Wirtschaft
Superpreise für Superhelden
Dass Comics wertvoll sein können, zeigen Rekordpreise von mehr als einer Million Dollar für versteigerte Erstausgaben von Superman und Batman. Für Sammler ist es jedoch alles andere als einfach, die wirklich wertvollen Objekte von morgen zu identifizieren. Das weiss auch Thomas Kovacs, der sich seit rund 40 Jahren den bunten Heften widmet – und damit nicht reich geworden ist.
Aus Freude
Auch wenn seine Sammlung mittlerweile rund 10 000 Hefte umfasst, mehr als einige Hundert Franken ist keines wert. Allerdings hat Kovacs auch nicht mit spekulativem Hintergrund gesammelt. Für ihn war es immer wichtiger, dass Hefte und Geschichte sein Gefallen finden. Aus Freude sollte man seiner Auffassung nach das Comicsammeln auch beginnen. «Die Wertsteigerung ist ein angenehmer Nebeneffekt», meint Kovacs. Er arbeitet im Zürcher Comicladen Analph und betreibt Amazing, ein eigenes auf antiquarische Comics ausgerichtetes Geschäft.
Es ist schwierig, im Comicmarkt ein Wertsteigerungspotenzial ausfindig zu machen. Das liegt daran, dass sich die Industrie gewandelt hat. Frühe Comics aus den 30er- und 40er-Jahren, für die heute Rekordpreise gezahlt werden, waren lange mit dem Image der Schundliteratur behaftet. Bis in die 70er-Jahre hinein kaufte man Comics am Kiosk, eine grosse Auswahl gab es nicht.
Die Overstreet-Skala
Vor allem aber war ein Comic ein Wegwerfobjekt. Ohne das gäbe es keine seltenen alten Ausgaben, die jetzt so hoch gehandelt werden. Die moderne Comicindustrie produziert dagegen ganz gezielt für den Sammlermarkt, beispielsweise Variant Covers, deren Gesamtauflage in kleine Serien mit speziellen Titelblättern aufgeteilt wird. «Diese sind dann einige Monate lang extrem gesucht, bevor die Preise wieder fallen», berichtet Kovacs. Weil viele Faktoren Einfluss nehmen – Zeichner, Autor, Auflage und Aufmachung –, sei es heute schwierig, ein Heft mit einer exakten Wertsteigerungsprognose zu versehen. «Wertbestand haben eher seltene kleine Neuauflagen», so Kovacs.
Als spekulativer Sammler müsste man die Hefte ausserdem ab Presse einlagern, denn ihr Wert hängt davon ab, wie sie erhalten sind. Dessen Gradmesser ist die aus den USA kommende Overstreet-Skala mit Werten von eins bis zehn. Ein Comic in einem perfekten Zustand kann durchaus 10 000 Dollar kosten; schon leichte Schäden verringern den Wert um 30 bis 40 Prozent.
Kleiner Mann, grosser Wert
Im deutschsprachigen Raum liegen die Erstausgaben von Tim und Struppi aus den 50er- und 60er-Jahren gross im Trend. Für sie finde man immer interessierte Sammler, meint Kovacs. Dafür ist es schwierig, an gute Exemplare zu kommen. Diese wechseln den Besitzer entweder unter der Hand oder auf teuren Auktionen.
Dave Schläpfer aus Luzern beurteilt als Kritiker die Struktur der Geschichte, die Hinführung zum Plot der Handlung und formale Kriterien wie das Seitenlayout. Gerade im Superheldenbereich gebe es heute eine sehr grosse Vielfalt: «Man sieht Tausende von Serien», meint Schläpfer. Die Verlage richteten ihre Programme klar auf den ökonomischen Erfolg aus. Wenn die Serie nicht zieht, wird sie rasch abgesetzt.
Der Knick als Todesurteil
Gleichzeitig beobachtet Schläpfer im deutschsprachigen Markt einen regelrechten Boom von Wiederauflagen alter, erfolgreicher Werke. Diese dürften die Preise der Erstauflagen tendenziell drücken, meint er.
Er selbst sammelt seit rund zehn Jahren und betreibt auch eine die Website Comic-check.ch. Dabei stellt auch er fest, dass kleinste Gebrauchsspuren den Wert von Heften drastisch mindern. «Ein Knick kommt einem Todesurteil gleich», sagt er. Das hätten die Comics mit Briefmarken gemeinsam.
Schläpfers Sammlung umfasst derzeit an die 500 Hefte, ist also eher klein. Er hat sie vorrangig nach persönlichen Vorlieben und dem inhaltlichen Wert ausgewählt. So finden sich beispielsweise alle Hefte des Superhelden Richard Corban in seinem Regal. Weitere Favoriten von Schläpfer sind die DMZ-Comics von Brian Wood, die vor kurzem erstmals auf Deutsch erschienenen Kirihito-Mangas von Osamu Tezuka und «Unter dem Hakenkreuz» von Jean-Michel Beuriot und Philippe Richelle.
Markt läuft übers Internet
Auch wenn die Hefte und Serien zum Teil einige Hundert Franken wert seien, steht für Schläpfer der pekuniäre Aspekt nicht im Vordergrund. «Es bräuchte einiges, bis ich mich von den Comics trennen würde», sagt er. Sie sind für ihn vor allem persönliche Erinnerungsstücke und Grundlage seiner Rezensententätigkeit.
Auktionshäuser wie Sotheby’s haben sich schon vor Jahren von Comic-Versteigerungen verabschiedet. Auch die bekannten Zürcher Auktionshäuser bleiben dem Medium fern. Dagegen existieren im Internet zahlreiche Börsen, und im Zürcher Volkshaus findet eine jährliche Messe statt. Die millionenschwere, in diesem Frühling versteigerte Erstausgabe von Superman fand auf virtuellem Weg einen neuen Besitzer. Einige Tage später wurde der Batman-Erstling in den USA ganz konventionell auktioniert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.09.2010, 16:58 Uhr






