Alles okay – und dann der Absturz

Wie gesund sind Europas Banken? Die letzten Antworten endeten im Fiasko. Warum diesmal alles anders werden soll.

Auch deutsche Banken müssen fürchten, beim europäischen Stresstest durchzufallen - Frankfurter Skyline.

Auch deutsche Banken müssen fürchten, beim europäischen Stresstest durchzufallen - Frankfurter Skyline. Bild: Boris Roessler/Keystone

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Wie gesund und widerstandsfähig sind die grössten Banken in der Eurozone? Reicht ihre Kapitalausstattung aus, um auch eine längere schwere Wirtschaftskrise zu überstehen? Welche Geldhäuser müssen sich neue Eigenmittel beschaffen? Und gibt es gar solche, denen wegen fehlenden Kapitals ein Insolvenzverfahren droht? Antworten auf all diese Fragen soll es am nächsten Sonntag geben. Die Europäische Zentralbank (EZB) will dann offiziell über die Ergebnisse ihres Gesundheitschecks berichten, dem sie in den letzten zwölf Monaten 130 Banken in 19 Euroländern unterzogen hat.

Die Erwartungen an diese umfassende Durchleuchtung der Bankbilanzen sind riesig – nicht zuletzt von der EZB selber. Oberstes und wichtigstes Ziel ist die Vertrauensbildung: Die Bankenprüfung soll so transparent und gleichzeitig so anspruchsvoll und ganzheitlich angelegt sein, dass alle Unklarheiten und Zweifel über die Verfassung des europäischen Finanzsektors ein für alle Mal ausgeräumt werden. Davon versprechen sich die Frankfurter Währungshüter einen «Ruck» durch ganz Europa. Ihr Kalkül: Wenn die Banken erst mal genau wissen, wie es um sie steht – und um die anderen Finanzinstitute, mit denen sie über zahllose Geldströme so eng verflochten sind –, sind sie auch eher willens, neue Kredite an die Realwirtschaft zu vergeben und die damit verbundenen Risiken einzugehen.

Die definitiv letzte Gelegenheit

Bei ihrem vordringlichen Bestreben, den Bilanzprüftest an den Finanzmärkten und in der breiten Öffentlichkeit als glaubwürdig darzustellen, muss die EZB erst mal eine drückende Hypothek wegräumen. Die vergangenen europäischen Bankenstresstests von 2010 und 2011, bei denen die Aufseher der European Banking Authority (EBA) in London die Federführung hatten, waren in die Binsen gegangen. 2010 bestanden auch jene irischen Kreditinstitute das Examen, die kurz darauf vom Staat gerettet werden mussten (und dafür diesen an den Rand des Bankrotts brachten). Ein Jahr später vermochte der Test jene Schwächen im spanischen Bankensektor nicht offenzulegen, die den spanischen Staat 2012 zwangen, einen Kredit beim Eurorettungsfonds aufzunehmen, um damit einzelne taumelnde Institute zu rekapitalisieren.

In beiden Fällen hatte die EBA die Stressszenarien für die getesteten Geldinstitute viel zu milde angelegt. Ein nochmaliges Fiasko können sich Europas Finanzwächter schlicht nicht leisten. Aus Sicht vieler Beobachter besteht mit der jetzigen Bilanzdurchleuchtung die endgültig letzte Gelegenheit, die Banken im Euroraum mit einem weltweit anerkannten und belastbaren Gütesiegel zu versehen. Insbesondere für die EZB steht viel auf dem Spiel: Verpfuscht sie diese Übung, hätte die Notenbank ein schweres Glaubwürdigkeitsproblem, noch bevor sie am 4. November – im Rahmen des einheitlichen Überwachungsmechanismus in der Eurozone – die Zuständigkeit für die Bankenaufsicht von den nationalen Behörden übernimmt. Mit dem vorgängigen Gesundheitscheck der Geldinstitute will die EZB möglichst alle «Bilanzleichen» zum Vorschein bringen, bevor sie in der Verantwortung steht.

Drastisch verschärftes Stressszenario

Die EZB hat denn auch einen bislang nicht gesehenen Aufwand betrieben, um die 130 ausgewählten Grossbanken – die rund 85 Prozent aller Vermögensbestände der Branche umfassen – auf Herz und Nieren zu prüfen. Das im Oktober 2013 lancierte Projekt ist zweistufig: In einem ersten Schritt wurde mittels eines Bilanzchecks untersucht, wie die Banken ihre Aktiven bewerten und mit Kapital unterlegen; dabei richtete sich das besondere Augenmerk auf die illiquideren Bestände und die komplexeren Produkte (sogenannte «Level-three Assets»). Die dabei gewonnenen Einblicke in die Qualität der Bankbilanzen sind beim nachfolgenden Stresstest, dem zweiten Schritt, berücksichtigt worden. Diese Verknüpfung von Bilanz- und Stresstest stellt laut EZB eine erhebliche Verbesserung gegenüber den vorausgegangenen Bankprüfungen dar.

Darüber hinaus ist das Stressszenario gegenüber 2010 und 2011 nochmals beträchtlich verschärft worden. Die Banken müssen ab 2014 eine dreijährige Rezession mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 7 Prozent, begleitet von heftigen Turbulenzen an den Finanzmärkten und einem Einbruch der Immobilienpreise, verkraften. Und «verkraften» heisst: Das harte Kernkapital der Banken, also die qualitativ hochwertigsten Eigenmittel, müssen während des Beobachtungszeitraums stets über 5,5 Prozent der risikogewichteten Aktiven betragen. Beim Normalszenario muss die entsprechende Kapitalquote über der 8-Prozent-Marke liegen. Dem ganzen Verfahren liegen die Jahresabschlüsse 2013 zugrunde.

Auch deutsche Banken stehen auf der Kippe

Ob wegen der weitaus härteren Testanlage entsprechend viele Banken «nicht bestehen» und gehalten sind, ihre Kapitallücken aufzufüllen, ist unter Experten umstritten. Hat doch eine ganze Reihe von Geldhäusern bereits präventiv Vorkehrungen getroffen – durch den Verkauf von Kreditportefeuilles, ganzen Aktivitätsfeldern und Tochtergesellschaften sowie durch Kapitalerhöhungen. Wie EZB-Präsident Mario Draghi Anfang Oktober ausführte, verstärkten die Geldhäuser seit Sommer letzten Jahres ihre Bilanzen für gut 200 Milliarden Euro; davon entfielen rund 60 Milliarden auf die Ausgabe neuer Aktien.

Gleichwohl gehen Beobachter davon aus, dass ein rundes Dutzend Banken die Mindestanforderungen nicht erfüllen wird. Allein schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit muss die EZB daran interessiert sein, dass eine ansehnliche Zahl von Instituten «durchfällt». Fragezeichen bestehen insbesondere hinsichtlich einiger italienischer Institute, wobei die Banca Monte dei Paschi di Siena am häufigsten genannt wird; italienische Medienberichte vom Wochenende wollten dort von einer Kapitallücke von bis zu 1,7 Milliarden Euro wissen. Neben Geldhäusern aus den Peripherieländern Portugal und Griechenland gelten aber auch mittelgrosse Akteure aus Deutschland als gefährdet, namentlich öffentlich-rechtliche Landesbanken wie die NordLB oder die HSH Nordbank.

Die Stunde der Wahrheit naht

Ab dieser Woche geht es nun Schlag auf Schlag. Die Geschäftsleitungen der durchleuchteten Banken werden am Donnerstag über die «vorläufigen endgültigen Ergebnisse» in Kenntnis gesetzt – drei Tag vor der offiziellen Bekanntgabe der Endresultate. Die gestrauchelten Finanzinstitute haben zwei Wochen Zeit, um der EZB mitzuteilen, wie sie die fehlenden Eigenmittel aufbringen wollen. Um die beim Bilanzcheck und beim Normalszenario des Stresstests ermittelten Kapitallücken zu schliessen, ist den Akteuren eine Frist von sechs Monaten eingeräumt worden. Für Bilanzlöcher, die im Zuge des Stressszenarios aufgedeckt wurden, beträgt das Zeitfenster neun Monate.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 21.10.2014, 06:37 Uhr)

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