Hypothekarzinsen dank Brexit im Allzeittief

Immobilienbesitzer dürfen sich über eine Nebenwirkung des Brexit freuen: Die Zinsen für Hypotheken haben einen historischen Tiefststand erreicht. Geht der Trend so weiter, wären theoretisch Hypotheken zum Nulltarif möglich.

Günstiges Eigenheim: Derzeit vergeben Banken 10-jährige Hypotheken zu nur 1 Prozent Zins.

Günstiges Eigenheim: Derzeit vergeben Banken 10-jährige Hypotheken zu nur 1 Prozent Zins. Bild: Keystone

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Zinsen für Hypotheken mit langen Laufzeiten sind so günstig wie noch nie. Für zehnjährige Hypotheken betragen sie nach einer Erhebung des Hypothekenberaters Moneypark im Schnitt bloss noch 1,46 Prozent. Das sei ein historischer Tiefstwert.

Offenbar gehts gar noch günstiger: Wer geschickt verhandelt, bekommt laut dem Vergleichsdienst Comparis zehnjährige Hypotheken für 1 Prozent. Das heisst: Wer für sein Haus von der Bank eine Million Franken ausleiht, zahlt dafür monatlich gerade mal 840 Franken Zins – garantiert auf zehn Jahre.

Brexit am Anfang der Talfahrt

Obwohl die jüngste Talfahrt der Zinssätze bereits vor Wochen begann, ist sie eine Folge der Brexit-Abstimmung: Die Angst vor einem Austritt der Briten genügte, um die Zinsen unter Druck zu setzen. Darin sind sich die Experten einig.

Am Tag nach der Abstimmung gab es dann nochmals einen kleinen Ruck: Zinsswaps mit zehnjährigen Laufzeiten sanken auf ein Allzeittief. Mit Swaps versichern Banken ihre Hypotheken gegen steigende Zinsen. Der aktuelle Handelswert der Swaps bildet in gewöhnlichen Zeiten die Basis zur Festlegung der Hypothekarzinsen. Doch nur einige Banken, zum Beispiel die Valiant und die Credit Suisse, haben auf diesen letzten Abwärtstrend sofort reagiert und die Zinsen nochmals nach unten korrigiert.

Andere Banken, so die UBS, Raiffeisen und auch die Berner Kantonalbank, blieben cool. Der Tenor: Man warte ab, wie sich das Zinsumfeld nach dem Brexit einpendle, wenn die erste Aufregung abgeflaut sei.

In der Tat ist derzeit hinsichtlich der Zinsentwicklung sehr vieles unklar: Viele Experten gehen davon aus, dass die Nationalbank nach der Brexit-Abstimmung im Kampf gegen den starken Franken den Negativzins noch weiter senken muss, von –0,75 weiter auf –1 Prozent. Naheliegend ist, dass dann auch die Hypothekarzinsen weiter sinken. Derzeit ist bereits die Rede von Zinssätzen nahe bei null Prozent.

Negativzinsen?

Es gibt sogar Experten, die in mittelbarer Zukunft Hypotheken mit Negativzinsen nicht ausschliessen. Marc Parmentier von Comparis sagte jüngst gegenüber dem «Bund», die Schweiz könne zum ersten Land werden, in dem verbreitet Hypotheken mit negativen Zinsen angeboten würden. Konkret würde das heissen, dass, wer Geld fürs Haus aufnimmt, ­gewissermassen als Geschenk monatlich auch noch gleich eine Zinszahlung bekommt.

Zins kann bald steigen

Manuel Ammann, Professor für Finanzen an der Universität St. Gallen, sieht das nüchterner. Seriöse Zinsprognosen seien schlicht nicht möglich. Er warnt sogar davor, leichtfertig davon auszugehen, dass die Zinsen nach der Brexit-Abstimmung gezwungenermassen während längerer Zeit tief blieben. Es sei durchaus möglich, dass sich der Frankenkurs in absehbarer Zeit auf einem günstigeren Niveau einpendle und die Zinsen dann plötzlich unerwartet schnell stiegen.

Drastische Folgen

Umgekehrt schliesst aber auch Ammann ein weiteres Sinken der Zinssätze nicht aus. Theoretisch seien in der Tat selbst negative Hypothekarzinsen denkbar. Voraussetzung wäre aber laut Ammann, gleichzeitig auch bei den Sparkonten Negativzinsen einzuführen.

Unter dieser Voraussetzung würden Banken an der Differenz der Negativzinsen verdienen. Das hätte laut Ammann indessen drastische Folgen: Man wäre gezwungen, den Bargeldverkehr einzuschränken, um zu verhindern, dass die Kunden ihr Geld plötzlich statt auf dem Konto in einem Tresor horten. Solche Massnahmen könnten laut Ammann das Vertrauen der Gesellschaft in das Geldsystem nachhaltig untergraben, weshalb er davon abrät. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.06.2016, 09:13 Uhr

Tipp: Libor-Hypothek

Erstaunlich klingt, was Lorenz Heim, Chef des VZ-Hypothekenzentrums sagt: 8-, 9- und 10-jährige Hypotheken seien trotz Allzeittief zu teuer. Die Banken geben laut Heim die Negativzinsen dieser Hypotheken nicht weiter. Deshalb empfiehlt er, gleich eine 15-jährige Hypothek zu nehmen, dort spiele der Negativzinseffekt keine Rolle. Alternativ empfiehlt Heim eine noch günstigere Libor-Hypothek, um dann erst bei einer Zinswende auf eine feste zu wechseln.

Manuel Ammann, Professor für Finanzen

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