Wirtschaft
Die Krisengewinnerinnen
Von Judith Wittwer. Aktualisiert am 01.12.2009
Laut Bundesamts für Statistik gehen heute 2,2 Prozent mehr Frauen einer bezahlten Arbeit nach als noch vor einem Jahr: Passantin am Zürcher Paradeplatz. (Bild: Keystone)
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Frauen verdienen in der Schweiz noch immer rund ein Fünftel weniger als Männer. Und in der Chefetage bleiben sie eine rare Spezies. Sonst gehören sie in der Arbeitswelt aktuell zu den Gewinnern: Während die Männer massenhaft entlassen werden, nimmt auch in der Krise die Anzahl erwerbstätiger Frauen zu. Laut dem neusten Beschäftigungsbarometer des Bundesamts für Statistik gehen heute 2,2 Prozent mehr Frauen einer bezahlten Arbeit nach als noch vor einem Jahr. Zugleich liegt die Arbeitslosenquote bei den Männern seit kurzem saisonbereinigt über jener der Frauen (siehe Grafik). Das Staatssekretariat für Wirtschaft kommt daher zum Schluss: «Männer sind von der Krise bislang überproportional betroffen.»
Damit bestätigt sich auf dem Schweizer Arbeitsmarkt ein Trend, der in den USA schon lange zu beobachten ist. So stellte «The New York Times» bereits im Februar fest, dass seit Beginn der Rezession 82 Prozent aller Entlassenen Männer waren. Die Männer sind im Bau, in der Industrie und an der Wallstreet übervertreten. Die Immobilien- und Finanzkrise trifft sie daher härter als die Frauen. Traditionelle Frauenberufe wie Krankenpflegerin oder Lehrerin sind Konjunktureinbrüchen weniger ausgesetzt. Sie erweisen sich als krisenresistenter.
Teilzeitarbeit erhalten
In der Schweiz leiden vor allem die Exportindustrie und die Finanzbranche unter Einbrüchen. Beides Bereiche mit hohem Männeranteil. Dass das vermeintlich starke Geschlecht bislang als Verlierer aus der Wirtschaftskrise hervorgeht, kommt für Ruedi Christen vom Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) daher nicht überraschend.
Erstaunt über diesen Befund ist man hingegen beim grössten Schweizer Berufsverband der Angestellten in Büro und Verkauf (KV Schweiz). Die Gleichstellungsbeauftragte Barbara Gisi hatte zunächst befürchtet, dass Frauen rascher ihre Stelle verlieren würden - auch, weil viele Teilzeit arbeiten und in den Firmen trotzdem einen eigenen Arbeitsplatz beanspruchen, also Fixkosten verursachen. «Unter dem Strich stellen wir nun aber fest, dass selbst bei den Banken und Versicherungen Frauen nicht stärker vom Abbau betroffen sind als Männer», sagt Gisi.
Dabei strich die Branche viele Jobs in Abteilungen, die nicht direkt zum Kerngeschäft zählen, bei den Frauen jedoch sehr beliebt sind. So bauten die Banken etwa im Personalwesen oder im Sponsoring viele Stellen ab. Gespart wird auch bei einfacheren, administrativen Arbeiten, die oft von älteren Frauen erledigt wurden. Für Denise Chervet vom Bankenpersonal-Verband ist klar, dass man den Bankmanagern und Versicherern weiter auf die Finger schauen muss: «Wir haben dafür gekämpft, dass Frauen nicht benachteiligt werden. Statt zu kündigen, sollte Teilzeit erhalten und überdies gefördert werden. Nun überwachen wir die Umsetzung.»
Höheres Bildungsniveau
Überraschend robust erweist sich in der Schweiz bisher der private Konsum - und auch das kommt den Frauen zugute. So beschäftigen Detailhandel und Gastgewerbe besonders viele Arbeitnehmerinnen. Nicht selten verfügen diese nur über eine rudimentäre Berufsausbildung.
Ein hohes Bildungsniveau - so stellte der Bundesrat jüngst allerdings fest - vermindert das Risiko, arbeitslos zu werden. Und es erhöht die Chance, eine neue Beschäftigung zu finden. Während ältere Frauen im Vergleich zu ihren männlichen Altersgenossen noch weniger gut ausgebildet sind, ist die Situation bei den Jüngeren heute teilweise bereits umgekehrt. «Die jungen Frauen streben von der Matura bis zum Doktorat heute viel stärker die Bildungskarriere an», sagt Professor Norbert Thom vom Institut für Organisation und Personal der Universität Bern. Für ihn haben die Frauen in der Arbeitswelt daher die besseren Karten. Wegen Kind und Familie dürften zwar auch künftig viele Frauen von einer steilen Karriere absehen. Als Designchefin, Steuerexpertin oder Anlagespezialistin werden sie gemäss Thom aber ihre qualifizierten Nischen finden, wo sie auch bei Konjunktureinbrüchen nur schwer zu ersetzen sein werden. Dann sind die Frauen in der Krise erst recht das stärkere Geschlecht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.12.2009, 11:25 Uhr
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