Wirtschaft

«Anwaltsbranche ist krisenresistent»

Von Rahel Guggisberg . Aktualisiert am 11.03.2010

Experten schätzen die Wertschöpfung in der Anwaltsbranche auf 3,4 Milliarden Franken. Genaue Zahlen fehlen, da Schweizer Kanzleien zurückhaltend sind. Die Finanzkrise hat ihnen neue Geschäftsfelder erschlossen.

Zwei Berner Kanzleien unter den Top 15

Bern ist für Wirtschaftsanwälte nicht das beste Pflaster: Die ganz grossen Geschäfte werden in Zürichs renommierten Anwaltskanzleien abgewickelt. An erster Stelle der Rangliste des «Swiss Equity Magazins» steht darum auch die Zürcher Kanzlei Lenz&Staehelin. Aber dennoch gibt es in Bern zwei Kanzleien, die sich auch auf nationaler Ebene etablieren konnten. Auf Platz elf der Rangliste ist die Kanzlei Kellerhals Anwälte zu finden: Insgesamt beschäftigt sie 65 Anwälte, 27 davon in Bern. Mitte 2006 schloss sich Kellerhals mit der Zürcher Kanzlei Hess Rechtsanwälte zusammen. Vor gut einem Jahr folgte die Erweiterung mit der Basler Kanzlei Christen Rickli und Partner. Begründet wurde der Zusammenschluss damit, dass so nationale und internationale Klienten besser bedient werden könnten. An vierzehnter Stelle kommt die Berner Kanzlei Bratschi Wiederkehr & Buob. Sie beschäftigt 58 Anwälte und wurde von Peter Bratschi, dem Präsidenten der Hotelgruppe Victoria-Jungfrau, mitgegründet. Zwei grosse Schweizer Kanzleien haben zudem Niederlassungen in Bern: Die zehntgrösste Schweizer Kanzlei Walder Wyss & Partner und die an dreizehnter Stelle liegende Kanzlei Wenger Plattner. Walder Wyss & Partner beschäftigt in Bern 9 Anwälte, Wenger& Plattner deren 8. rag

Die Wirtschaftskanzleien sind offenbar relativ gut durch die Krise gekommen: Dies zeigt eine Umfrage dieser Zeitung bei den grossen Berner Kanzleien.

Exakte Zahlen liegen allerdings nicht vor. Der Schweizerische Anwaltsverband (SAV) führt aber über seine Mitgliederzahlen Statistik. Diese verdeutlicht, dass das Wachstum gesund ist: In den letzten zehn Jahren gab es beim SAV jeweils einen jährlichen Zuwachs zwischen 2,6 und 4,3 Prozent. Letztes Jahr registrierte der SAV beispielsweise rund 8200 Anwälte. 2576 davon sind im Kanton Zürich tätig, 980 in Genf und rund 800 Mitglieder in Bern. Zu beachten ist zudem, dass nicht alle Anwälte Mitglieder des SAV sind. Die Zahlen dürften demzufolge noch etwas höher sein. Michael Hüppi, Vorstandsmitglied des SAV, führt das Wachstum auf die gestiegene Nachfrage nach Rechtsdienstleistungen und die Attraktivität des Berufes zurück.

Zurückhaltende Kanzleien

Die Wertschöpfung der Anwaltskanzleien dürfte beträchtlich sein. Hüppi sagt: «Auf Grund einer Praxiskostenstudie und den aktuellen Mitgliederzahlen schätze ich den Gesamtumsatz der Anwaltschaft schweizweit auf 3,4 Milliarden Franken.»

Konkrete Zahlen fehlen, denn Schweizer Kanzleien sind äusserst zurückhaltend und veröffentlichen meist nur die Anzahl Mitarbeiter mit Anwaltspatent sowie die gesamte Anzahl Mitarbeiter. Und: Steuerexperten und Notare haben nicht zwingend Anwaltspatente, sind also oft in der Anzahl Mitarbeiter mitgezählt.

«2009 war ein Rekordjahr»

Gemessen an der Anzahl Mitarbeiter die grösste Kanzlei mit Berner Wurzeln ist Kellerhals Anwälte: Sie beschäftigt schweizweit 183 Mitarbeiter. «Vom Umsatz her gilt das Jahr 2009 in unserer Kanzlei als Rekordjahr», sagt Beat Brechbühl, Managing Partner von Kellerhals Anwälte. Man sei überrascht gewesen, wie gut das Jahr lief. Denn nach dem Zusammenbruch der Banken im Jahr 2008 hätte das Jahr auch ganz anders ausgehen können, gibt er zu bedenken: «Zu verdanken ist das Rekordergebnis den Bereichen der Prozessführung, wo es um die Abwehr von Ansprüchen gegen Banken sowie Forderungsstreitigkeiten aus dem Konkurs der US-Bank Lehman Brothers ging.»

Auch im Transaktionsbereich lief es hervorragend, da sich die Kanzlei Kellerhals auf Fusionen und Übernahmen von mittleren Unternehmen spezialisiert habe: «Dabei kann es zu Transaktionen kommen, die durch die Finanzkrise überhaupt erst möglich wurden, wie zum Beispiel die Übernahme von Oerlikon Space durch Ruag», so Brechbühl.

Wichtig: Lokale Vernetzung

«Grundsätzlich gilt die Anwaltsbranche als krisenresistent, weil die meisten Anwälte branchenmässig diversifiziert sind», sagt Fürsprecher Beat Brechbühl weiter. Er sieht es als Vorteil, wenn die Kanzlei in verschiedenen Kantonen tätig ist: «Die lokale Vernetzung ist in der anwaltlichen Tätigkeit sehr wichtig – vor Ort kennt man die Märkte besser.»

Auch die Kanzlei Bratschi Wiederkehr & Buob mit Niederlassungen in Bern, Zürich, St.Gallen und Basel spürt die Wirtschaftskrise nicht: «Bei uns hat es im letzten Jahr gewisse Verschiebungen bei den Aktivitäten gegeben, so zum Beispiel mehr Reorganisationen statt Unternehmensübernahmen», sagt der Berner Anwalt Lukas Wyss. Es gab mehr Geschäftsliquidationen. Die Umsätze seien indes vergleichbar gewesen mit den Vorjahren.

Geschäftsgang war normal

Auch die Kanzlei Wenger Plattner, die in Bern eine Niederlassung hat, ist zufrieden mit dem Geschäftsgang 2009: Gemäss Anwalt Fritz Rothenbühler ist der Geschäftsgang auch im Krisenjahr normal gewesen.

Es gehe vor allem bei einer angespannten Wirtschaftslage darum, «für die Klienten praktikable Lösungen in vernünftiger Zeit zu tragbaren Kosten zu erarbeiten». Dass die Kanzlei Wenger Plattner über 70 Anwälte an den drei Standorten Basel, Zürich und Bern und neuerdings auch in Genf beschäftigt, sieht Fürsprecher Fritz Rothenbühler als Vorteil: «Ab einer gewissen Grösse können sich die Anwälte besser auf Spezialgebiete konzentrieren, was letztlich wieder den Klienten zugutekommt.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.03.2010, 07:38 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.



Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie ein Wochenende am Blausee für 2 Personen...