«Je komplexer das Produkt, desto mehr verdient die Bank»
Legende: René Zeyer: «Da steckt klar kriminelle Absicht dahinter.»
Literatur
René Zeyer: Bank, Banker, Bankrott. Storys aus der Welt der Abzocker. Orell Füssli, Zürich 2009. 192 S., Fr. 34.90.
Herr Zeyer, Sie haben in guten Jahren als Kommunikationsberater für Banken gearbeitet und legen jetzt, wo die Banken stark angeschlagen sind, ein Buch mit «Storys aus der Welt der Abzocker» vor. Haben Sie keine Skrupel?
RENÉ ZEYER: Da bin ich genauso skrupellos wie die Banker selber und habe genauso wenig Mitleid mit den Banken wie diese mit ihren Opfern. Ich hielt es für wichtig, die Dunkelkammer hinter den schönen Holztüren etwas auszuleuchten. Bis heute sind viele mehr oder weniger gescheite Erklärungen für die Finanzkrise publiziert worden. Wie das berühmte Schweizer Private Banking in der Praxis aber konkret funktioniert, ist bisher meines Wissens nicht dargestellt worden.
Bei Ihrem Buch handelt es sich doch nicht um einen Tatsachenbericht, sondern um eine böse Karikatur. Die Protagonisten feiern Trinkorgien mit russischen Anlegern, sie mogeln Geld an den Steuerbehörden vorbei und beschäftigen sich tagelang mit der Frage, ob sie einen BMW oder Mercedes kaufen sollen.
Ich habe nicht genug Fantasie, um solche Geschichten zu erfinden. Alle Storys stammen aus dem wahren Leben der hiesigen Finanzdienstleister. Es mag für viele überraschend sein, aber die Hauptaufgabe eines Private-Bankers in der Schweiz ist nicht, irgendwelche Anlagemodelle für seine Kunden zu berechnen oder tolle Strategien zu entwerfen. In erster Linie ist er ein PR-Mensch, der an noblen Anlässen gut betuchte Kundschaft umgarnt. Die entscheidende Kompetenz ist Eindrucksmanagement, nicht Sachverstand.
Von Finanzmärkten und -produkten verstehen die Private-Banker in der Regel nicht viel?
Nein, die meisten sind keine Wirtschaftsspezialisten, eher Juristen, Chemiker, Autoverkäufer, die Private-Banker geworden sind, weil sie einen anderen Beruf verfehlt haben und reich werden wollten. Entscheidend ist, dass jemand einen verbindlichen Umgangston hat und gerne an allen möglichen Partys rumsteht. Dort steckt er jenen, die 10 oder besser 50 Millionen Franken mitbringen, am Schluss seine Visitenkarte zu.
Damit sagen Sie auch: Nicht nur die Kunden haben oft keine Ahnung, was für Finanzprodukte in ihrem Depot liegen, sondern auch die Berater auf der Bank tappen da im Dunkeln?
Das Standardziel des Private-Bankers ist, die Vermögensverwaltungsvollmacht zu erhalten. Er teilt seine Kunden nach banalen Grundrastern in eine Risikotyp-Kategorie ein und verwaltet das Vermögen dann eigenmächtig. Solange es an den Börsen aufwärtsgeht, sind alle happy. Wenns wirtschaftlich enger wird, verschlechtert sich das Verhältnis. Der Banker will nach wie vor Umsatz generieren, weil sein Bonus davon abhängt, der Kunde fährt nun happige Verluste ein und fragt sich, wofür der Berater eigentlich seine Kommissionen kassiert.
Im Verlagstext zu Ihrem Buch steht, die Vorurteile gegenüber der Branche würden von der Realität noch übertroffen. Inwiefern sind die Banker schlimmer als ihr Ruf? Schockierend ist nebst dem minimen Fachwissen der Realitätsverlust. Private-Banker kommen inklusive Bonus in der Regel auf ein Einkommen von 400'000 bis 600'000 Franken; da sie zusätzlich auf Kosten der Bank mit Geld um sich werfen können, führen sie das Leben eines Multimillionärs. Sie beschäftigen Fashion-Consultants, Innenarchitekten, Wellness-Berater und Personal Trainer. Und manche bringen Tage damit zu, im März, nach Bekanntgabe der Boni, den Kauf des neuen Autos sorgfältig zu evaluieren.
Jetzt übertreiben Sie wieder.
Keineswegs, das ist durchaus matchentscheidend für die Karriere eines Private-Bankers. Wichtig ist, die Gratwanderung zwischen Statusansprüchen und innenpolitischer Korrektheit zu meistern. Wenn Ihr Chef etwas altmodisch ist und noch Mercedes fährt, kaufen Sie besser nicht einen Aston Martin. Meistens liegen nur Mercedes und BMW drin, farblich irgendwo zwischen grau, dunkelgrau und schwarz.
Spielt da Neid mit, oder was war Ihr Antrieb, dieses Buch zu schreiben und damit lukrative Beratungsmandate aufs Spiel zu setzen?
Ich wollte das Buch ursprünglich unter einem Pseudonym veröffentlichen. Dann zog die Geschichte mit Schweizer Lehman-Opfern immer weitere Kreise; es zeigte sich, dass viele Kleinkunden einen Grossteil ihres Vermögens oder ihrer Altersvorsorge verloren hatten, weil ihr Bankberater sie dazu verleitet hatte, alles auf eine Karte zu setzen und hoch spekulative Produkte zu erwerben. Nachdem ich mich entschieden hatte, mich als Sprecher der Schutzgemeinschaft der Lehman-Anlageopfer zur Verfügung zu stellen, war mir klar, dass ich auch als Buchautor meinen Kopf hinhalten musste.
Sie schiessen mit schwerem Geschütz auf die Bankbranche. Was war eigentlich Ihre Motivation, just in dieser Branche Kommunikationsmandate zu übernehmen?
Es gibt ja nicht nur die Abzocker, sondern auch eine Reihe ehrenwerter Privatbankiers, die wissen, dass man nicht 15 Prozent Rendite pro Jahr versprechen kann. Ein Profit von 5 Prozent ist ziemlich gut – diese Faustregel ist seit Menschengedenken gültig. Wer mehr anpeilt, bewegt sich irgendwo zwischen Casino und Lotterie.
Und die Banken haben diese Erwartungshaltung gefördert?
Sie suggerierten , dass man risikolos 10, 15 oder 20 Prozent erzielen kann. Schauen wir den Fall des Betrügers Madoff an: Da fielen Tausende von seriösen Analysten auf ein primitives Schneeball-System herein. Fachidioten wissen so viel, dass sie vergessen, banale Fragen zu stellen wie: «11 Prozent jedes Jahr – wie macht der das eigentlich?» Wenn wir vor 20 Jahren einen Anruf von den Cayman-Inseln mit einem solchen Angebot erhalten hätten, hätten wir lachend aufgelegt. Heute ist die Finanzwelt derart vernetzt, dass uns unsere angeblich seriöse 250-jährige Traditionsbank solche Produkte anbietet.
Aus Naivität oder mit böser Absicht?
Es ist eine Mischung aus Gier und Branchenverdummung. Das unsägliche «Financial Engineering» hat die Produkte so kompliziert gemacht, dass selbst die Finanzanalysten nicht mehr durchblicken. Wir sollten nicht glauben, die Banken hätten aus Gedankenlosigkeit so komplizierte Modelle entworfen, da steckt klar kriminelle Absicht der Investment-Banker dahinter. Je komplexer ein Produkt ist, desto mehr verdient die Bank damit, so einfach ist das. Die Zeiten, als in den Banken die Gangster vor den Schaltern standen, sind vorbei. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.02.2009, 16:23 Uhr
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