Partnerschaft bedarf Vertrauen

Wirtschaftsredaktor Jürg Rüttimann über längere Arbeitszeiten in der Industrie.

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Der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank, den Euromindestkurs aufzuheben, hat letztes Jahr viele Unternehmen in Not gebracht. Von einem Tag auf den anderen waren ihre Produkte preislich nicht mehr konkurrenzfähig. Nachdem der starke Franken die Manager bereits die Jahre davor zur Verbesserung der Produktivität gezwungen hatte, um mit der ausländischen Konkurrenz mithalten zu können, sahen sie Anfang letzten Jahres zu Recht ihre Umsätze und Gewinne wegschmelzen.

Eine schnelle Reaktion zahlreicher Firmen auf den Frankenschock war die Erhöhung der Arbeitszeit. Dadurch, dass die Angestellten in der Schweiz fürs gleiche Geld länger arbeiteten, wurde zumindest ein Teil dessen wettgemacht, was beim Ertrag nach der abrupten Wechselkursveränderung fehlte. Dank des Krisenartikels im Gesamtarbeitsvertrag der ­Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie konnte die ­Wochenarbeitszeit der Mitarbeiter äusserst rasch nach oben geschraubt werden. Weil es um den Erhalt ihrer Stellen ging oder weil sie um die prekäre ­Situation ihrer Arbeitgeber wussten, haben viele ­Angestellten in die Sofortmassnahme eingewilligt.

Nun, da bei den meisten Unternehmen wieder die Normalarbeitszeit gilt, zeigt sich: Die Arbeits­zeitverlängerung hat vielen Firmen tatsächlich wertvolle Zeit verschafft, sich auf die neue Situation ­einzustellen. Das hat dazu beigetragen, dass ­Unternehmen ihre Marktposition verteidigen und ­Aufträge behalten konnten. Dass so indirekt auch ­Arbeitsplätze gesichert wurden, rechtfertigt den ­Beitrag, den die Angestellten mit ihrer unbezahlten Mehrarbeit dazu leisteten. Wenn sich mit den ­Jahresabschlüssen jetzt allerdings zeigen sollte, dass die Arbeitszeitverlängerung oft ­einzig zur Steigerung der Gewinne diente, wie das die Gewerkschaften in verschiedenen Fällen behaupten, dann belastet dies die Sozialpartnerschaft. So schnell werden die ­Angestellten dann nämlich in Zukunft ­ihren ­Arbeitgebern nicht mehr entgegenkommen. Denn die viel beschworene Sozialpartnerschaft ­funktioniert nicht ohne Vertrauen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.02.2016, 23:05 Uhr)

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Jürg Rüttimann

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