«Es ist Unsinn zu denken, Leistung spreche für sich»
Wer immer erreichbar ist und schnell antwortet, zeigt Engagement. «Die Wahrheit lautet oft eher: Er hat nichts Besseres zu tun.»
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Literatur
Martin Wehrle: Lexikon der Karriere-Irrtümer. Econ- Verlag 2009. 272 Seiten, Fr. 29.90.
Herr Wehrle, dieser Tage kommt Ihr «Lexikon der Karriere-Irrtümer» heraus – welchen Irrtümern sind Sie selber erlegen?
(Lacht) Die kann ich Ihnen hier nicht alle aufzählen. Als junger Mann war ich zum Beispiel überzeugt davon, dass man durch Leistung vorwärtskommt. «Wenn man besser arbeitet als andere», dachte ich, «dann fällt einem irgendwann als Lohn eine Beförderung in den Schoss.» Mit der Zeit realisierte ich, dass andere weiter kommen, weil sie ihre bescheidene Leistung brillant verkaufen. Es gibt so viele Chefs, bei denen man sich nur eine Frage stellt, nämlich: «Wie ums Himmels willen sind die so weit gekommen?» Die einfachste Antwort lautet: gutes Selbstmarketing und geschicktes taktisches Verhalten. Leider haben jene Berufstätigen, die mit viel Herzblut bei der Sache sind, in diesen Bereichen meistens eklatante Schwächen. Sie gehen auf in ihrer Arbeit und vernachlässigen den Rest.
Es wollen ja nicht alle aufsteigen auf der Hierarchieleiter.
Mir gehts eher darum, dass es einfacher ist, sich in der Arbeitswelt zu bewegen, wenn man die Spielregeln kennt. Stellen Sie sich vor, Sie hätten keine Ahnung von der Bedeutung all der Schilder, die den Strassenverkehr regeln – dann blieben Sie am besten zu Hause. Manche kämpfen sich jahrelang durch das Arbeitsleben, ohne ein klares Bild von den Spielregeln zu bekommen. Schlimmer noch: Sie lassen sich von Spielregeln leiten, die nichts mit der Realität zu tun haben, und wundern sich, dass sie nicht weiterkommen. Es gibt unzählige Karriereratgeber auf dem Büchermarkt, nur sind diese Bücher fast ausnahmslos von Sozialwissenschaftlern und Pädagogen verfasst, die das meiste aus anderen Büchern abgeschrieben haben. Mit dem Arbeitsalltag in Unternehmen hat das nicht viel zu tun. Irrtümer bleiben auch dann Irrtümer, wenn sie fleissig reproduziert werden.
Von welchen Illusionen sollten wir uns verabschieden?
Es ist Unsinn zu denken, Leistung spreche für sich. Immer wieder kommen Leute zu mir in die Beratung und beklagen sich, dass sie nicht befördert werden, keine Lohnerhöhung erhalten, nicht einmal Anerkennung spüren. Ich glaubte damals, als ich den Reportage-Preis der Hamburger Akademie für Publizistik erhielt, auch, mein Chef werde mir sogleich eine Lohnerhöhung vorschlagen. Später, als ich selber Chef in einem grösseren Unternehmen war, begriff ich: Wer wartet, ist selber schuld. Jeder Chef hat einen gewissen Etat für Löhne; es ist nichts als natürlich, dass er zuerst jene bedient, die am lautesten «Hunger!» rufen, die fordernd auftreten. Wer im Hintergrund zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk vor sich hin arbeitet, den störe ich besser nicht.
Viele befürchten, als gierig zu gelten und den Chef zu verärgern, wenn sie Lohnerhöhungen fordern.
Man sollte sich bewusst machen: Wenn ich einen sehr guten Job mache, ist es im Interesse des Chefs, mich zu halten. Also ist es nichts als fair, wenn ich frühzeitig mit ihm über meine Perspektiven im Betrieb spreche und ihm dabei auch klarmache, was meine Ansprüche sind. Es gibt keinen Grund zur Annahme, das erzeuge eine schlechte Stimmung. Die meisten Chefs haben selber irgendwann ein relativ hohes Gehalt ausgehandelt, sie haben einen heimlichen Respekt vor jenen, die ihre Interessen gut vertreten können – und sie deuten es als Zeichen, dass diese Leute auch im Interesse der Firma dezidiert auftreten. Natürlich hat jeder Chef den Ehrgeiz, die Lohnforderung noch ein wenig herunterzuhandeln. Deshalb sollte man immer mehr fordern, als man für realistisch hält. Und nicht rot werden dabei. Das kann man in Rollenspielen üben.
Welche anderen Karriere-Irrtümer ärgern Sie?
Grundsätzlich scheitern die meisten Menschen nicht an bösen Chefs oder zu geringen Qualifikationen, sondern an den Barrieren im eigenen Kopf. Wenn ein 48-jähriger Betriebswirt in all seinen Bewerbungen schreibt «Trotz meinem fortgeschrittenen Alter bin ich leistungsstark und lernfähig», dann ist kein Personalchef schuld, wenn er keine Stelle findet, sondern seine Überzeugung: «Mit 48 Jahren bin ich eigentlich zu alt.» Solche Karriere-Irrtümer können grosse Schäden anrichten. Ein anderer Irrtum ist, es sei gut, sich an grossen Vorbildern zu orientieren. Wenn ein deutscher Manager versucht, Jack Welch zu kopieren, wird er schnell merken: Dessen Rezepte funktionieren nur zu einer bestimmten Zeit unter gewissen Umständen. Was in Amerika Erfolg bringt, kann in Deutschland in die Katastrophe führen. Besser ist es zu schauen, wer sich im eigenen Umfeld auf der Karriereleiter gut fortbewegt – und sich darüber Gedanken zu machen, wie er das geschafft hat.
Beflügelt ständige Erreichbarkeit die Karriere?
Nein, das ist ein weiterer Irrtum, dem viele nachleben: «Wer immer erreichbar ist und schnell antwortet, zeigt Engagement.» Die Wahrheit lautet oft eher: Er hat nichts Besseres zu tun. Das bedeutet natürlich nicht, dass man seinen Chef wochenlang auf eine Antwort warten lassen sollte, aber es schadet nicht, wenn er begreift, dass man mit wichtigen Aufgaben beschäftigt ist, die man nicht für alles fallen lässt. Unabhängig davon können nur jene Spitzenleistungen erbringen, die auch wissen, wie man sich unerreichbar macht. Ständig Mails zu checken, ist nicht nur dumm, sondern auch ungesund: Forscher der Universität London haben herausgefunden, dass jemand, der andauernd Mails abruft, liest und versendet, seinen IQ vorübergehend um bis zu 10 Punkte senkt. Wer Haschisch raucht, verliert nur 4 Punkte.
Schöne Aussichten. An anderer Stelle schreiben Sie, dass jemand, der Alkohol trinkt, bessere Karrierechancen hat.
Auch da stütze ich mich auf Studien. Natürlich geht’s nicht um den Alkohol, sondern um das gesellige Beisammensein respektive um die Erkenntnis: Gute Kontakte sind noch wichtiger als gute Leistung. Wer befördert werden will oder mehr Lohn möchte, braucht Mentoren und einen guten Draht zum Chef. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.02.2009, 13:44 Uhr
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