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Sex, Hypnose und Gehirnwäsche in der Erpresser-Sekte

Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 05.11.2008

Der Mann hinter den Sex-Erpressungen will von allem nichts wissen und sieht sich nicht als Sektenführer. Seine Entourage sieht das anders.

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Gründer der Sekte hinter den Erpressungen: Ernani Barretta. Der Mann, der die kompromittierenden Aufnahmen filmte, sitzt seit Juni in Haft.

   

In einem Brief aus dem Gefängnis stellt sich Ernani Barretta als Opfer dar: «Ich bin ein einfacher Bauernsohn, musste emigrieren und habe mir mit viel Aufopferung all das geschaffen, was heute als Vermögen eines Betrügers und Sektenführers betrachtet wird.» Niemand frage danach, ob diese Behauptungen wahr seien.

In einem Gespräch, das der TA 2003 mit Barretta geführt hat, als Gigolo Sgarbi seine ersten Opfer reingelegt hatte, tischte der Italiener ebenfalls die Story vom armen Auswanderer auf. Auch von einer religiösen Gruppe wollte er nichts wissen: «Das ist nur Freundschaft, nichts Religiöses.» Ungefragt erwähnte er diverse Seitensprünge; er habe Frauen einfach gern.

Der Sektenchef forderte von seinen Anhängern stets absolute Disziplin. Ein früherer Anhänger: «Er sagte immer, wir müssten uns nur führen lassen bis ins Kleinste und nichts hinterfragen, dann seien wir auf dem Weg ins Paradies.» Und wenn er sage, rot sei grün, dann sei das so. Basta.

Andreas G., ein anthroposophischer Buchhändler, dessen Wohnung früher als Basis der Gruppe diente, sagte 2002 dem TA: «Ernani hat übernatürliche Kräfte, die er zum Bösen oder Guten einsetzen kann.» Er sei zunächst hilfsbereit, das schaffe Abhängigkeiten. G. hatte drei Jahre gebraucht, um von ihm loszukommen. Er verstarb schliesslich an einem Tumor.

Tatsächlich gab sich Barretta in den Neunzigern auf Visitenkarten als «Sensitivo» aus. Im Wörterbuch steht dazu: «mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestatteter Mensch».

Irene B. zog als betagte Frau zu Barrettas Clan nach Pescosansonesco und brachte ihr ganzes Vermögen mit, um später völlig verarmt in der Schweiz zu sterben. Die unterdessen ebenfalls verstorbene Tochter sagte 2003: «Für meine sehr religiöse Mutter war Barretta praktisch ein Heiliger, die Reinkarnation Jesu.»

Sex mit dem Guru als Medizin

Dieser Halbheilige hat aber immer sehr weltlich gelebt, bediente er sich bei seinen Anhängerinnen in Sachen Sex doch wahllos – und zimmerte dabei an seinem Heilerimage. «Hatten wir Sex, sagte er mir immer, er heile mich damit», erzählt eine Abtrünnige. «Er sagte, sein Sperma sei das Blut Jesu Christi, es reinige den Geist.» Wie Sgarbi sei er wohl sexsüchtig – und habe etwas, das viele Frauen anzieht. «Wenn sie nur Ernani sagen, kriegen viele Frauen schon fast einen Orgasmus», sagte auch B.s Tochter, die ihre Mutter zweimal bei Barretta besucht hatte.

Die Idee mit dem Abschleppen reicher Frauen muss er früh gehabt haben: Andreas G. hatte von ihm mal den Auftrag erhalten, sich schicke Kleider zu kaufen und in ebenso schicke Bars zu gehen, um Frauen zu treffen. G. setzte das aber nie in die Tat um – da war Helg Sgarbi Russak das willigere Werkzeug Barrettas.

Eine Aussteigerin sieht im Gigolo Sgarbi eine «Maschine», sein Gehirn sei wie ausgeschaltet gewesen. Barretta arbeite viel mit Suggestion und Hypnose, sicher auch bei Sgarbi. Generell hätten sie alle eine Art Hirnwäsche gehabt.

Der Herzensbrecher sei viel auf Reisen gewesen, in Barrettas Umfeld habe niemand so recht gewusst, was er tat. Von den Sex-Erpressungen habe die Mehrheit der Gruppe nichts geahnt, und jene, die davon wussten, verteidigten es noch heute: «Geschieht ihnen recht, wenn sie ihre Männer betrügen.» Dass Barretta ständig seine Frau betrog, wussten lange nur die betroffenen Frauen – es war tabu.

Luxushotel als Tarnung

Der Betrieb des luxuriösen Hotels sei für Barretta reine Tarnung gewesen; das grosse Geld sei immer aus anderen Quellen gekommen. Kuriere der Gruppe hätten sich die Banknoten jeweils um den Bauch gebunden und hätten so die Grenze passiert.

Andreas G., der während Jahren 1500 Franken pro Monat an Barretta überwiesen hatte, war mit der Vision angetreten, mit Barretta, Russak und den anderen Zürcher Anhängern eine Art Netzwerk aufzubauen, das Nachbarschaftshilfe anbot. Daraus wurde ein Netzwerk mit weniger edlen Zielen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2008, 00:46 Uhr

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