Wirtschaft
Bei Spanien wird es richtig gefährlich
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 29.04.2010
Von der Überhitzung in die Krise: Die spanische Wirtschaft schrumpft (im Bild: Barcelona).
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Am Dienstag Griechenland und Portugal, gestern Spanien. All diese Länder wurden von der Ratingagentur Standard & Poor's herabgestuft. Das heisst, die Bonität dieser Länder wird als schlechter beurteilt. Im Fall von Griechenland sogar so schlecht, dass die Ratingagentur Anlagen in griechische Staatsanleihen als hoch riskant betrachtet. Das gilt nicht für Portugal und Spanien. Die Anleihen (Langfristbonds) beider Staaten sind mit der Note A- (Portugal) und AA (Spanien) noch immer im relativ sicheren Bereich angesiedelt.
Dennoch sorgte die Meldung zu Spanien für Nervosität. Schon längst drehen sich die Ängste in der Griechenlandkrise nicht mehr um das Balkanland selbst, sondern um mögliche weitere Opfer. Sollte Spanien tatsächlich in die Bredouille kommen, wird eine dramatische Eskalationsstufe erreicht. Die spanische Wirtschaft ist fast fünfmal grösser als jene Griechenlands, sie hat einen Anteil von beinahe 12 Prozent an der Wirtschaftsleistung aller Länder der Eurozone. Der Anteil von Griechenland liegt dagegen bei bloss rund 2,5 Prozent.
Eben noch Musterschüler
Doch Spanien unterscheidet sich von Griechenland noch in einer anderen Hinsicht, die für die sich ausbreitende Eurokrise von grosser Bedeutung ist: Die Iberer hatten noch vor Kurzem glänzende Wirtschaftszahlen auszuweisen und galten als europäische Musterschüler. Im Jahr 2007 verzeichnete Spanien einen Budgetüberschuss (gemessen am Bruttoinlandprodukt BIP) von 1,9 Prozent, mehr als die europäische Wirtschaftsmacht Deutschland mit 0,2 Prozent. Der griechische Staat gab schon damals 4 Prozent mehr aus, als er einnahm und brach damit die Obergrenze von 3 Prozent, die von der Währungsunion als Budgetverschuldung noch zugelassen wird.
Selbst die Zahlen für das letzte Jahr zeugen noch von der einstigen Stärke der spanischen Wirtschaft. Die Gesamtverschuldung belief sich (gemessen am BIP) auf 53,2 Prozent, womit das Land die maximal zulässigen 60 Prozent noch unterschritten hat. Ganz anders Deutschland mit einer Gesamtverschuldung von 73,2 Prozent und Griechenland mit 115,1 Prozent. Die Durchschnittsverschuldung in der Eurozone betrug 78,8 Prozent.
Geplatzter Immobilienboom
Dass Spanien trotzdem als gefährdet gilt, zeigt daher, was weiteren Ländern droht. Bei Griechenland konnte man sich noch mit dem Argument täuschen lassen, dass Probleme unvermeidbar waren angesichts der griechischen Tendenz , Statistiken zu schönen und selbst in wirtschaftlich guten Jahren über die eigenen Verhältnisse zu leben. Wenn es Spanien treffen kann, müssen auch weitere Länder zittern, die bisher als grundsolid galten.
Spanien ist von der jüngsten Weltwirtschaftskrise besonders hart getroffen worden. Wie in den USA hat sich auch in diesem Land eine gigantische Immobilienblase gebildet. Nach ihrem Platzen sackten die Preise ein und in der Folge die gesamte Volkswirtschaft, die davon gelebt hat. Den Spaniern kann man nicht vorwerfen, sie hätten die Zinsen zu lange zu tief gehalten, denn die werden in Frankfurt von der Europäischen Zentralbank für die gesamte Eurozone festgelegt.
Jetzt zählen nur noch die Schwächen
Die Folge des Einbruchs war dramatisch. Im Jahr 2008 ist die spanische Wirtschaft noch um 0,9 Prozent gewachsen, 2009 brach sie um 3,6 Prozent ein. Auch für das laufende Jahr zeichnet sich eine weitere Schrumpfung ab. Besonders dramatisch zeigt sich die Krise allerdings am Anstieg der Arbeitslosigkeit. Im Jahr 2007 lag die Arbeitslosenquote noch bei 8,3 Prozent, nur leicht über dem Durchschnitt der Eurozone von 7,5 Prozent. In den zwei Jahren bis 2009 hat sie sich auf 19,3 Prozent mehr als verdoppelt. Diese brutale und schnelle Verschlechterung der Lage macht Spanien anfällig für Spekulationen um die weitere Zahlungsfähigkeit. Der Einbruch war schlimmer als in Griechenland.
Seit dem Platzen der Blase fokussieren die Kapitalmärkte auf die Schwächen Spaniens, die es mit anderen Ländern des europäischen Südens teilt: Allem voran die im Vergleich zum Norden tiefe Produktivität. Deshalb sind die Produktionskosten für spanische Exporte höher. Die klassische Lösung für solche Länder wäre eine Abwertung der Währung. Doch das ist wegen der Währungsunion nicht möglich. Bleiben nur Kostenersparnisse, das heisst vor allem Lohnkürzungen. Doch das würde die angeschlagene Binnenwirtschaft noch weiter hinunterreissen. Das war auch eine der Überlegungen, warum Standard & Poor’s Spanien für stärker gefährdet sieht.
Private, nicht staatliche Schulden sind das Problem
Dazu kommt ein weiteres Problem: Wie in den USA hatte der vergangene Boom in Spanien zur Folge, dass sich die Leute angesichts ihres scheinbaren Immobilienreichtums stark verschuldet haben. Die private Verschuldung beträgt nach Schätzung von Standard & Poor's 178 Prozent am BIP. Nicht der Staat ist in Spanien das Problem, sondern die Privatwirtschaft. Eine Folge ist, dass daher auch das spanische Bankensystem unter Druck geraten könnte.
Die spanische Regierung hat guten Grund, die Abstufung durch die Ratingagentur als grosse Gefahr zu betrachten. Das bis vor Kurzem noch als vorbildlich betrachtete Spanien könnte innert Kürze in einen vernichtenden Abwärtsstrudel gerissen werden. Wenn die Unsicherheit zu diesem Land steigt, steigen die Zinsen für die staatlichen und die weit grösseren privaten Schulden. Das verschlimmert die Ausgangslage des Landes weiter, wodurch die Unsicherheit ebenfalls zunimmt und damit auch wieder die Risikosätze.
Leider besteht auch beim Ausweg aus der Krise ein wesentlicher Unterschied zu Griechenland. Das Land ist zu gross, um gerettet werden zu können. Angesichts der angespannten Finanzlage in anderen Ländern und weiteren drohenden Staatsbankrotten, könnte das nötige Geld kaum aufgebracht werden. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.04.2010, 14:49 Uhr






