Postauto-Chef: «Wir wollen im Ausland wachsen»
Von Peter Jost. Aktualisiert am 20.11.2008
Daniel Landolf (Bild: Andreas Blatter)
Daniel Landolf, wenn man heute vom Pendlerverkehr spricht, meint man meistens die Bahn. Warum spielt Postauto als Verkehrsdienstleister in der öffentlichen Wahrnehmung eine untergeordnete Rolle?
Daniel Landolf: Ich teile diese Einschätzung gar nicht. Wir sind auch in den Agglomerationen stark im Pendlerverkehr tätig, schauen Sie sich beispielsweise in der Region Bern die Linien nach Hinterkappelen und in den Frienisberg an; dort platzen wir aus allen Nähten. Es ist aber selbstverständlich so, dass man mit der Bahn viel mehr Leute transportieren kann. Wir sind traditionell eher in den peripheren Regionen der Schweiz gewachsen. Aber es ist unsere Strategie und unser Wille, verstärkt in den Agglomerationen und im städtischen Verkehr Fuss zu fassen. Wir betreiben heute über 20 städtische oder Ortsverkehre, davon einige auch im Ausland.
Das Streckennetz von Postauto beträgt heute rund 10000 Kilometer. Wie wird sich dieses Netz weiterentwickeln?
Unser Netz ist heute etwa drei Mal so gross wie das Schienennetz der SBB. Und es wird noch weiter zunehmen. Wir rechnen mit einem moderaten Wachstum von zwei bis drei Prozent pro Jahr. Damit ist Postauto kein Einzelfall, der gesamte öffentliche Verkehr wächst in dieser Grössenordnung.
Kann sich Postauto ein solch grosses Streckennetz überhaupt noch leisten? Ich denke da beispielsweise an Postauto-Strecken in abgelegenen Bergregionen oder über Alpenpässe...
In der Schweiz können die ÖV-Anbieter von den Tarifeinnahmen allein ihre Kosten nicht decken. Wir offerieren unsere Leistungen der öffentlichen Hand, die ungedeckten Kosten sind Gegenstand einer verbindlichen Offerte. Das geschieht bei uns im Gegensatz zu den Eisenbahnen auch in Konkurrenz, also in Ausschreibungen.
In Städten und grösseren Gemeinden mag die Konkurrenz spielen. Aber in Randregionen?
Die rein touristischen Passfahrten betreiben wir aus Tradition. Dort verdienen wir kein Geld, da diese Leistungen nicht durch die öffentliche Hand bestellt werden, aber alle ÖV-Billette und -Abonnemente, teilweise mit Zuschlag, gültig sind. Man muss aber sehen, dass diese Routen einen willkommenen PR-Effekt mit sich bringen. Ein Rückzug ist zurzeit kein Thema.
Aber die Zukunft für Postauto liegt in den Agglomerationen? Ja. Wir erbringen heute in der Schweiz einen grossen Teil der öffentlichen Verkehrsleistung auf der Strasse in Agglomerationen. Wir wollen und können aber auch andere Aufgaben als den reinen Transportdienst wahrnehmen und uns als Systemanbieterin profilieren.
Was bieten Sie, was andere nicht können?
Mit unserem Knowhow können wir beispielsweise komplexe ÖV-Informatikprojekte innerhalb von Tarifverbünden führen. So haben wir bereits in verschiedenen Regionen die Projektleitung für die Beschaffung und Einführung von Billettverkaufsgeräten. Ebenfalls übernehmen wir unter anderem Angebotsplanungen oder Marketingaufgaben.
Wie wichtig ist dieses Geschäft heute für Postauto?
Bezogen auf den Umsatz, macht dies einen kleinen Prozentsatz unseres Geschäfts aus. Aber deswegen ist es nicht minder wichtig. Wir verfügen intern über ein grosses Knowhow und wollen dieses zur Verfügung stellen, um das System weiterzuentwickeln. So, wie die SBB auf der Schiene Systemführerin ist, wollen wir auf der Strasse unseren Beitrag leisten.
Wo gibt es für Postauto weitere Wachstumschancen? Werden Sie allenfalls Ihr Auslandgeschäft ausbauen? Die Schweiz ist unser Heimmarkt und hat klare Priorität. Wir haben uns aber auch deutlich dazu geäussert, dass wir im Ausland wachsen wollen. Heute betreiben wir fünf Tochtergesellschaften in Frankreich und eine in Liechtenstein. Nun sind wir erstmals auch in Italien an einem Projekt beteiligt, in der Region Brescia. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen. Es wird sich zeigen, was daraus wird.
Können Sie sich nach den ersten gelungenen Tests in Frankreich auch vorstellen, andernorts einzusteigen, etwa in Deutschland oder Österreich?
Wir prüfen jede Situation. Es ist möglich, dass wir demnächst auch an einer Ausschreibung im süddeutschen Raum teilnehmen werden, dort läuft einiges. Priorität im Ausland hat für uns aber nach wie vor Frankreich, weil dort sehr viele Projekte ausgeschrieben werden. Allerdings ist dort auch die Konkurrenz sehr stark und international.
Wie wichtig ist bei diesen Ausschreibungen die Schweizer Herkunft von Postauto?
Sie gibt uns gleich zwei gute Verkaufsargumente in die Hand. Erstens geniesst das Schweizer ÖV-System im umliegenden Ausland einen sehr guten Ruf. Zweitens steht die Marke Postauto für ein Stück Schweiz, für Zuverlässigkeit und Qualität. Das hilft uns. (Berner Zeitung)
Erstellt: 20.11.2008, 08:07 Uhr
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