«Argentinien hat sich einen grossen Stein aus dem Weg geräumt»

Argentinien und vier Hedgefonds haben ihren Streit beendet. Was das bedeutet und warum das Land viel mehr zahlen muss als angekündigt, sagt der UBS-Experte.

Geier: Eine Frau läuft in Buenos Aires an einer Wand vorbei mit dem Graffiti «Buitres» (Spanisch für Geier), wie Hedgefonds umgangssprachlich genannt werden.

Geier: Eine Frau läuft in Buenos Aires an einer Wand vorbei mit dem Graffiti «Buitres» (Spanisch für Geier), wie Hedgefonds umgangssprachlich genannt werden. Bild: AP Photo/Victor R. Caivano

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Herr Bolliger, Argentinien und vier amerikanische Hedgefonds haben sich geeinigt, den jahrelangen Streit zu beenden (siehe Box). Wer hat gewonnen?
Beide haben gewonnen. Die Hedgefonds haben erreicht, was sie erreichen wollten. Denn sie haben gezielt diese Anleihen aufgekauft, um die Forderungen zu bekommen.

Und wieso hat Argentinien gewonnen?
Mit der neuen Regierung gibt es einen klaren Richtungswechsel. Für die Öffnung nach aussen ist wichtig, dass Argentinien Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten erhält. Mit dieser Einigung hat sich Argentinien selbst einen sehr grossen Stein aus dem Weg geräumt.

Trotz der hohen Summe von 4,65 Milliarden Dollar, die Argentinien nun zahlen wird?
Insgesamt dürften die Kosten noch viel höher liegen. Wir schätzen sie auf 12 bis 15 Milliarden Dollar. Es werden nicht nur die vier Hedgefonds bezahlt, sondern alle Anleger, die noch die alten Anleihen halten. Das wird teuer.

Die Währungsreserven Argentiniens betrugen gemäss IWF Ende Januar 25 Milliarden Dollar. Das ist wenig für solche Kosten.
Einerseits ist das ein hoher Anteil. Andererseits muss Argentinien die Kosten nicht aus dem Sparschwein zahlen, sondern kann sich künftig an den Kapitalmärkten dieses Geld leihen.

Und dies zu wesentlich geringeren Kosten als aktuell.
Derzeit bewegt sich Argentinien, was die Zinskosten für Dollaranleihen angeht, im Mittelfeld, verglichen mit anderen Ländern der Region. Das war früher aber ganz anders, damals lagen die Kosten viel höher.

Diese Entwicklung liegt daran, dass der neue Präsident Mauricio Macri Reformen angekündigt hat und teilweise bereits umsetzt.
Genau. Damit die Zinsen weiterhin sinken, muss die Regierung zusätzliche Reformen umsetzen. Die bisherigen Massnahmen spiegeln sich bereits in den Preisen wider.

Nun muss noch das Parlament den Plänen zustimmen. Eine Formsache?
Ja, die Zustimmung ist sehr wahrscheinlich.

… weil Präsident Macri die Mehrheit hinter sich weiss.
Und weil die Menschen in Argentinien wissen, dass diese Einigung gut für sie ist. Zwar bezahlen sie einen Preis dafür. Aber die Vorteile überwiegen.

Wie wirken sich diese Vorteile auf die Wirtschaft Argentiniens in Zukunft aus?
Argentinien bekommt Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten und erhält tiefere Finanzierungskosten. Zudem gibt es eine Liberalisierung des Wechselkurses. Das sind alles sehr positive Zeichen für ein höheres Wirtschaftswachstum in den nächsten Jahren.

Welche Folgen hat die Einigung für Schweizer Investoren?
Wer keine alten Anleihen Argentiniens mehr hält, wird nicht viel merken. Aber Argentinien war einst die zweitgrösste Volkswirtschaft in Lateinamerika, sehr entwickelt und wichtig für die Aktienmärkte. Auf lange Sicht gesehen, könnte Argentinien eine wichtigere Rolle auch für Schweizer Anleger spielen, wenn die Politik an den Reformen festhält. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.03.2016, 15:43 Uhr)

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Michael Bolliger ist Leiter der Anlagestrategien für Schwellenländer bei der UBS. (Bild: zvg)

Einigung im Schuldenstreit

Nach jahrelangem Tauziehen hat Argentiniens Regierung den Schuldenstreit mit mehreren US-Hedgefonds beigelegt. Buenos Aires sei bereit, NML Capital, Aurelius und zwei anderen Fonds 4,65 Milliarden Dollar zu zahlen, teilte der Vermittler Daniel Pollack mit. Das sind 75 Prozent der ursprünglich von den Fonds geforderten Summe.

Nach der «Grundsatzeinigung» vom Sonntagabend gehe der Streit nun in seine «letzte Etappe», sagte Pollack. Die Einigung müsse noch vom argentinischen Parlament abgesegnet werden. Ausserdem muss ein Gericht in New York Argentinien wieder den Zugang zum internationalen Finanzmarkt erlauben. (AFP)

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