«Hausfrauenpanzer» beschleunigen den Klimawandel

Erstmals zeigt eine Statistik das Ausmass, das der Offroaderboom angenommen hat. Die Verkaufszahlen haben sich in sechs Jahren verdoppelt. Das ist nachweislich ein Problem für die Umwelt.

Geländewagen fürs Einkaufen: Frauen mögen SUV ganz besonders. Das zeigen auch Herstellerstatistiken.

Geländewagen fürs Einkaufen: Frauen mögen SUV ganz besonders. Das zeigen auch Herstellerstatistiken. Bild: Getty Images

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Ironie der Geschichte: Die Jungen Grünen wollten Ende der Nullerjahre den Boom der Geländewagen mit der Offroaderinitiative stoppen. Galionsfigur der Initiative war der grüne Zürcher Nationalrat Bastien Girod.

Die schweren Gefährte mit übermässigem Abgasausstoss sollten verboten werden. Weil der Bundesrat 2011 aber versprach, mit CO2-Abgaben Massnahmen gegen den Trend zu ergreifen, legte Girod gutgläubig den Rückwärtsgang ein und zog das Volksbegehren zurück.

Rückblickend wirkt der Rückzug der Umweltschützer allerdings erst wie der Startschuss zum richtigen Offroadertrend: Erstmals belegt eine Statistik, was der Blick auf die Strasse vermuten lässt: Die Zahl der jährlich neu auf Schweizer Strassen zugelassenen Offroader hat sich in den letzten sechs Jahren ver­doppelt.

2016 war jeder dritte verkaufte Personenwagen ein Offroader. Die Zahlen stammen vom Verband Auto Schweiz und von Eurotax, welche sie auf Anfrage dieser Zeitung ausgewertet haben.

Für Hausfrauen und Banker

Einst waren Offroader Fahrzeuge für Bauern, Förster und Pferdefreunde. Heute sind es Jedermannsautos, in der Stadt so beliebt wie auf dem Land, angeblich besonders begehrt bei Haus­frauen und Bankern. So wundert es nicht, dass viele Offroader der neuen Generation zwar immer noch gross, aber kaum noch geländetauglich sind. Etlichen fehlen Geländegänge.

Bei den meisten ist der Motor unter der ausladenden Kühlerhaube kleiner als früher, einzelne Modelle haben nicht einmal mehr einen Allradantrieb. Hersteller nennen die zum Familienauto umfunktionierten Überlandkarossen heute lieber SUV, Sport Utility Vehicles, sprich: Sport- und Nutzfahrzeuge. Daneben haben sich auch weniger schmeichelhafte Namen eingebürgert wie Hausfrauen- und Vorstadtpanzer.

Die neuen Klimasünder

Klimasünder sind die neuen smarten SUV aber immer noch. Ihre Besitzer betonen zwar gern, wie sparsam ihre trendigen Vehikel dank ausgereifter Motorentechnik seien. Doch das ist ein Irrtum. In Deutschland belegt eine umfassende Studie des unabhängigen Instituts Center of Automotive Management, dass auch die neuen SUV – trotz moderner Motorentechnologie – die Umwelt wesentlich stärker belasten als durchschnittliche Mittelklasseautos.

Die Untersuchung kommt zum Schluss, dass der SUV-Boom der Grund dafür ist, dass die CO2-Reduktion in Deutschland deutlich langsamer vonstattengeht als geplant.

Pikant: Die Studienautoren teilten die SUV in zwei Kategorien – in die echten schweren Geländewagen und in die leichteren, etwas smarteren. Resultat: Selbst die kleineren Geländewagen schneiden schlechter ab als durchschnittliche Mittelklassewagen.

Der Hauptgrund für das schlechte Abschneiden der Kolosse ist simpel. Auch kleinere SUV sind im Allgemeinen schwerer als vergleichbare Mittelklasseautos. Wer sich noch an den Physikunterricht erinnert, weiss, dass die Kraft zum Bewegen eines Körpers proportional zu dessen Gewicht sein muss.

Anders gesagt: Ein schweres Fahrzeug braucht bei gleichem Motor gezwungenermassen viel mehr Energie, um sich fortzubewegen, als ein leichteres.

Kleinwagen sind out

Es gibt kaum Zweifel, dass der Boom der Pseudogeländewagen auch hierzulande die Umweltziele ausbremst. Während die Zahl der neu zugelassenen SUV allein letztes Jahr um 30 Prozent anstieg, sank der Anteil neu zugelassenen Kleinwagen im gleichen Zeitraum um 10 Prozent.

Dabei ist der Trend hin zu schwereren Fahrzeugen gewaltig: Das durchschnittliche Leergewicht neuer Personenwagen stieg gemäss einer Erhebung des Bundesamtes für Energie zwischen 2000 und 2015 um 170 Kilogramm auf 1,5 Tonnen an.

Bei Autos kein CO2 gespart

Der SUV-Boom dürfte neben dem Bevölkerungswachstum der Hauptgrund sein für die schlechte CO2-Bilanz der Schweizer Autofahrer. Laut Regine Röthlisberger vom Bundesamt für Umwelt deutet nämlich alles darauf hin, dass die Autofahrer trotz grossen Fortschritten in der Motorentechnik in den letzten fünf Jahren kein CO2 eingespart haben. Möglicherweise sei der CO2 der Personenwagen in der Schweiz sogar leicht gestiegen.

Röthlisberger ist zuständig für die offizielle Treibhausgasstatistik der Schweiz. Die provisorische Statistik weist zwar einen leichten Rückgang aus. Sie muss aber rückwirkend korrigiert werden. Denn das aktuelle Rechnungsmodell geht davon aus, dass ein Teil des Schweizer Benzins im Ausland verpufft wird, weil viele Ausländer aus grenznahen Gebieten zum Tanken in die Schweiz kommen.

Früher war das tatsächlich so. In den letzten Jahren ist aber der Tankstellentourismus wegen des starken Frankens praktisch zum Erliegen gekommen. Die Folge: Das vermeintlich im Ausland verbrauchte CO2 muss nachträglich noch der Schweiz zugerechnet werden.

Mengenmässig wird das gemäss Berechnungen ungefähr den bisher ausgewiesenen Rückgang neutralisieren. Zum selben Schluss kommt eine Studie der Erdölvereinigung.

Girods neue Strategie

Dennoch erwägt Girod keinen zweiten Anlauf, die Offroader zu verbieten. Ihm scheint klar, dass Offroader nicht mehr von der Strasse wegzudenken sind. Sein kleiner Trost: Immerhin seien die allerschlimmsten Benzinschleudern unter den SUV heute nicht mehr zugelassen.

Girod verfolgt jetzt eine neue Strategie gegen die grossen Autos im städtischen Raum: «Städte müssen sich gegen Offroader wehren, ­indem sie sich dem Trend von grösseren Autos nicht anpassen und die öffentlichen Parkplätze nicht vergrössern.»

Vielmehr sollten die Städte, so Girod, spezielle Parkplätze für kleine Autos bauen. Mit solchen positiven und negativen Anreizen hofft Girod, das Problem der SUV in den Griff zu bekommen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.05.2017, 12:10 Uhr

Etikettenschwindel

Ein weiterer bloss vermeintlicher Fortschritt in Sachen Auto und Umweltschutz: Die Massnahmen des Bundesrates zwingen die Autoimporteure seit 2012, Autos zu verkaufen, die weniger CO2 ausstossen. Der auf der Etikette ausgewiesene CO2-Verbrauch neu verkaufter Autos sank seit 2012 tatsächlich von 152 auf 132 Gramm pro Kilo­meter.

Doch der Rückgang entpuppt sich bei näherer Betrachtung nachträglich als Mogelpackung. Denn im selben Zeitraum nahmen auch die Tricksereien der Autohersteller bei den Abgastests nachweislich massiv zu.

Das hält das Bundesamt für Energie im Bericht zu den Auswirkungen der CO2-Vorschriften fest: 2010 betrug die Differenz zwischen deklariertem und tatsächlichem CO2-Ausstoss im Alltag bei neuen Autos im Schnitt «nur» 21 Prozent. 2015 betrug die Abweichung schon satte 41 Prozent. Das Bundesamt für Energie beruft sich auf eine gross angelegte europäische Studie.

Der Trick der Hersteller: Sie optimieren ihre Fahrzeuge auf das Prüfverfahren hin. Das Bundesamt für Energie zählt Tricks auf, wie Autohersteller mit legalen Mitteln Autos auf dem Prüfstand besser aussehen lassen können, als sie in der Realität sind.

Das beginnt mit dem Demontieren der Rückspiegel bei der Messung des Luftwiderstandes und endet beim Ausschalten von verbrauchsintensiven Fahrzeugkomponenten während des Tests.

Abgrenzung

Die Definition der SUV ist nicht einheitlich, und die Abgrenzung zu anderen Autos nicht scharf: Der Verband Auto Schweiz entscheidet bei jedem Modell aufgrund einer Gesamtbetrachtung, ob es der Kategorie SUV zugeordnet werden soll.

Dabei spielen laut Andreas Burgener, Direktor von Auto Schweiz, verschiedene Kriterien eine Rolle. Ein wichtiges Kriterium sei die Grösse der Fahr­zeuge.

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