Wie Akademiker ausgenommen werden
Von Bruno Schletti. Aktualisiert am 15.12.2011 104 Kommentare
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Das Verhängnis begann am 18. März 2008. Bei Norbert Ulmer* klingelte das Telefon. Der Anrufer sprach ein akzentfreies American English. Er gab sich als Michael Wissmann aus, Vertreter von Fossee Financial, einer in Rom beheimateten Finanzgesellschaft. Dass der Anrufer Englisch sprach, irritierte Ulmer nicht. Als Verkaufsmanager eines im internationalen Geschäft tätigen Berner Unternehmens gehört die englische Sprache zu seinem Alltag. Hingegen fragte er sich im ersten Moment, woher Wissmann seine Nummer hatte.
Doch der eloquente und überaus seriös wirkende Amerikaner nahm ihn sogleich in Beschlag. Er schwärmte Ulmer von einer Superaktie vor. Und was immer ihn der Berner fragte – Wissmann hatte eine treffende Antwort bereit. Zudem war Fossee Financial auch im Internet präsent mit einer in jeder Hinsicht überzeugenden Website. Ulmer entschloss sich zum Kauf von Aktien der empfohlenen Pantera Petroleum. Wissmann wechselte schon bald von Fossee zu Kimura Financial mit Sitz in Japan. Wie in solchen Fällen üblich, empfahl er Ulmer, ihm zur neuen Gesellschaft zu folgen, was dieser mitsamt seinen Depotwerten tat. Und er folgte auch dem Rat, die Pantera-Petroleum-Titel wieder abzustossen und stattdessen in Aktien von Universal Institute of Stem Cell Treatment zu investieren. Über gut anderthalb Jahre kaufte er in sieben Tranchen die nicht handelbaren Wertschriften – insgesamt 133'334 Stück à 1.50 Euro. Er investierte also total 200'001 Euro oder – zum durchschnittlichen Wechselkurs von 1.45 Franken pro Euro umgerechnet – 290'001 Franken.
Das Geld verschwand spurlos
Drei Monate nach dem letzten Aktienkauf waren Ulmers Kontaktpersonen bei Kimura von einem Tag auf den andern nicht mehr erreichbar. Rief er an, strandete er bei einer nur Japanisch sprechenden Telefonistin. Umgekehrt wurde er nicht mehr, wie in den Vormonaten oft geschehen, angerufen. Und mit seinen Ansprechpersonen verschwand auch Ulmers Geld.
Ein halbes Jahr später, im Juni 2010, hatte Ulmer sein Geld praktisch aufgegeben. Da kontaktierte ihn ein Unbekannter – wiederum ein Amerikaner, Vertreter einer Sandford Hale & Co. Im Namen eines Kunden bot er Ulmer an, dessen verloren geglaubte Aktien zu kaufen. Ulmer grübelte nicht lange an der Frage herum, woher der Anrufer überhaupt von seinen Aktien wusste. Er war schlicht erleichtert, stimmte zu, bezahlte die verlangte Vorleistung von 7500 Dollar und erhielt prompt eine schriftliche Bestätigung, dass die Aktien verkauft seien und noch im November 307'500 Dollar auf sein Konto überwiesen würden. «Hoppla», dachte Ulmer, «da kommt in den nächsten Tagen mein Geld.» Doch statt Geld kam eine E-Mail des Inhalts, dass die Transaktion durch die US-Steuerbehörde IRS gestoppt worden sei. Um das Geld auszulösen, müsse er belegen, dass er in den USA nicht steuerpflichtig sei. Darauf verschwand auch Sandford Hale von der Bildfläche.
Es kam das Jahr 2011 und mit ihm eine Gesellschaft namens Fairway Associates in Hongkong. Auch ihre Vertreter kannten Ulmers Fall. Sie präsentierten ihm den Vorschlag, das Geld in einen Fonds zu investieren, verlangten 20'000 Euro für den Fondsmanager und sicherten gleichzeitig zu, per 31. Januar 2012 242'000 Euro zu überweisen. Im September bezahlte Ulmer die 20'000 Dollar – einmal mehr in der Hoffnung, sein Geld wiederzusehen. Es folgten Anrufe von angeblichen Vertretern der US-Steuerbehörde. Um sein blockiertes Vermögen auszulösen, müsse er 26'000 Dollar überweisen. Ulmer schickte das Geld. Sie riefen wieder an und wollten noch einmal Geld. Ulmer zahlte nicht mehr und ging zu einem Anwalt. «Ich glaube an gar nichts mehr», sagt er heute. Um beizufügen: «Es wäre ja super, wenn das Geld am 31. Januar kommen würde. Aber daran glaube ich nur noch zu 0,1 Prozent.»
Opfer sind oft Akademiker
In Fachkreisen hat diese Art Betrügerei einen Namen: «Recovery Room Operation». Menschen, die Betrügern zum Opfer gefallen sind, werden ein zweites, drittes, viertes Mal über den Tisch gezogen. Die Betrüger tauschen die Adressen unter sich aus. Sie treten hyperseriös auf, geben sich als Berater oder – nach einem ersten Betrug – als Helfer aus.
Ulmers Anwalt, Daniel Fischer von AFP Advokatur Fischer & Partner, sagt über die Opfer: «Die Leute werden von den Anrufern massiv eingeschüchtert. Es sind keine Vollidioten. Oft sind es Akademiker.» Der deutsche Psychologieprofessor Hermann J. Liebel bestätigt dies. In einer für das Bundeskriminalamt verfassten Studie hält er fest, dass 64 Prozent der Opfer über eine höhere Schulbildung, 25 Prozent über eine kaufmännische Ausbildung verfügen.
Laut Fischer erreicht diese Art Betrugswesen mehr und mehr Europa. Die Aufsichtsbehörden in Grossbritannien, Dänemark und Österreich haben Warnungen publiziert. Ein Sprecher der Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) sagt, man könne nur gegen Firmen vorgehen, die im eigenen Aufsichtsgebiet aktiv seien. Hinweise aus der Bevölkerung betrachte man aber als Frühwarnsystem. Ulmer sagt: «Ich habe die Finma angerufen, bin aber nicht über die Telefonistin hinausgekommen.»
Mit Aktienkauf und den verschiedenen Vorleistungen hat Ulmer 345'291 Franken in den Sand gesetzt. Auf die Frage, warum er diesen Leuten immer wieder vertraut hat, sagt er: «Ich kann die Frage nicht beantworten. Es sind absolute Profis, perfekte Verkäufer.»
* Name geändert (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.12.2011, 20:52 Uhr
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104 Kommentare
Nun, wer so über den Tisch gezogen wird ist nicht dumm, sondern saudumm. Sorry! Da hier so viele Akademiker auf diese Masche reinfallen zeigt wieder einmal schön, dass man Intelligenz und gesunder Menschenverstand nicht studieren kann. Antworten
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