Dem Euro ausgeliefert
Eines muss man Philipp Hildebrand lassen. Der Mann hat Mut. «Wir haben genügend Eigenkapital, damit wir auch sehr grosse Verluste wegstecken können», sagte er gestern vor der Amerikanischen Handelskammer. Doch ist dem wirklich so? Auf knapp 240 Milliarden Franken sind die Devisenreserven der Nationalbank inzwischen gestiegen. Das ist mehr denn je und 90 Milliarden mehr als noch Ende April. Das zeigt die gestern veröffentlichte Statistik der SNB. (SNBN 1089 2.06%) In normalen Zeiten belief sich diese Position auf 50 Milliarden.
Risiken nicht vernachlässigen
Warum kauft die Nationalbank dermassen viel Fremdwährungen? Sie will den Franken gegenüber dem Euro einigermassen stabil halten. «Wir werden den Aufwertungsdruck des Frankens wegen seiner Funktion als sicherer Hafen für Euroanleger bekämpfen», sagt Hildebrand. Hat er damit Erfolg? Darüber sind die Meinungen geteilt.
Misst man die Ergebnisse am Devisenmarkt, kommt man zum Ergebnis: Man hat bestenfalls Schlimmeres vermieden. Im letzten Jahr ist der Euro gegenüber dem Schweizer Franken um 9 Prozent gesunken. Erst fiel die Grenze von 1.50 Franken pro Euro, dann die Grenze von 1.40 Franken pro Euro, obwohl die SNB im gleichen Zeitraum 150 Milliarden Franken zur Stabilisierung investierte. Der Dollar stieg gegenüber dem Franken im selben Zeitrahmen um 2 Prozent.
Die Risiken, die man aufgebaut hat, sind nicht zu vernachlässigen. So hat man seit Beginn der Finanzkrise (also seit Ende 2006), fast 200 Milliarden in Fremdwährungen investiert, was die Geldmenge ausweitet.
Ein gemischtes Bild
Das hat massive Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Die Nationalbank rechnet denn auch mit einem schnelleren Anstieg der Teuerung als bisher. Gleichzeitig gibt es Anzeichen für einen Boom in der Bau- und Exportindustrie.
So stiegen die Hypothekarausleihungen der Banken um 100 Milliarden Franken (die Zahlen gehen nur bis Ende April, beinhalten also noch nicht den gesamten Wachstumsschub der SNB), und es wurde ein beispielloser Bauboom ausgelöst. So sind die Bauvorhaben um 10 Prozent auf ein Rekordhoch gestiegen, die Industrie hat 10 Prozent mehr Aufträge, und die Arbeitslosigkeit geht zurück.
Bei den wirtschaftlichen Auswirkungen der Devisenaufkäufe ergibt sich also ein gemischtes Bild, und für die meisten Beobachter überwiegen im Moment die angenehmen Auswirkungen der Nationalbankpolitik.
Gewagte Aussage
Doch wenn man die Risiken der Devisenaufkäufe der Nationalbank für das Notenbankinstitut selber anschaut, dann ist die Aussage, dass die SNB hohe Verluste verkraften könne, gewagt und inkonsequent. Wenn es um die Grossbanken geht, dann ist Hildebrand unerbittlich. Die sollen mehr Eigenkapital halten und ihre Risiken reduzieren.
Die Nationalbank tut genau das Gegenteil. Vor drei Jahren hatte die Nationalbank eine Eigenkapitalquote von über 50 Prozent und auf der Aktivseite Gold und Fremdwährungen etwa im Gleichgewicht. Heute hat sie noch etwa gleich viel Eigenkapital und gleich viel Gold, aber fünfmal mehr Fremdwährungen, eine Bilanz, die dreimal so gross ist, und eine Eigenkapitalquote von gerade noch 20 Prozent. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.06.2010, 10:19 Uhr
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