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Löcher in den Bilanzen der Versicherungen

Von Erich Solenthaler. Aktualisiert am 21.11.2011 8 Kommentare

Der Solvenztest der Finanzmarktaufsicht legt Schwachstellen in der Assekuranz offen. Manche Lebensversicherer benötigen mehr Kapital oder werden ihre Produkte mit weniger Garantien versehen.

Versicherungskunden wünschen sich von den Anbietern vor allem Garantien: Hauptsitz des grössten Schweizer Versicherers, Swiss Life, in Zürich.

Versicherungskunden wünschen sich von den Anbietern vor allem Garantien: Hauptsitz des grössten Schweizer Versicherers, Swiss Life, in Zürich.
Bild: Keystone

«Der Solvenztest weist einen erhöhten Kapitalbedarf aus»: Laut Finma-Sprecher Tobias Lux genügt die Solvenz bei einigen Lebensversicherern nicht mehr.

Zurich FS und Helvetia sind exponiert

Anleihen der sogenannten PIIGS-Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien beanspruchen bei zwei Versicherungen einen bemerkenswert hohen Anteil in den Bilanzen. Zurich FS hat in spanische und italienische Staatsanleihen 11,6 Milliarden Dollar investiert. Dies entspricht einem Drittel der Eigenmittel. «Somit besteht ein hohes Verlustpotenzial im Substanzwert», schreibt Analyst Georg Marti von der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Bei der kleineren Helvetia ist der ausstehende Betrag geringer, aber in Prozent erreichen PIIGS-Anleihen sogar 40 Prozent der für die Solvabilität ausschlaggebenden Eigenmittel. Vernachlässigbar sind die kritischen Anleihen beim Rückversicherer Swiss Re.

In seiner Branchenstudie schätzt Marti, wie sich ein Schuldenschnitt von 50 Prozent bei allen PIIGS-Anleihen auf die Solvabilität auswirken würde. Da Zurich FS über ein hohes Reservepolster verfügt, könnte sie einen hälftigen Abschreiber auf allen PIIGS-Anleihen verkraften. Ihre Solvabilität würde immer noch über 200 Prozent betragen. Bei Helvetia käme sie auf 183 Prozent zu stehen. Im Allgemeinen wird eine Solvabilität von 200 Prozent als sehr gute Kapitalausstattung bezeichnet. Wie im Hauptartikel erwähnt, ist die Kennzahl eine Momentaufnahme, die nichts über die Risiken aussagt.

Ein weiterer grosser Versicherer, die Axa Winterthur, gibt keine Solvabilität bekannt. Ihre Muttergesellschaft, die französische Axa Group, veröffentlichte für das dritte Quartal eine SolvencyRatio von 190 Prozent. Mitte Jahr war sie in den Peripherie-Ländern nach Wertberichtigungen mit 38 Milliarden Euro investiert. Dies entspricht weniger als 10 Prozent des relevanten Vermögens.

Die Aktien der Schweizer Versicherer sind mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (2012) von etwa 7 bewertet. Sie zeichnen sich durch eine um 6 Prozent schwankende Dividendenrendite aus. Der Buchwert liegt im Durchschnitt 30 Prozent unter dem Kurs. «Diese Bewertungskennzahlen implizieren bereits viel Negatives», schreibt der ZKB-Analyst.

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Von Lebensversicherungen wünschen sich Schweizer nur eines: garantierte Leistungen. Für 84 Prozent der Bevölkerung gibt die Sicherheit den Ausschlag, wenn sie sich für oder gegen ein Versicherungsprodukt entscheiden. Dies ergab eine Umfrage von Ernst & Young unter 500 Schweizern und Schweizerinnen. Gleichzeitig geht nur jeder zweite der Befragten davon aus, dass die Versicherer ihre langfristigen Garantieversprechen auch halten können. «Da gibts doch eine recht grosse Vertrauenslücke», erklärt Hans-Jürgen Wolter von Ernst & Young.

Die europäische Schuldenkrise verleiht der Umfrage unerwartete Aktualität, zumal Obligationen für Versicherungen ein wichtiges Anlagesegment darstellen. Auf den ersten Blick scheinen die Versicherungen von der Krise wenig betroffen zu sein (siehe Artikel rechts). Diese Einschätzung beruht auf der sogenannten Solvabilität, einer von der Finanzmarktaufsicht (Finma) geschaffenen Kennzahl für die Finanzstärke. Für Schweizer Versicherungen ist zurzeit eine Solvabilitätsquote von 200 Prozent typisch. Das bedeutet, dass doppelt so viele Eigenmittel vorhanden sind, als die Finma mindestens vorschreibt.

Risiken haben zu- und nicht abgenommen

Von den grossen Lebensversicherungen kennt man die Solvabilitätsquote. Aber ihre Aussagekraft ist beschränkt. Momentan steigt sie kräftig an, weil Versicherungen auf Obligationen Kursgewinne verbuchen können. Aus diesem Grund ist zum Beispiel die Solvabilität der Swiss Life allein im Herbstquartal um 25 auf 201 Prozent gestiegen. Besser geht es der Gesellschaft deshalb keinesfalls. Das liegt aber weniger an Euro-Obligationen, sondern am niedrigen Zinsniveau. In diesem Umfeld fällt es der ganzen Assekuranz schwer, die für die garantierten Leistungen notwendigen Renditen zu erwirtschaften. Die Risiken haben zu- und nicht abgenommen. «Die Solvabilität führt im momentanen Umfeld zum Teil schon fast zu grotesk falschen Indikationen», erklärt Tobias Lux, Pressesprecher der Finma.

Die Solvabilität hat ein weiteres Manko: Sie berücksichtigt keinerlei Risiken. Deshalb steht der Aufsicht ein zweites Instrument, nämlich der Schweizer Solvenztest (SST), zur Verfügung. Dieser stellt die Anlagerisiken ins Zentrum und verpflichtet die Versicherungen, eine risikobasierte Kapitalstruktur einzuhalten, wie man es von den Banken kennt. Seit Januar müssen alle Unternehmen der Branche der Finma nachweisen, dass sie über das notwendige Kapital verfügen. Notfalls kann die Aufsicht Massnahmen anordnen.

Finma greift ein

Dies geschieht bereits. «Der Solvenztest weist für die Lebensversicherungen einen erhöhten Kapitalbedarf aus, was die gegenwärtige Exponiertheit realistisch widerspiegelt», hält der Finma-Sprecher fest. «Es ist nicht auszuschliessen, dass bei einigen Lebensversicherern die Solvenz nicht mehr genügt.» Weiter hält Lux fest: «Die Finma hat schon mit einigen Instituten Massnahmen zur Erhöhung der SST-Quotienten vereinbart.» Das könne durch eine Kapitalerhöhung oder durch eine Reduktion von Risiken erreicht werden.

Welche Gesellschaften davon betroffen sind, gibt die Finma nicht bekannt. Auch sonst sucht man vergebens nach Anhaltspunkten: Die Versicherer halten die Ergebnisse des Solvenztests unter Verschluss. Finanzanalysten lassen sich gar nicht erst auf Schätzungen ein, denn über das von der Finma eingesetzte Modell sind keine Details bekannt.

Erschwerend kommt dazu, dass etwa die Hälfte der Versicherer eigene Risikobeurteilungen durchführt, die besser mit den individuellen Geschäftsmodellen übereinstimmen, von der Finma aber noch nicht genehmigt wurden. Dabei geht es etwa darum, wie die verschiedenen Finanzmarktrisiken addiert oder die Leistungsversprechungen bilanziert werden. Ein grosses Thema sind ferner die für die Assekuranz wichtigen Immobilen. Ihr Risiko soll an den Immobilienpreisen abgelesen werden, verlangt die Finma. Die Konsequenz wäre, dass Immobilien ähnlich wie Aktien behandelt und mit mehr Kapital unterlegt werden müssen. «Dabei geht es um Milliarden», sagt der Branchenbeobachter Christoph Lechner von der Universität St. Gallen. Als Ausweg möchten Versicherungen die stabileren Mieteinnahmen anrechnen, sodass Immobilien Obligationencharakter erhalten.

Weniger Garantien

Das strenge Risikoregime der Finma könnte auch die Produktepolitik der Assekuranz verändern. Betroffen seien besonders die kapitalintensiven Lebensversicherungen, Leibrenten und die Berufsvorsorge durch Versicherer, befürchtet Lechner. Solche Produkte könnten teurer werden, oder die Assekuranz könnte sie mit weniger Garantien ausstatten - obwohl Garantien für die Versicherungskunden ja gerade an vorderster Stelle stehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2011, 15:04 Uhr

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8 Kommentare

Ronnie König

21.11.2011, 11:35 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Versicherungen und Banken sind erzkapitalistisch und unterliegen letztlich beide den gleichen Risiken. Wer haute einfach in den tag lebt, der hat das geringste Risiko. Und im Alter sind dann die meisten arm. Das System und die Gier machen es möglich. Nichts haben macht also nichts. Antworten


Walter Kuhn

21.11.2011, 12:12 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Es ist noch viel schlimmer als es scheint. Die Swiss Life diskontiert ihre langfristigen Verbindlichkeiten mit sage und schreibe 2,9%. Nur dank dieser unrealistischen, von der Aufsicht abgesegneten Annahme sieht es noch so aus wie es den Eindruck macht. Aber eben: Ihren eigenen Kunden versprechen sie weit weniger, als sie vorgeben für sich selbst erzielen zu können. Antworten



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