Auf zur GV fürs üppige Essen

Kauft ein Anleger eine Aktie, nur um sich an der GV verköstigen zu lassen, spricht der Volksmund von Fressaktien. Doch viele sind nicht nur wegen des Essens an der GV, sondern auch wegen des Wiedersehens.

Es gibt sie noch, die Aktionärsversammlungen mit dem reichhaltigen Essen. Weniger bei den grossen Konzernen, umso mehr aber in der Region.

Es gibt sie noch, die Aktionärsversammlungen mit dem reichhaltigen Essen. Weniger bei den grossen Konzernen, umso mehr aber in der Region. Bild: Keystone

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Die UBS hat den Apéro riche an ihrer Generalversammlung längst gestrichen. Es gibt höchstens noch ein Sandwich für die Rückreise. Legendär war der Schweinsbraten der Schweizerischen Kreditanstalt, der Vor­gängergesellschaft der heutigen Credit Suisse. Unvergesslich ebenfalls die Spargel an den ­Aktionärsversammlungen des Stahl­produzenten Von Roll in Gerlafingen.

Flaschenwein vom Gürbetaler

Während grosse Konzerne heute auf ausgedehnte Mahlzeiten verzichten, werden diese in der Region durchaus noch zelebriert. Die Spar- und Leihkasse Gürbetal will nicht bei den Aktionären sparen. Schon während des offiziellen Teils gibt es Getränke und sogar Flaschenwein vom Weingut Brunnmühle in Twann. Dessen Winzer Simon Krebs hat Gürbetaler Wurzeln, verrät Bankdirektor Markus Siegrist.

«Wir haben unsere Hausaufgaben bezüglich operative Kosten in den letzten Jahren gemacht, sodass wir nicht bei der Generalversammlung sparen müssen.»Markus Siegrist, Bankdirektor Spar- und Leihkasse Gürbetal

Danach gibts im Restaurant Adler in Mühlethurnen die traditionelle Berner Platte, «selbstverständlich à dis­crétion», versichert Siegrist. «Zum Dessert dürfen Kirschtorte und Kaffee mit Schnäpsli nicht fehlen.» Sämtliche Getränke, inklusive Wein und Bier, aber exklusive Hochprozentiges, sind bis zum Schluss offeriert, was üblicherweise nicht vor 0.30 Uhr der Fall ist.

Dann gehen die Aktionäre mit vollem Bauch und womöglich sturmem Kopf nach Hause, aber nicht mit leeren Händen. Auf den Heimweg gibts noch eine Tobleronepackung und einen Kugelschreiber der Marke Caran d’Ache. «Wir haben unsere Hausaufgaben bezüglich operative Kosten in den letzten Jahren gemacht, sodass wir nicht bei der Generalversammlung sparen müssen», erklärt Direktor Markus Siegrist.

Burehamme und Züpfe

Auch die SLM Münsingen, die früher Spar- und Leihkasse hiess, setzt auf Tradition: Zum Zvieri gibt es Burehamme und Züpfe mit verschiedenen Salaten und eine Cremeschnitte zum Dessert.

Im Anschluss an den offiziellen Teil werden die Aktionäre in Bussen auf zehn Restaurants der Umgebung verteilt. «Die GV darf in unserer Region als gesellschaftliches Ereignis bezeichnet werden. Dies soll wenn möglich in Zukunft so bleiben», hofft Bank­direktor Beat Hiltbrunner.

Man erinnert sich: Als die Bank aus dem Aaretal mit der Bernerlandbank aus dem Emmental fusionieren wollte, lehnten das die Aktionäre der Spar- und Leihkasse Münsingen ab. Das war im November 2012.

«Es hat immer auch viele Heimweh-Saaner dabei.»Jürg von Allmen, Direktor Saanen-Bank

Ein Aktionär erklärte damals in der Tennishalle Münsingen: Für ihn, der nicht mehr im Kanton wohne, sei die Aktionärsversammlung wie eine Klassenzusammenkunft. Er komme hierher, um Freunde und Familie zu treffen. Er wolle nicht, dass die Generalversammlung künftig in der Ilfis-Halle in Langnau stattfinde.

Ein gesellschaftliches Ereignis ist immer auch die Aktionärsversammlung der Saanen-Bank, wie sie Anfang April über die Bühne ging. Nach dem offiziellen Teil begeben sich die Aktionäre ins Festivalzelt. Es gab Schweinsfilet im Teig. «Es hat immer auch viele Heimweh-Saaner dabei», sagt Direktor Jürg von Allmen.

Zum Dessert Kirschtorte

Heinz Trösch, Direktor der Clientis Bank Oberaargau, relativiert die Bedeutung der Fressaktien: «Der Name Fressaktien ist vielleicht früher so verwendet worden, diese Zeiten sind aber vorbei.» Die rund 6000 Aktionäre kauften die Aktien aus «Verbundenheit und Vertrauen zur Clientis Bank Oberaargau», gibt sich der Bankdirektor überzeugt.

Wobei sich das kulinarische Angebot, das am kommenden Samstag in der Parkhotel-Eventhalle in Langenthal serviert wird, durchaus sehen lässt: Den Aktionären wird Schweinsfilet an einer Morchelsauce und zum Dessert Kirschtorte serviert.

Doch dass das Essen durchaus ein Grund sein kann, einer Generalversammlung beizuwohnen, zeigt das Beispiel der Raiffeisenbank Frutigen. Bis vor drei Jahren erhielt jeder GV-Teilnehmer einen Essensgutschein im Wert von 50 Franken, einlösbar in einem Restaurant der Region, gültig ein ganzes Jahr.

Die Zahl der Anmeldungen war derart gross, dass neben der ordentlichen GV noch zwei Informationsveranstaltungen durchgeführt werden mussten, wo zwar nicht abgestimmt, aber immerhin der 50-fränkige Essensgutschein in Empfang genommen werden konnte.

Da nun die Bank keine Essensgutscheine mehr abgibt, kommen gerade noch 300 Personen an die GV statt 2800 wie vorher. Die Genossenschafter müssen trotzdem nicht darben. Die Bank zahlt pro Anteilschein von 200 Franken eine Dividende von 6 Prozent. Dividendenpicker seien gewarnt: Pro Person gibts maximal einen Anteilschein.

Gutschein von 50 Franken

Hingegen die Spar- und Leihkasse Frutigen gibt den anwesenden Aktionären weiterhin einen Essensgutschein im Wert von 50 Franken ab, gültig bis Ende Jahr in einem Restaurant des Marktgebietes. Und sollte jemand befürchten, die Spar- und Leihkasse würde es der Raiffeisenbank gleichtun, dürfte die Aussage von Bankdirektor Daniel Schneiter beruhigen: «Wir haben nicht vor, auf die Abgabe der Essensgutscheine zu verzichten.»

Auch der Kursaal Bern lässt sich nicht lumpen, wie langjährige GV-Besucher bestätigen. Die Ambiance gleicht dort jedoch weniger einer Klassenzusammenkunft denn einem Rentnertreff. Was der Kursaal am 26. Juni den Aktionären kredenzen wird, weiss Kevin Kunz noch nicht. Nur etwas weiss der Hoteldirektor: «In der Hotellerie darf man auch an der Aktionärsversammlung Gastgeber sein. Ein gutes Essen gehört dazu.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.04.2017, 10:45 Uhr

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