Wer noch den Traum vom Einfamilienhaus träumt

Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 10.03.2010

Babyboomer verkaufen in Scharen ihre alten Häuser. Es gibt aber weniger junge Paare mit Kindern, die sich die eigenen vier Wände leisten wollen. Die Preise brechen ein, es entstehen Einfamilienhausbrachen.

Trügerische Idylle: Der Trend entfernt sich von Einfamilienhäusern.

Trügerische Idylle: Der Trend entfernt sich von Einfamilienhäusern.
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Zinsanstieg

Wohneigentümer in Nöten

Ein Zinsanstieg von wenigen Prozentpunkten reicht, dass viele Wohneigentümer die Hypothekarzinsen nicht mehr ohne Einschränkungen zahlen können. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage des Internet-Vergleichsdiensts comparis.ch. Die Umfrage hat auch untersucht, wo Wohneigentümer sparen würden, um die Hypozinsen weiter zahlen zu können. Die Befragten würden vor allem bei Ferien und Auto sparen.

Die Blütezeit des Einfamilienhauses begann Mitte der Siebzigerjahre, als die geburtenstarke Nachkriegsgeneration ihre eigenen vier Wände bezog. Inzwischen nähern sich die Babyboomer dem Pensionsalter. Ihr Haus empfinden sie nach dem Auszug der Kinder «als zu gross und zunehmend auch als Last», sagt Martin Neff, Chefökonom der Credit Suisse, die gestern die Aussichten der Immobilienbranche präsentierte.

Ab Alter 55 sinkt die Zahl der Haushalte, die im eigenen Haus wohnen (siehe Grafik). «Die geburtenstarken Jahrgänge veräussern also zusehends ihre Einfamilienhäuser», sagt Neff. Sie verkaufen auch darum öfter als früher, weil es sie in die Stadt zurückzieht – oder in eine altersgerecht gebaute Eigentumswohnung.

Das Einfamilienhaus als Auslaufmodell

Die Nachfrage kann nicht mithalten mit der stetig steigenden Flut von Gebrauchthäusern, die auf den Markt kommen. Zum einen ist die Gruppe der 30 bis 40 Jahre alten Paare, die mit einem Haus liebäugeln, wegen des Geburtenrückgangs deutlich kleiner. Zum andern verspüren laut den CS-Ökonomen weniger junge Leute «in der Lebensphase der Familiengründung» Lust auf ein Einfamilienhaus. «Das Einfamilienhaus ist ein Auslaufmodell», sagt Neff. Die Baubewilligungen für Eigenheime nähmen stetig ab, bei den Mietwohnungen dagegen hätten sie sich seit 2002 fast verdoppelt (siehe Grafik).

Karriere machen statt Kinder

Viele Paare machen laut den CS-Ökonomen lieber Karriere als Kinder, statt grosse Häuser bevorzugen sie gehobene Mietwohnungen oder Stockwerkeigentum. Der anhaltende Trend der «Reurbanisierung» bewirke, dass manche potenziellen Hausbesitzer lieber in der Stadt oder zumindest näher am Arbeitsplatz wohnen wollten als ihre Eltern.

Alte Häuser abzustossen wird nicht nur mengenmässig ein Problem. Mehr als die Hälfte des Bestandes wurde vor 1970 gebaut. Die Objekte sind punkto Materialien und Grundriss veraltet, oft verwinkelt und wenig nutzerfreundlich. «Sie sind demodiert», sagt Neff, «der Wunsch nach grossen, zusammenhängenden Wohnzimmerflächen» etwa sei nur mit teuren Umbauten zu realisieren, was viele abschrecke.

Schleuderpreise helfen oft nicht mehr

Obendrein seien nur wenige Verkäufer bereit, beim Preis einen schmerzhaften Abschreiber vorzunehmen, und blieben auf ihren Objekten sitzen. Wie viel müssen Besitzer abschreiben, um trotz Angebotsüberhang Käufer zu finden? Ein Abschreiber von einem Drittel sei nicht ungewöhnlich, sagt Neff.

Klar, wegen der Rezession sinken die Hauspreise auch in begehrteren Lagen: 2,6 Prozent 2009, weitere 2 bis 3 Prozent laut CS im laufenden Jahr. Auch Eigentumswohnungen dürften erstmals seit langem leicht billiger werden.

In Randlagen helfen selbst Schleuderpreise oft nicht mehr. Dort entstünden Einfamilienhausbrachen, befürchtet CS–Ökonom Thomas Rieder, mit unverkäuflichen, verlotternden Häusern. Der Anteil leer stehender Häuser habe sich seit 2000 verdoppelt.

S-Bahn-Anschluss entscheidend

«Entscheidend ist die gute Anbindung ans S-Bahn-Netz», sagt Rieder. Junge Familien seien immer weniger bereit, an periphere Lagen zu ziehen. «An Standorten, wo man zuerst das Postauto nehmen muss, wird es kritisch», sagt Rieder. Im Grossraum Zürich werde es im «hinteren Tösstal» schwierig, Häuser loszuschlagen. In den Kantonen Aargau, Solothurn, Luzern, Bern sei «in einzelnen Regionen wie Zurzach, Thal, im Entlebuch oder im oberen Emmental» mit steigenden Leerständen zu rechnen. Betroffen seien aber auch Randlagen wie das Glarner Hinterland, entlegene Teile im Toggenburg oder das nicht touristische Mittelbünden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2010, 15:33 Uhr

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