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Wollen die Chinesen nur ans Know-how?

Von Anita Merkt. Aktualisiert am 27.12.2012

Nach dem Kauf von Swissmetal durch die chinesische Baoshida ist die Erleichterung in der Nordwestschweiz gross. Allerdings: Erst kürzlich wurde das französische Stahl-Werk Forange von der indischen Mittal stillgelegt.

Die chinesische Baoshida-Gruppe will Swissmetal wieder flottmachen. Arbeiter des Werks Boillat in Reconvilier während des Streiks im Januar 2006.

Die chinesische Baoshida-Gruppe will Swissmetal wieder flottmachen. Arbeiter des Werks Boillat in Reconvilier während des Streiks im Januar 2006.
Bild: Keystone

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Das Stranggiessverfahren

Das sogenannte Stranggiessverfahren (siehe Video unten) gehört in der Metallindustrie zu den fortgeschritteneren Produktionsmethoden. Zusammen mit der Ecole Polytechnique in Lausanne hat Swissmetal das Verfahren optimiert.

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«Wir sind erleichtert. Die Unsicherheit hat zu lange gedauert», sagt Jean-Pierre Chapuis, Unia-Sekretär für den Jurabogen, der Westschweizer Zeitung «Le Temps». Nach Jahren des Hoffens und Bangens hat die chinesische Baoshida-Gruppe Swissmetal jetzt gekauft und versprochen, in die beiden Werke in Dornach und Reconvilier zu investieren. Die Befürchtung, dass sich Baoshida in Wahrheit nur für die Technologie und die Patente von Swissmetal interessiert, bleibt bestehen. «Das kann niemand ausschliessen», so Chapuis.

Auch der Lausanner Metallurgieprofessor Michel Rappaz ist skeptisch. «Wir haben gesehen, was mit Arcelor-Mittal in Frankreich passiert ist und mit Merck-Serono in Genf», sagt Rappaz Bernerzeitung.ch/Newsnet. Bevor Swissmetal in die Krise geriet, forschte die Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne zusammen mit dem Unternehmen an der Optimierung von Herstellungsverfahren bei Kupferprodukten. «Doch als Swissmetal in die Krise geriet, mussten wir die gemeinsamen Forschungsprojekte einstellen», so Rappaz.

Bei einigen Produkten Marktführer

Der Professor für Materialwissenschaften befürchtet, dass die chinesischen Käufer langfristig nur die Produktion mit hoher Wertschöpfung und die Forschung in der Schweiz belassen werden. «Bei einigen hochwertigen Produkten wie elektronischen Kontakten gehört Swissmetal zu den Marktführern», erklärt Rappaz. «Baoshida ist sicher daran interessiert, sich die Technologie anzueignen und sie zu übernehmen. Technologisch weniger aufwendige Produkte lassen sich aber in Ländern wie China oder Vietnam viel billiger produzieren. Das ist einfach die industrielle Logik im Zeitalter der Globalisierung.»

Rappaz war als Berater dabei, als der französische Stahlproduzent Arcelor vom indischen Branchengiganten Mittal übernommen wurde. «Bei Arcelor arbeiteten in der Forschung etwa 1000 Leute, Mittal hatte beim etwa gleichen Umsatz gerade mal 100. Die Entwicklungsabteilungen wurden dann zusammengelegt und Mittal eignete sich die Technologie an. Die Stahlproduktion in Frankreich will Mittal jetzt einstellen. Leider steht zu befürchten, dass mit Swissmetal das Gleiche passiert», so Rappaz.

Ausbau auf 400 Mitarbeiter

Gemäss Pressemitteilung hat sich die Baoshida-Holding verpflichtet, alle verbliebenen Swissmetal-Arbeiter in den Werken Dornach und Reconvilier zu übernehmen. Swissmetal-Chef Jean-Pierre Tardent erklärte im Interview mit der «Basler Zeitung», er erwarte sogar einen Ausbau des Personalbestandes. Bei einem Besuch in China habe er den Eindruck gewonnen, dass die Baoshida-Leute tatsächlich «an der Entwicklung von Aktivitäten in der Schweiz» interessiert seien. Tardent rechnet sogar damit, dass Swissmetal bis in fünf Jahren auf ungefähr 400 Beschäftigte kommen wird. Zurzeit arbeiten in den beiden Werken Dornach und Reconvilier noch 250 Mitarbeiter.

Er selbst sei als Generaldirektor bestätigt worden, sagte Tardent im Interview mit Bernerzeitung.ch/Newsnet. Voraussichtlich werde Baoshida aber in der oberen Führungsebene einen Vertreter aus China platzieren. Auch hier ist EPFL-Professor Rappaz aufgrund seiner Erfahrungen skeptisch, ob die Konstellation langfristig beibehalten wird. «Auch im Arcelor-Management sassen anfangs noch etliche Franzosen. Die wurden aber schnell durch Inder ersetzt.»

Ein Fuss in Europa

Grundsätzlich hat Rappaz gegen die Übernahme von Swissmetal durch die chinesische Holding nichts einzuwenden. «Es gab ja kaum andere Möglichkeiten.» Die genauen Vereinbarungen und Garantien im Übernahmevertrag kenne er nicht. «Jetzt haben die chinesischen Investoren schon einmal einen Fuss in Europa und können in die Produktion hochwertiger Spezialprodukte einsteigen. Langfristig werden sie schauen, was sie mit den einzelnen Profit-Centern machen wollen.»

Für Rappaz ist klar, dass jedes internationale Unternehmen permanent überprüft, welche Produktion wo Sinn macht. Die Schliessung von Serono nach der Übernahme durch Merck ist für den Lausanner Professor nichts anderes. «Das deutsche Unternehmen gab eine Arbeitsplatzgarantie für fünf Jahre. Nach fünf Jahren und drei Monaten haben sie die Produktion in Genf dichtgemacht.»

«Metallindustrie nicht tot»

Schwarz für die Zukunft der Metallindustrie in der Schweiz sieht Rappaz jedoch nicht. «An der Universität Neuenburg wurde in Zusammenarbeit mit der EPFL in Lausanne eine neue Professur für Metallurgie eingerichtet», sagt Rappaz Bernerzeitung.ch/Newsnet, «im nächsten Jahr soll sie besetzt werden.» Als wichtiger Standort der Uhrenindustrie und des Maschinenbaus brauche die Schweiz auch eine funktionsfähige und innovative Zulieferindustrie. «Die Schweizer Metallindustrie ist nicht tot», ist Rappaz überzeugt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.12.2012, 16:18 Uhr

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