14-mal «unsicher»

Gemäss US-Notenbank sind baldige Zinserhöhungen noch unwahrscheinlicher geworden. Was aber, wenn die Kurse wieder steigen?

Ein klares Bild über die Verfassung der US-Wirtschaft zu erhalten, fällt derzeit auch ihr nicht leicht - US-Notenbankchefin Janet Yellen.

Ein klares Bild über die Verfassung der US-Wirtschaft zu erhalten, fällt derzeit auch ihr nicht leicht - US-Notenbankchefin Janet Yellen. Bild: Gary Cameron/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das «Wall Street Journal» hat genau nachgezählt: Nicht weniger als 14-mal seien die Wörter «unsicher» oder «Unsicherheit» im gestern veröffentlichten Protokoll über die geldpolitische Sitzung der US-Notenbank (Federal Reserve, Fed) von Ende Januar enthalten gewesen. Im vorangegangenen Protokoll über die Dezember-Sitzung des Fed – an der die Leitzinserhöhung von 0,25 Prozentpunkten beschlossen wurde – seien die Wörter lediglich halb so oft und im Oktober sogar nur sechsmal erschienen. In der Tat: Worin sich sämtliche Notenbanker in den USA derzeit einig sind, ist der seit Dezember gestiegene Grad an Unsicherheit bei der Beurteilung der wirtschaftlichen Aussichten.

Dementsprechend ist eine weitere Straffung der geldpolitischen Zügel an der nächsten Fed-Zusammenkunft von Mitte März noch unwahrscheinlicher geworden. Unter den US-Währungshütern scheint sich der Konsens zu festigen, mit Zinserhöhungen so lange zuzuwarten, bis klarer zu erkennen ist, wie sich die Wirtschaft und die Inflationsrate in den USA entwickeln. Die heftigen Turbulenzen an den Finanzmärkten zu Jahresbeginn – mit sinkenden Aktienkursen, steigenden Zinskosten für kapitalschwache Firmen und einem stärkeren Dollar – haben die monetären Rahmenbedingungen verschärft. Wie im Protokoll vermerkt wird, sei diese Verschärfung «ungefähr gleichwertig» mit weiteren Zinserhöhungen. Die Aussage lässt wachsende Zweifel erkennen, ob in einem solchen Marktumfeld eine zusätzliche Straffung durch höhere Zinsen angebracht ist. Dennoch sind die Fed-Mitglieder an ihrer Januar-Sitzung nicht so weit gegangen, von ihrem bisherigen Zinserhöhungspfad – der vier Schritte im laufenden Jahr impliziert – formell abzurücken.

Unerwartet robuster Arbeitsmarkt

Eine gewisse Irritation lassen Amerikas Notenbanker darüber erkennen, dass sich der Arbeitsmarkt von den jüngsten Finanzmarktstürmen unbeeindruckt zeigt und weiterhin solide Zunahmen an neuen Stellen verzeichnet. Mit einer Arbeitslosenrate von 4,9 Prozent ist inzwischen ein Niveau erreicht, das mit Vollbeschäftigung gleichgesetzt werden kann. Mehr noch: Die wachsenden Schwierigkeiten, Personal zu rekrutieren, widerspiegeln sich in stärker steigenden Stundenlöhnen. Auch scheint die amerikanische Wirtschaft ihre Schwäche gegen Ende 2015 – mit einer aufs Jahr hochgerechneten Wachstumsrate von 0,7 Prozent im vierten Quartal – überwunden zu haben. Jedenfalls rechnet die Fed-Niederlassung in Atlanta für das erste Quartal 2016 mit einem Jahreswachstum des Bruttoinlandprodukts von 2,6 Prozent.

Was aber den Eindruck eines breit abgestützten Aufschwungs schmälert, ist die immer noch verhaltene Inflationsentwicklung. Ob sich daran schon im laufenden Halbjahr etwas ändern wird, scheinen manche US-Notenbanker zu bezweifeln. Noch grösser ist ihre Besorgnis mit Blick auf die sinkenden Inflationserwartungen. Sind sie doch ein Misstrauensvotum an die Adresse der Federal Reserve, weil unter den Wirtschafts- und Marktakteuren die Skepsis wächst, ob die Währungshüter ihr Inflationsziel von 2 Prozent auf Dauer erreichen können. Was wiederum wenig verwundert angesichts der Tatsache, dass die US-Teuerungsrate seit mittlerweile dreieinhalb Jahren unter diesem Zielwert verharrt. An diesem Freitag werden neue Daten zum Verlauf der US-Konsumentenpreise veröffentlicht.

Notenbanker in Geiselhaft der Märkte

Die zweite grosse Unbekannte für Fed-Chefin Janet Yellen und ihre Mitstreiter sind die Finanzmärkte. Die erste Wochenhälfte verlief sehr erfreulich: Der S & P 500, der meistbeachtete Börsenindex in den USA, erzielte den höchsten Dreitagesgewinn seit dem vergangenen August. Eine der treibenden Kräfte ist indes die US-Notenbank selbst. An den Märkten setzt sich nämlich die Überzeugung durch, dass angesichts der zahllosen Unwägbarkeiten politischer und wirtschaftlicher Natur die Zinserhöhungsschritte viel langsamer und in geringerer Zahl erfolgen werden als zur Jahreswende erwartet.

Die Federal Reserve sieht sich somit, einmal mehr, in einen Rückkopplungsmechanismus mit den Märkten eingebunden. Sobald die Notenbanker erkennen lassen, dass sie die Geldpolitik straffen wollen, wächst die Nervosität an den Börsen, worauf die Investoren in sichere Anlagen und damit in den Dollar fliehen. Neigen die Währungshüter aber dazu, Zinserhöhungen aufzuschieben – aus Angst davor, dass die Marktturbulenzen die Realwirtschaft bremsen könnten –, lösen sie ein Kursfeuerwerk aus. So lange, bis sich unter den Fed-Protagonisten ein neuerlicher Stimmungsumschwung abzeichnet.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.02.2016, 18:25 Uhr)

Artikel zum Thema

Yellen schickt Börsen weltweit auf Talfahrt

Mini-Crash im Aktienhandel: Der SMI verliert heute Morgen zeitweise fast 4 Prozent. Besonders die Bankentitel haben massiv verloren. Mehr...

Der Fed-Entscheid – wieder im Blindflug

Die Panik an den Märkten ist auch bei der US-Notenbank angekommen. Die erwartete Zinsnormalisierung steht bereits wieder infrage. Mehr...

5 Fragen zum Fed-Entscheid

Bravo, alles richtig gemacht, Mrs. Yellen! Die Fed-Chefin wird gefeiert. Und die grossen Ökonomen? Die finden das Haar in der Suppe. Mehr...

Sponsored Content

Wie liebt die Schweizerin?

Frauen befriedigen ihre erotischen Fantasien im Internet!

Werbung

Kommentare

Sponsored Content

Wie liebt die Schweizerin?

Frauen befriedigen ihre erotischen Fantasien im Internet!

Die Welt in Bildern

Eingetaucht: Taucher spielen mit Sardinen im Coex-Aquarium von Seoul. (29. Juli 2016)
(Bild: AP/Ahn Young-joon) Mehr...