Die Tabakindustrie will sich mit der Zigarette ohne Feuer retten

In westlichen Ländern sinken die Verkaufszahlen von Zigaretten. Die Industrie sucht nach neuen Produkten, die dem Rauchen nahekommen, aber weniger schädlich sein sollen. Eines davon ist die Iqos, die den Tabak nicht verbrennt, sondern nur erhitzt. Die Lungenliga ist skeptisch.

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Eine imposante Gebäudegruppe zieht sich im Vorort Neuenburgs den See entlang. Der Komplex aus quaderförmigen Bauten gehört zu einem einzigen Unternehmen, dem Tabakmulti Philip Morris. Auf Produktionsstätten folgt der Cube – eine moderne Glaskonstruktion ungefähr in der Grösse eines Fussballfeldes.

Der Eingang liegt mit traumhafter Aussicht auf der Seeseite. Im Innern ist der Cube in weitere drei Gebäude mit den Namen Luft, Wasser und Erde unterteilt. Das vierte Element fehlt. Mit Absicht. 400 Wissenschaftler aus der ganzen Welt tüfteln im Cube an der Zigarette der Zukunft, und die soll ohne Feuer geraucht werden.

Wobei rauchen genau genommen irreführend ist. Da kein Feuer im Spiel sein soll, meiden die Experten von Philip Morris das Wort Rauch und sprechen lieber von Aerosol – ein Oberbegriff für alle feinen Teilchen, die in der Luft schweben, sei es Dampf, Gas oder eben Rauch.

Milliarden-Investition

Abgesehen von staatlich kontrollierten chinesischen Produzenten ist Philip Morris International (PMI) der weltweit grösste ­Zigarettenhersteller. Mit weltweit 82'000 Mitarbeitern erzielt der Konzern unter anderem mit bekannten Marken wie Marlboro einen Jahresumsatz von mehr als 80 Milliarden Franken.

Das Rauchen ohne Feuer ist für PMI weit mehr als nur ein Versuchsballon. Auf seiner Internetseite begrüsst das Unternehmen die Besucher seit Anfang Jahr mit der Schlagzeile «rauchfreie Zukunft». Darauf folgt die rhetorische Frage: «Wie lange bleibt die Weltmarktführerin noch im Zigaretten­geschäft?» Und dass dies mehr als ein Lippenbekenntnis ist, zeigen auch Zahlen: Der Konzern verfolgt diese Vision als strate­gisches Ziel.

Seit 2009 hat PMI 3 Milliarden Dollar in die Forschung und die Entwicklung investiert – einen Grossteil davon im Cube bei Neuenburg. Die Konkurrenz geht in dieselbe Richtung: British American Tobacco hat ein Gerät präsentiert, das dem gleichen strategischen Ziel entspricht.

Erhitzen statt verbrennen

Es gibt Prototypen, Produkte in der Testphase und Geräte, die Philip Morris voll lanciert. Zu den Letztgenannten zählt die Iqos. Es ist ein zweiteiliges Set, besteht aus einem handlichen Etui, das auch als Ladegerät dient, und einem elektronischen Heizelement, mit dem der Tabak konsumiert wird. Der verwendete Tabakstick gleicht herkömmlichen Zigaretten, ist jedoch kürzer. Der entscheidende Punkt: Der Tabak wird nicht mehr bei 800 Grad verbrannt, sondern mit einer Lamelle auf nur noch 350 Grad erhitzt.

Bei der Verbrennung entstehen besonders viele schädliche Stoffe. Gesund ist zwar auch die Iqos nicht, aber laut Forschern von PMI reduziert sie die Schadstoffe um durchschnittlich 90 bis 95 Prozent. Nicht aber das Nikotin. Anders als bei E-Zigaretten wird keine Flüssigkeit (Liquids) verdampft, sondern eben Tabak erhitzt, was näher beim klassischen Rauchen sein soll.

Noch beschränkt sich PMI ­darauf, das neue Produkt mit Begriffen wie «ohne Feuer, ohne Asche, weniger Geruch» zu bewerben. Denn trotz deutlich tieferer Schadstoffbelastung ist der Nachweis immer noch nicht erbracht, dass die Iqos weniger häufig Lungenkrebs oder einen Herzinfarkt verursacht als herkömmliche Zigaretten. Vertreter von Philip Morris sprechen aber von «ermutigenden Resultaten». Firmenintern ist bei der Iqos und vergleichbaren Modellen von Reduced Risk Products die Rede.

Verzicht auf Warnhinweise?

Es liegt auf der Hand, dass PMI die tieferen Schadstoffwerte als Verkaufsargument nutzen möchte. Bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA hat der Konzern Antrag auf eine neue Klassifizierung gestellt. Würde dieser bewilligt, wären abschreckende Aufdrucke wie «Rauchen tötet» nicht mehr nötig. Im europäischen Raum gibt es bisher keine vergleichbare Klassifizierung für Tabakprodukte.

Die Apparaturen in manchen Labors des Cube erinnern an die Comicfigur Daniel Düsentrieb. An einem Ort rauchen Geräte Zigaretten und die Iqos – sie messen und analysieren, was für Stoffe dabei entstehen. Eine Abteilung beschäftigt sich mit der Strapazierfähigkeit der neuen Geräte. Hier liefern Techniker Antworten auf Fragen wie: Was geschieht, wenn die Iqos auf den Boden fällt? Wie oft lässt sie sich ein- und ­ausschalten, bis der Schaltknopf nicht mehr funktioniert?

In einem anderen Labor tüfteln Forscher am Tabak: Eine Frau wallt eine Tabakmasse wie Teig aus, nur viel dünner. Anschliessend werden die Proben getrocknet. Die richtige Mischung zu finden, ist eine Kunst. Denn es geht nicht nur um den Geschmack, sondern auch um die Konsistenz: Der sogenannte Heatstick – das ist der Glimmstängel der Iqos – darf nicht zerbröseln, sondern muss stabil bleiben, wenn er in der Iqos erhitzt und konsumiert wird.

Einstiegshilfe für Junge?

Die Medienverantwortlichen von PMI betonen, dass Zigarettenraucher angesprochen werden sollen, die «eine potenziell weniger schädliche Alternative» suchen. Die Organisationen Lungenliga und Sucht Schweiz befürchten jedoch, dass auf diese Weise jungen Menschen der Einstieg ins Rauchen erleichtert wird.

«Es mag sein, dass die Iqos für schwere Raucher eine bessere Lösung ist, trotzdem raten wir lieber grundsätzlich vom Rauchen ab», sagt Claudia Künzli von der Lungenliga Schweiz. Denn Rauchen schade immer, auch mit der Iqos. Sie zweifelt an der massiven Schadstoffreduktion, weil die Studien dazu nicht von unabhängigen Forschern erstellt worden seien.

Und neue Produkte seien für junge Leute immer interessant, deshalb sei das Risiko hoch, dass auch bisherige Nichtraucher wegen der Iqos mit dem Tabakkonsum beginnen würden. Künzli kauft PMI nicht ab, dass die Iqos nur für bisherige Raucher konzipiert ist. «Philip Morris geht es in erster Linie darum, den Umsatz zu steigern und neue Kunden zu gewinnen», sagt sie.

Mediensprecher von PMI bestreiten, dass der Konzern mit Iqos und vergleichbaren Produkten neue Kunden gewinnen und den Umsatz steigern wolle. Sie betonen, dass der Verkauf herkömmlicher Zigaretten und der erzielte Umsatz seit Jahren stabil seien. Aus internationaler Sicht ist das korrekt, da insbesondere in Asien und im Mittleren Osten weiterhin eine starke Nachfrage besteht.

Es ist auch korrekt, dass die Zahl der Raucher in der Schweiz seit einigen Jahren auf gleichem Niveau verharrt. Doch die Menge der verkauften Zigaretten sinkt seit längerem kon­tinuierlich (siehe Grafik). Vielleicht steigt bei Rauchern das Gesundheitsbewusstsein, vielleicht werden ihnen die Zigaretten zu teuer, vielleicht nutzen sie auch andere Produkte. Jedenfalls dürfte PMI ein Interesse daran haben, diesen Rauchern mit Iqos oder vergleichbaren Geräten eine Alternative zu bieten.

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Laut der PMI-Medienstelle erreichte Iqos in der Schweiz nach eineinhalb Jahren einen Marktanteil von 1,7 Prozent, was «in einem sehr kompetitiven Umfeld erfreulich» sei. Einen höheren Marktanteil hat das Unternehmen in Japan erreicht. Das Ziel ist, ab Ende 2017 weltweit jährlich mindestens 50 Milliarden Heatsticks zu produzieren. Doch selbst dieser hohe Zielwert sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der weltweite Marktanteil immer noch sehr gering ist. Ob die Iqos zum Verkaufsschlager wird, weiss noch niemand.

Softies statt harte Cowboys

Harte Cowboys rauchen Marlboro und treiben fernab vom Komfort einer Stadt Kuhherden vor sich her. Dieses Lebensgefühl hat das Unternehmen jahrzehntelang in der Werbung vermittelt. Das ist tief in den Köpfen verankert. Doch davon sind die neuen Marlboro-Heatsticks weiter entfernt, als der Cowboy in der Prärie sehen kann. Sie funktionieren nicht ohne Strom und technische Hilfsmittel.

Sie sind eher iPhone als Cowboy und sprechen nicht harte Kerle an, sondern Softies, die keine Asche, weniger Rauch und Schadstoffe bevorzugen. Dieser Bruch wird vielleicht die grösste Hürde sein, die über den Erfolg der Iqos entscheidet. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.04.2017, 08:33 Uhr

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