Wirtschaft

Warum Multitasking Gesundheit und Beziehungen gefährdet

Von Mathias Morgenthaler . Aktualisiert am 06.04.2009

Wer in einem grösseren Unternehmen Büroarbeit verrichtet, wird vier Mal pro Minute unterbrochen. Konzentriertes, ungestörtes Arbeiten ist vielerorts kaum mehr möglich, also tun wir permanent mehrere Dinge gleichzeitig. Coach und Buchautorin Beate Schneider warnt vor den schädlichen Folgen und empfiehlt, öfter mal Nein zu sagen.

Beate Schneider: «Wir sammeln Freunde wie Trophäen und haben uns dann nichts zu sagen.»

Beate Schneider: «Wir sammeln Freunde wie Trophäen und haben uns dann nichts zu sagen.» (Bild: zvg)

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Literatur

Beate Schneider/Martin Schubert: Die Multitaskingfalle – und wie man sich daraus befreit. Orell Füssli, Zürich 2009. 178 S., 39.90 Fr.

Frau Schneider, sind Sie stark im Multitasking?
Nein, ich beherrsche das überhaupt nicht und ich bin ehrlich gesagt stolz darauf. Das mag paradox klingen, denn Multitasking ist ja eine jener Disziplinen, in denen Frauen angeblich glänzen. Wir haben lediglich evolutionsbedingt eine andere Wahrnehmung als Männer: Unser Blickwinkel ist grösser, schliesslich mussten wir früher auf Heim und Kinder aufpassen, während die Männer auf die Jagd gingen und ihre Aufmerksamkeit ganz auf die Beute fokussierten. Leider stellt heute kaum jemand die Frage, ob es gut ist, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Multitasking bringt nichts, es schadet sogar. Es vermindert unsere Lebensqualität und führt dazu, dass wir und die nächste Generation an Präsenz einbüssen.

Das klingt dramatisch. Was meinen Sie konkret damit?
Wer beim Spazieren telefoniert und beim Essen Mails liest, macht emotional Abstriche. Er hat keine Chance, ganz im Moment zu sein. Er hört die Vögel nicht beim Spazieren und sieht die Natur nicht, er ist aber auch nicht ganz beim Gesprächspartner. Und er schmeckt nicht, was er isst. Das sind relativ harmlose Beispiele, aber wenn solches Verhalten zur Gewohnheit wird, sind die mittelfristigen Folgen einschneidend: Wenn wir dauernd mehrere Dinge gleichzeitig tun, stumpfen wir ab, verlieren wir an Bewusstsein. So gehen wichtige Werte verloren. Wir büssen zum Beispiel die Beziehungsfähigkeit ein.

Hier hilft die moderne Informationstechnologie weiter: Nichts ist leichter, als im Internet in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Myspace ein paar Hundert neue Freunde zu finden…
Es ist ein Irrtum zu glauben, wir könnten 200 Freunde haben. Das ist nur mit sehr viel Rationalisierung machbar. Wir machen Abstriche, verkehren virtuell mit Menschen ohne Ecken und Kanten und bewegen uns in einem diffusen Raum ohne Werte und Verbindlichkeit. Wie schön ist es zu flirten, wenn wir ein Gegenüber vor uns haben! Erst die Präsenz gibt tiefe Emotionen. Multitasking reduziert die Emotionen und die Verbindlichkeit. Wir sind mit allen und allem in Verbindung, aber nichts ist verbindlich, nichts hat Tiefgang.

Warum ist Multitasking am Arbeitsplatz problematisch?
Privat und beruflich werden wir heute pausenlos dazu verführt, von einem Augenblick zum nächsten zu switchen. Wir sammeln im Netz Freunde wie Trophäen und haben uns dann nichts zu sagen. Im Büro kann man problemlos tagelang damit zubringen, Mails zu lesen und zu beantworten. Einer amerikanischen Studie zufolge verbringen Führungskräfte einen Viertel ihrer Arbeitszeit damit, Mails zu bearbeiten. Dazu kommen all die anderen Ablenkungen an einem durchschnittlichen Büroarbeitsplatz wie Newsportale, Suchmaschinen, usw. Das macht es sehr schwierig, konzentriert an einer Sache zu arbeiten, auch dann am Ball zu bleiben, wenn es anstrengend wird.

Haben wir es nicht selber in der Hand, wie leicht wir uns unterbrechen lassen?
Ein Angestellter in einem grösseren Konzern wird drei bis vier Mal pro Minute unterbrochen. Und er braucht jeweils zehn Sekunden, um sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren. Sie können selber rechnen, wie viel effektive Arbeitszeit da bleibt. Es ist wichtig, sich einmal bewusst zu machen, was täglich auf einen niederprasselt. Das beginnt schon am Morgen in der U-Bahn oder im Bus: Wir konsumieren News, haben Musikstöpsel im Ohr, schnappen Gesprächsfetzen auf, bleiben an aggressiven Werbebotschaften hängen, hören Lautsprecherdurchsagen, hasten ins Büro, haben dort den ersten Kunden am Draht, bevor wir den Mantel ausgezogen haben… und wundern uns dann, warum wir am Mittag schon hundemüde sind. Ein Computer stürzt ab, wenn zu viele Programme laufen, der Mensch wird zuerst ineffizient und dann krank.

Sollten wir keine Telefonate mehr entgegennehmen und keine Mails mehr lesen?
Doch, aber wir sollten achtgeben, dass wir uns nicht zu Sklaven der neuen Technologien machen lassen. Wer sich den Eingang jedes Mails optisch oder akkustisch signalisieren lässt, zeigt damit, dass ihm jede Störung willkommen ist. Ich rufe meine Mails drei Mal pro Tag ab. Ich hatte noch nie den Eindruck, deswegen etwas zu versäumen. Wir müssen strikt zwischen Dringlichem und Wichtigem unterscheiden. Mails kosten nichts, und wir landen rasch auf einer Empfängerliste – aber wollen wir uns von allem und jedem aus unserer Arbeit reissen lassen? Die dauernden Unterbrechungen richten einen immensen volkswirtschaftlichen Schaden an. Die direkten Kosten des damit verbundenen Zeitverlusts belaufen sich in Deutschland jährlich auf rund 170 Milliarden Euro.

Das klingt eindrücklich – aber lässt sich so etwas wirklich berechnen?
Wir haben eine amerikanische Studie des Beratungsunternehmens Basex auf europäische Verhältnisse umgerechnet. Es wurden 1000 Manager zu ihren Arbeitsgewohnheiten befragt. Das Resultat: Fast ein Drittel der Arbeitszeit geht durch Unterbrechungen verloren. Hochgerechnet bedeutet dies, es werden etwa 28 Milliarden Arbeitsstunden verschwendet. Doch was viel wichtiger ist, die Individuen zahlen einen hohen Preis: „Multitasker“ laufen Gefahr, Nervenzusammenbrüche oder Herzinfarkte zu erleiden oder an Depressionen zu erkranken. Weil sie immer überall sind, nehmen sie sich selber kaum mehr wahr.

Paradoxerweise erhöht es das Sozialprestige, dauernd und überall erreichbar zu sein.
Wer in seiner Arbeit Befriedigung findet und für seine Leistung Anerkennung erhält, hat es nicht nötig, dauernd erreichbar zu sein und gebraucht zu werden. Viele rutschen ins Multitasking ab, weil sie unsicher sind und ihre Kollegen und Chefs beeindrucken wollen.

Wie kann man sich schützen?
Indem wir uns jeden Morgen bewusst machen, was wichtig ist. Wer weiss, was er will und wofür er das tut, entscheidet schneller und lässt sich weniger leicht ablenken. Und er hat auch eher den Mut, einmal zu sagen: «Das mache ich nicht.» Wer sich klar abgrenzt, bleibt in der Spur. Bei alldem ist Spass an der Arbeit der grösste Motivator. Wer Spass hat, ist fokussierter und erfolgreicher. (Der Bund)

Erstellt: 06.04.2009, 15:29 Uhr


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