Wirtschaft
Imagepolitur für Obamas unbeliebten Star
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 25.02.2010
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Rahm Emanuel ist vielleicht nicht die ideale Auskunftsperson, wenn es um Fragen des guten Rufs geht. Der Stabschef des Präsidenten kämpft wegen seiner frechen, von Selbstzweifeln völlig unbelasteten Art selber mit grossen Imageproblemen. Dennoch: Emanuel steht Obama nahe und ist oft seines Meisters Stimme: «Der Präsident betrachtet Tim als einen seiner Stars», so Emanuel, Timothy Geithner habe sein Amt auf sicher, da er eine Schlüsselfigur beim Wiederherstellen des Vertrauens der Bevölkerung darstelle.
Emanuels Einschätzung ist bemerkenswert. Sie zeigt, dass der Präsident besorgt ist um das Image des Finanzministers und sich nun gezwungen sieht, ihn öffentlich – in diesem Fall gegenüber dem «Wall Street Journal» – gegen Rücktrittsforderungen von rechter Seite in Schutz zu nehmen. Obwohl Geithner eine zentrale Rolle bei der Brandbekämpfung an der Wallstreet hatte und obwohl der von ihm orchestrierte Auskauf der Banken unpopulär war und bleibt, ist er ein Unbekannter geblieben. Laut Umfragen wussten vor einem Jahr 51 Prozent der Bevölkerung nicht, wer Geithner ist, inzwischen sind es gar 54 Prozent. Und wer ihn kennt, hat ein ungünstiges Bild von ihm. Neben dem Vorwurf der Günstlingswirtschaft zugunsten einzelner Banken wie Goldman Sachs steht er sogar im Verdacht, direkt im Solde der Wallstreet zu stehen und darum jede wirksame Finanzreform zu bremsen.
Eine verführerische Offerte
Der Verdacht ging so weit, dass Senator John Kerry öffentlich erklärte, Geithner habe früher selber für eine Investmentbank gearbeitet, deshalb die zaghaften Reformen. Die Verwechslung ist nicht ganz zufällig: Geithner arbeitete mehrere Jahre als Chef der New Yorker Federal Reserve, die direkt mit den Wallstreet-Banken Geschäfte tätigt und selber an den Finanzmärkten aktiv ist. Wie zudem erst diese Woche bekannt wurde, erhielt Geithner mitten in der Finanzkrise das Angebot, die Führung der angeschlagenen Citigroup zu übernehmen; eine Offerte, die er gemäss eigenen Worten nur schweren Herzens ausschlug. Dafür aber war es auch Geithner, der sich in der Regierung vehement gegen die Auswechslung von Citigroup-Chef Vikram Pandit wehrte – und Recht erhielt. Solch pikante Details tragen nicht dazu bei, im Finanzminister eine treibende Kraft in Sachen Finanzreform zu sehen.
Shoppen mit Michelle
Der erste Versuch, das Bild des Finanzministers zu korrigieren, unternahm Michelle Obama. Sie schleppte Geithner vergangene Woche mit nach Philadelphia zu einem Auftritt im Rahmen ihrer Aufklärungskampagne gegen die Fettsucht. Der Vater von zwei Kindern hatte dort Gelegenheit, sich in einem Nahrungsmittelgeschäft umzutun und sich mit dem Verkaufspersonal und der immens populären Frau des Präsidenten ablichten zu lassen.
Diese Woche erschienen dann zwei grosse Artikel im «Wall Street Journal» sowie im Modemagazin «Vogue», in denen Geithner ausführlich zu Wort kommt und in denen Freunde und Kollegen ein ausgesprochen günstiges Bild entwerfen. Geithner ist demnach nicht der abgehobene, bankenhörige Technokrat, sondern der humorvolle, bescheidene, dem Volk verpflichtete Mann hinter den Kulissen, ohne den es nicht gelungen wäre, die Finanzkrise zu meistern.
PR-Kamagne kommt überraschend
Geithner selber ist sich seiner labilen Position durchaus bewusst. Der Zorn gegen ihn sei natürlich, aber auch ein Abbild eines grösseren Misstrauens in die Politik insgesamt, so Geithner im Gespräch mit «Vogue». Zur Debatte stehe aber nicht seine persönliche Verfassung: «Das zu tun, was populär erscheint, führt in die Irre. Dann verliert man die Integrität, das zu tun, was das Land stärker machen wird.»
Die gezielte PR-Kampagne der letzten Tage kommt für Vertraute von Geithner nicht völlig überraschend. «Tim ist ein Pragmatiker und ein Gradliniger, der nicht permanent auf politische Vorteile schielt», sagt eine gute Bekannte, die Geithner seit den Hochschuljahren am Dartmouth College kennt (wo auch sein Vorgänger Hank Paulson studiert hatte). «Er agiert lieber hinter den Kulissen, als in Hochglanzmagazinen herumgezeigt zu werden.» Dass Obamas Leute selbst «Vogue» einspannt hätten, zeige nur, wie stark der Präsident auf Geithner zähle und sein Urteil schätze.
Vorbild Lyndon B. Johnson
Selbst seine Frau findet, dass der Finanzminister angesichts der wirtschaftlichen Misere zu wenig Emotionen zeigt. Angesprochen auf diesen Ratschlag, sagt er nur, dass er sein Amt sehr wichtig nehme und gerade deswegen keine Emotionen zeigen dürfe. Es sei wichtig, sich «in einem politischen Theater wie den Anhörungen im Kongress» nicht provozieren zu lassen. Diese stoische Art teilt er mit dem Präsidenten. Aber wie beim Präsidenten auch wird eine PR-Kampagne nicht genügen, das Image zu korrigieren. «Am Ende zählt nicht, was man glaubt, sondern das, was man erreicht.» Das Zitat stammt von Lyndon B. Johnson, dem letzten demokratischen Präsidenten, dem eine grössere Sozialreform gelang und dem sein eigener Ruf ziemlich egal war. Kaum ein Zufall, wenn Geithner Johnson als sein grosses politisches Vorbild bezeichnet.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.02.2010, 04:00 Uhr
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