Noch heute leben Juden in Stalins Sowjet-Palästina
Von Claudio Habicht. Aktualisiert am 05.08.2009 1 Kommentar
Der russische Ferne Osten
Wer sechs Tage mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau tief in den Osten Russlands fährt, rattert einige Stunden vor Erreichen des Pazifikhafens Wladiwostok durch Stalins vergessenes Palästina: das Jüdische Autonome Gebiet, besser bekannt unter dem Namen seiner Hauptstadt Birobidschan. Noch heute ist der Bahnhof auf Russisch und Jiddisch angeschrieben; zudem gibt es in der 75’000-Einwohner-Stadt ein jüdisches Gemeindehaus, eine neue Synagoge, einen jüdischen Bürgermeister, koschere Läden – und in den Kiosken liegt die jiddischsprachige Zeitung «Der Birobidshaner Shtern» auf.
Nur noch 2000 jüdische Einwohner
Nur eines gibt es fast nicht mehr: Juden. Bereits 1989 waren nur noch 9000 der insgesamt 200'000 Einwohner offiziell als jüdisch registriert, heute werden es noch weniger sein. Schätzungen gehen von 2000 Personen aus, regelmässig den Gottesdienst besuchen etwa 30. «Auf der Strasse wird nur selten Jiddisch gesprochen», bestätigt Albina Sergejewa von der jüdischen Gemeinde gegenüber der «Süddeutschen Zeitung».
Die Glanzzeit des sozialistischen Palästinas dauerte nur kurz: Als die Sowjetstrategen 1934 das autonome jüdische Territorium errichteten, wurde das Projekt sowohl in der Sowjetunion als auch im Ausland mit Begeisterung aufgenommen, wie der Historiker Robert Weinberg in seinem Buch «Birobidschan. Stalins vergessenes Zion» schreibt. Doch trotz Promotionskampagnen entschieden sich nur wenige, in das unwirtliche, von Sümpfen durchzogene Land an der chinesischen Grenze zu ziehen. 1939 lebten erst 109'000 Menschen im Gebiet, davon wiederum nur 18'000 Juden. Damit erfüllten sich die hochtrabenden Pläne der sowjetischen Führung nicht.
Die wahren Ziele des Kremls
Ursprünglich hatte Stalins Regime vorgesehen, einige hunderttausend Juden im Fernen Osten als Bauern anzusiedeln und sie zu guten Sozialisten zu machen. «Nur unter diesen Voraussetzungen dürfen die jüdische Massen auf einen Fortbestand ihrer Nationalität vertrauen», sagt der sowjetische Staatschef Michail Kalinin 1926 – ganz im Sinne der sowjetischen Nationalitätenpolitik, wonach jedes Volk im Vielvölkerstaat Russland ein eigenes Territorium erhalten soll (um sie milde zu stimmen). Die Kommunistische Partei verfolgte mit Birobidschan jedoch noch andere Ziele. Zum einen sollte die Auswanderung von Juden aus der Sowjetunion ins britisch kontrollierte Palästina unterbunden werden. Zum anderen wollte die Sowjetunion ihre geostrategische Position entlang der chinesisch-russischen Grenze stärken. Da kamen die jüdischen Siedler gerade recht.
Für den Politologen Zvi Gitelman ist der Hauptgrund für die Schaffung von Birobidschan jedoch die Lösung des «jüdischen Problems»: Die Juden sollten nicht mehr im westlichen Teil Russlands siedeln und ihre Lebensweise – sie waren meist Händler, Handwerker oder Bettler – aufgeben. Mit dem Projekt wollte man die soziale Bombe im westlichen Teil der Sowjetunion entschärfen: Hunderttausende Juden lebten dort in Armut, Anfang der 20er-Jahre machten die Juden etwa in der weissrussischen Stadt Gomel 70 Prozent der Arbeitslosen aus. Der Kreml erhoffte sich zudem, dass mit der Aussiedlung der Juden gen Osten auch der Antisemitismus und die immer wiederkehrende Pogrome aufhörten.
Viele wanderten nach Israel aus
Nach 1936, als Stalin das Land von Feinden «säuberte», um seine Herrschaft zu festigen, wurden auch viele Birobidschaner in Arbeitslager gesteckt. Auch die jüdischen Schulen wurden geschlossen. Nach Stalins Tod 1953 ging der Niedergang weiter. Daran konnte auch der Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 nichts ändern – trotz Finanzhilfe aus dem Ausland und Unterstützung durch die neuen Machthaber. Viele wanderten auch nach Israel aus. Birobidschan ist heute nicht mehr als eine durchschnittliche russische Provinzstadt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.08.2009, 14:26 Uhr
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