«Also sollen sie auch mehr zahlen»
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 21.10.2011 110 Kommentare
Der 68-jährige Rudolf Strahm, Ökonom und Chemiker, ist Autor des Buches «Warum wir so reich sind», erschienen im hep-Verlag. Strahm amtete von 2004 bis 2008 als Preisüberwacher und sass zuvor für die SP im Nationalrat.
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Der gestern vorgestellte Global Wealth Report zeigt: Die Schweizer haben pro Kopf so viel Vermögen wie kaum jemand auf der Welt. Woher kommt der Reichtum der Schweizer?
Wir sind reich, weil wir eine hohe Produktivität haben, also eine hohe Leistung pro Arbeitsstunde. Weil ihre Arbeit von guter Qualität und das technische Können im Land gross ist, ist die Schweiz trotz hoher Löhne und Preise international konkurrenzfähig – mit Spezialitäten, massgeschneiderten Lösungen, Nischenprodukten. Das Land hat Jahr für Jahr einen Überschuss in der Zahlungsbilanz, das vergrössert natürlich den Reichtum.
Welche Rolle spielt die Finanzindustrie?
Der Beitrag der Banken zum Wohlstand wird ständig überbewertet: Über 90 Prozent unserer volkswirtschaftlichen Wertschöpfung stammt aus dem Nicht-Bankensektor. Wir sind auch nie reich geworden durch Kolonialismus oder wegen des Fluchtkapitals aus dem Ausland. Das sind Klischees.
Wer hat denn in der Schweiz Geld?
Reiche in der Schweiz sind vielfach Erben, deren Vermögen oft als Beteiligungen an Firmen gebunden sind. Ausserdem haben sich viele ausländische Superreiche in der Schweiz niedergelassen.
Der Report zeigt auch, dass das Vermögen im Land ungleich gestreut ist: Einige wenige haben sehr viel im Vergleich zum grossen Rest. Woran liegt das?
Das liegt daran, dass das schweizerische Steuersystem die Vermögenskonzentration fördert. Wir haben je nach Kanton tiefe oder gar keine Erbschaftssteuern, und wir haben in manchen Kantonen die Pauschalbesteuerung, die eine extrem tiefe Steuerbelastung bewirkt. So wächst die Konzentration der Vermögen ständig.
Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?
Einerseits stützt die hohe Anzahl an Reichen und Superreichen die Nachfrage im obersten Preissegment – denken Sie etwa an teure Uhren, Bijouterie, Luxusmode, den Luftverkehr oder Hochpreisvillen und Deluxe-Appartements. Das erhöht die Kaufkraft. Auf der anderen Seite bläht diese fantastische Kaufkraft auch die Liegenschaftspreise auf – vor allem im sogenannten goldenen Dreieck zwischen Zürich, Zug und Schwyz sowie am Bassin Lémanique und in Luxuskuroten der Alpen. Die einheimische Bevölkerung wird verdrängt.
Warum ist das ein Problem?
Weil das eine extreme marktwirtschaftswidrige Verzerrung ist: Die Villenbewohner der oberen Zürichsee-Gemeinden und des Kantons Zug profitieren von der Stadt Zürich, von ihren Arbeitsplätzen, der Kultur, den Schulen, dem Verkehr, dem urbanen Milieu. Doch sie bezahlen die Nutzung nicht voll. Die Superreichen werden von der Stadt subventioniert. Und sie fördern gleichzeitig einen Steuerwettlauf nach unten. Das desintegriert die Gesellschaft.
Was also schlagen Sie vor?
Um die extrem ungleiche Reichtumsverteilung zu korrigieren, müsste man einerseits hohe Erbschaften besteuern und andererseits Pauschalsteuern und Abkommen mit ausländischen Superreichen abschaffen. Es muss gelten: gleiche Steuern am gleichen Ort für Schweizer und für Ausländer.
Das bedeutet: mehr Steuern für Reiche. Wozu – wenn es den meisten Leuten doch gut geht?
Die Steuern dienen nicht in erster Linie den Sozialleistungen, sondern der Infrastruktur. Die Ausgaben für Alter, Krankheit oder Invalidität, Arbeitslosigkeit, Familienunterstützung, Sozialhilfe oder Asyl summieren sich auf 36 Prozent aller Staatsausgaben. Der Rest fliesst in die Finanzierung eines zuverlässigen Verkehrswesens, eines hoch stehenden praktisch unentgeltlichen Bildungssystems, eines Spitalsektors der Luxusklasse im internationalen Vergleich, der öffentlichen Sicherheit und Versorgung. Gerade davon profitieren auch die Reichen und Superreichen. Sie kommen wegen der hohen Lebensqualität ins Land. Also sollen sie auch mehr zahlen.
Wenn man die Geschichte betrachtet: Was muss die Schweiz tun, damit sie reich bleibt?
Wohlstand entsteht in erster Linie dank Arbeit. Mit Umverteilung allein wird nirgends in der Welt die Armut beseitigt. Das Wichtigste ist darum, dass Menschen den Einstieg in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft schaffen. Der Schlüssel dazu ist die Berufsausbildung: Länder mit einem dualen Berufsbildungssystem haben eine dreimal tiefere Jugendarbeitslosigkeit als Länder mit bloss vollschulischen Bildungsgängen.
Es wird immer Menschen geben, die es nicht schaffen.
Jede Gesellschaft hat sozial Schwächere. Die Globalisierung der Wirtschaft schafft in Zukunft noch mehr ausgegrenzte Globalisierungsverlierer. Die muss die Gesellschaft finanzieren, unterstützen und wenn möglich wieder in den Arbeitsmarkt integrieren. Dazu braucht es einen funktionsfähigen Staat und eine gute öffentliche Infrastruktur, die allen zusteht – vor allem eine staatlich-republikanische Schule. Ein echtes Armutsrisiko besteht bei kinderreichen Familien und Alleinerziehenden. Hier muss der Staat tatsächlich die Unterstützungsleistungen verbessern.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.10.2011, 12:37 Uhr
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110 Kommentare
Ein tolles Interview! Rudolf Strahm ist für mich einer der besten - wenn nicht der beste - Analytiker unseres Landes. Er versteht die wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge perfekt und kann sie dem Publikum in einfachen Worten darlegen. Wenn es doch hierzulande nur mehr Leute seines Kalibers gäbe!! Stattdessen müssen wir uns mit Persönchen wie Bastien Girod oder Ulrich Schlüer herumschlagen. Antworten
Die SP sollte sich glücklich schätzen, neben Kapitalismusüberwindern und Umverteilern, auch Leute wie Rudolf Strahm innerhalb ihrer Reihen zu haben. Würde weniger ideologisches Gezänk, dafür mehr Strahm oder Sommaruga ausserhalb der Partei wahrgenommen, die SP wäre DIE Partei zu wählen. Antworten
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