«Es wird nach den Regeln der Männer gespielt»

Zu wenig Frauen in der Chefetage: Was sich laut Kadervermittler Guido Schilling ändern muss.

Forscht über den Frauenanteil in Schweizer Unternehmen: Headhunter Guido Schilling.

Forscht über den Frauenanteil in Schweizer Unternehmen: Headhunter Guido Schilling.

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Der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen stagniert seit zehn Jahren. Welches sind die Hauptgründe?
Ich bin enttäuscht, wie wenig Erfolg die intensiven Bemühungen zur Frauenförderung in der Geschäftsleitung gebracht haben. Dies hat viele Gründe: das gesellschaftliche Bild der Frau im Arbeitsleben, der soziale Wohlstand, die staatlichen Rahmenbedingungen wie eine schlechte Abdeckung von Tagesschulen. Die zwei Hauptgründe sind aber immer noch die Firmen und die Frauen.

Was machen die Frauen denn falsch?
Sie machen nichts falsch. Ihre Bedürfnisse passen nur noch nicht mit der Kultur der Unternehmen zusammen. Um an der Spitze erfolgreich zu sein, müssen Frauen heutzutage immer noch auf alles links und rechts neben der Karriere verzichten. Eine solche Frau wird aber in unserer Gesellschaft immer noch nicht akzeptiert. Auch haben die meisten Frauen vielfältigere Bedürfnisse. Neben dem Beruf haben sie auch Erwartungen an ein erfülltes Familienleben und an ein soziales Umfeld. Firmen, die einen Ersatz für eine Spitzenposition suchen, wollen hoch qualifizierte Personen, die sich schon bewiesen haben und auf eine Topkarriere ausgerichtet sind. Von solchen Frauen gibt es im Markt einfach noch nicht genug.

Also müssten sich die Frauen an die Bedürfnisse der Firmen anpassen?
Nein. Es geht auch andersrum. Im öffentlichen Sektor oder bei staatsnahen Betrieben sind viel mehr Frauen in den Chefetagen. Das hat auch damit zu tun, dass die Bedingungen dort besser zu den Bedürfnissen der Frauen passen: geregeltere Arbeitszeiten, weniger spontane Auslandsreisen. Bei den SBB ist zum Beispiel jedes vierte Topkader eine Frau. Wenn ein Unternehmen auf die Bedürfnisse der Frau eingeht, können diese besser bis in die hohen Positionen entwickelt werden.

Und wieso gehen viele private Unternehmen nicht auf die Bedürfnisse ein?
Viele Firmen sagen, sie könnten sich das nicht erlauben, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Sie suchen sich die für sie Besten rund um den Globus und finden diese halt am wenigsten bei den Schweizer Frauen. Doch dies wird sich ändern. Heute sind über 50 Prozent der Studierenden weiblich. Keine Firma wird in Zukunft auf diesen grossen Pool an qualifizierten Arbeitskräften verzichten wollen.

Das Problem wird sich mit der Zeit also von selbst lösen?
Ja, es ist ein Generationenproblem. Junge Frauen steigen heute ganz anders ins Berufsleben ein als noch ihre Mütter. Sie haben andere Erwartungen ans Studium und ans Berufsleben. Früher begnügten sich Frauen mit einem Aushilfsjob neben dem Hausfrauendasein. Heute sind sie nicht mehr bereit, sich unter ihrem Niveau zu schlagen. Es gibt immer mehr Mütter, die beruflich erfolgreich sind. Wir brauchen solche Vorbilder für die nächste Generation.

Und was wird sich bei den Firmen ändern?
Unternehmen, die in den nächsten Jahren zeigen können, dass sie erfolgreich Frauen an den Spitzen integriert haben, werden die besten Frauen anziehen und so aus einem viel grösseren Pool auswählen können. Andere Firmen werden dann mitziehen und für Frauen attraktive Bedingungen schaffen.

Ist das heute noch nicht der Fall?
Die Verweildauer von Frauen im obersten Management ist kürzer als diejenige von Männern. Das liegt daran, dass immer noch nach den Regeln der Männer gespielt wird. Frauen wollen sich dies nicht uneingeschränkt antun und schauen sich nach Alternativen um. Hier braucht es ein Umdenken.

Es liegt also am männlichen Ego, dass es noch nicht gemischte Geschäftsleitungsteams gibt?
Das sagen Sie jetzt. Ich bin überzeugt, dass zukunftsorientierte Männergremien erkennen werden, wie wertvoll durchmischte Teams sind, und dass sie den Willen aufbringen werden, die Rahmenbedingungen zu ändern. Es ist bewiesen, dass gemischte Teams zu nachhaltigeren, ausgewogeneren und besseren Entscheidungen führen. Doch den Willen, diese zu bilden, können wir nicht erzwingen.

Dieses Jahr befasst sich das Parlament mit der Frauenquote. Wäre dies eine Möglichkeit, den Prozess zu beschleunigen?
Ich bin gegen eine Frauenquote. Die Schweiz ist stolz darauf, ein liberales Land zu sein. Um die Arbeitsplätze zu sichern, müssen Unternehmen sich frei entwickeln können. Und auch Frauen müssen sich frei entwickeln können. Keine starke Frau möchte in einem Quotenland eine Führungsposition bekommen. Mit oder ohne Quote wird es noch 20 Jahre dauern, bis wir einen akzeptablen Frauenanteil in den Geschäftsleitungen haben. Bei den Verwaltungsräten wird es schneller gehen.

Also keine Frauenquote. Was dann?
Es fehlt in der Schweiz am Bekenntnis der Wirtschaft. Unser grosses Vorbild sollte Grossbritannien sein. Dort haben sich vor fünf Jahren wichtige Wirtschaftskapitäne zusammengetan und sich entschieden, auf durchmischte Teams zu setzen. Innert fünf Jahren ist der Frauenanteil in Verwaltungsräten von 12 Prozent auf 26 Prozent gestiegen.

Wäre das in der Schweiz auch möglich?
Wenn sich die richtigen Köpfe zusammentun würden, wäre dies auch hier möglich. Von den hundert grössten Unternehmen in der Schweiz gibt es immer noch 19, die keine einzige Verwaltungsrätin beschäftigen. Diese kommen jetzt unter Druck. Denn die Schweiz ist so bereit wie noch nie, um den Erfolg von durchmischten Teams zu erkennen.

Warum ist es bis jetzt nicht passiert?
Die Schweiz braucht einen Winkelried für die Gender Diversity in der Wirtschaft. Einen Fahnenträger, der sich zu durchmischten Teams bekennt und den Prozess vorantreibt. Das müsste ein wichtiger Wirtschaftskapitän sein.

Wer könnte dieser Fahnenträger konkret sein?
Auch Winkelried wurde nicht von aussen überzeugt, wie ich in der Geschichte gelernt habe. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.03.2016, 15:51 Uhr)

Stichworte

Schilling Report 2016

Guido Schilling und sein Team untersuchten die Zusammenstellung der Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen der 100 grössten Schweizer Unternehmen. Die Grösse wurde definiert durch Anzahl Arbeitsplätze. Der Fokus des Berichts liegt auf dem Anteil der Frauen sowie der Ausländer. Mittlerweile sind 16 Prozent der Verwaltungsräte weiblich, ein leicht steigender Trend. Bei den Geschäftsleitungen stagniert der Anteil Frauen aber seit 10 Jahren bei sechs Prozent. Erstmals seit vier Jahren gibt es wieder mehr Ausländer, allen voran Deutsche, in den Chefetagen.

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