liess und der Bundesrat viel weniger für die Exportindustrie ausgeben will, als bisher angekündigt, wurde an den Devisenmärkten als Hinweis darauf gewertet, dass man in der Schweiz in Sachen Frankenstärke die Hände wieder in den Schoss gelegt hat. Dabei sind die Massnahmen des Bundesrats zweitrangig. Denn nur die Nationalbank kann wirksam die Frankenstärke bekämpfen. Aber die Gesamtbotschaft sowohl durch das Schweigen der SNB als auch die Zurückhaltung des Bundesrates ergab für die Devisenspekulanten ein eindeutiges Bild: Die Schweiz hat sich mit der Funktion des Frankens als sicherer Hafen abgefunden und will dem nichts entgegensetzen. Für jene Spekulanten, die auf eine weitere Aufwertung des Frankens setzen, kommt das einer Einladung gleich.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.09.2011, 12:33 Uhr
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85 Kommentare
"Erneut aufflammende Sorgen um die Eurozone" - so ein Witz - als wenn sich in den letzten 10 Tagen etwas verändert hätte. Tatsache ist, dass die Profis sofort merken wenn die SNB nicht mehr stützt. Sobald das Pulver verschossen ist wird der CHF wieder steigen, es sei denn in Brüssel kommt irgend ein Harry Potter und zaubert ein Wunder daher. Antworten
nicht das zögern der politik treibt den franken hoch sondern die situation in europa und auf der welt allgemein.......
das muss hier einmal gesagt werden, der bundesrat und die nationalbank können gar nichts machen gegen die märkte
sie haben gemacht, was sie können, aber nun ist leider ende, die schlechten nachrichten kommen wieder zurück....
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