Wie man mit weniger Wählern mehr Sitze gewinnt
Von Iwan Städler. Aktualisiert am 25.10.2011 4 Kommentare
Die Wahlbeteiligung lag bei 49,1%: Anzahl Sitze, in Klammern die Veränderung zu den Wahlen 2007. (Bild: TA-Grafik ib/Quelle: Parlament)
Artikel zum Thema
- Das ist das neue Parlament
- Wo die Gewinner ihre Stimmen holten
- Sorgen um französischsprachige Berner Vertretung im Nationalrat
- Bastien Girod: «Das Resultat ist die Quittung für unsere Politik»
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Eigentlich gehört SP-Präsident Christian Levrat zu den Verlierern. Der Wähleranteil seiner Partei sinkt bei den Nationalratswahlen um voraussichtlich 1,9 auf 17,6 Prozent. Trotzdem kann sich Levrat als Gewinner gebärden. Denn die SP hat zwei Sitze zugelegt. Anders Ueli Leuenberger: Dessen Grüne haben zwar weniger Wähleranteile verloren als die SP (sie fallen um voraussichtlich 1,6 auf 8,0 Prozent). Doch sie müssen ein happiges Minus von fünf Sitzen verkraften.
«Uns hat es diesmal besonders arg erwischt», konstatiert Miriam Behrens, Generalsekretärin der Grünen. Fast alle Sitzverluste lassen sich ihr zu Folge mit Proporzpech erklären. Zum Beispiel im Kanton Basel-Stadt. Dort haben die Grünen sogar an Wähleranteil zugelegt (von 12,1 auf 13,4 Prozent), aber dennoch einen Sitz verloren. Grund dafür ist der Listenverbindungspartner der Grünen: die SP. Sie ist in Basel von 35,2 auf 29,1 Prozent eingebrochen, was die Listenverbindung der beiden linken Parteien das Restmandat kostete, das vor vier Jahren an die Grünen ging.
Auch in Zürich hat die grüne Partei ein sogenanntes Restmandat verloren. So nennt man die verbleibenden Sitze, die nach einer ersten Verteilung übrig bleiben und nach einem komplizierten mathematischen Verfahren vergeben werden. 2007 hatten die Grünen bei dieser Verteilung äusserst viel Glück. Jetzt hat sich das Blatt gewendet, womit man gewissermassen von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen kann.
Das doppelte Kunststück der SP
Die SP hingegen hatte vor vier Jahren eher Proporzpech – zum Beispiel im Kanton Solothurn. Dort ging ein Sitz innerhalb der linken Listenverbindung damals ganz knapp an die Grünen. Diesmal hingegen ist er der SP zugefallen, weil die Grünen im Solothurnischen ein Viertel ihrer Wählerinnen und Wähler verloren haben. Die Sozialdemokraten haben zwar ebenfalls etwas an Wähleranteil verloren, aber weniger als die Grünen – weshalb sie den Sitz erben konnten. Dies zeigt, wie man auch mit einem Wähleranteilsverlust durchaus ein Mandat gewinnen kann.
Dasselbe Kunststück gelang den Sozialdemokraten im Wallis. Auch dort verloren sie leicht an Wählerinnen und Wählern, konnten aber dennoch einen Sitz dazugewinnen. Ihr Glück war, dass die CVP noch mehr an Wähleranteil einbüsste. So vermochte die SP den Christlichdemokraten ein Restmandat abzuluchsen.
Der beste Wahlhelfer
Die Beispiele zeigen: Der beste Wahlhelfer ist am Ende das Proporzglück. Nur hilft es nicht immer derselben Partei. Dessen müssen sich auch die Sozialdemokraten bewusst sein. Sie werden in vier Jahren um jene Restmandate zittern müssen, die sie am Wochenende mit viel Glück ergattert haben. Gut möglich, dass dann Christian Levrat oder sein Nachfolger zwar an Wähleranteil zulegt, aber dennoch zu den Wahlverlierern gerechnet wird. Denn am Ende zählen im Parlament nur die Sitze. Wähleranteile können nicht abstimmen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.10.2011, 11:00 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
4 Kommentare
Ich habe die Listenverbindungen schon immer als Unfug betrachtet. Im Aargau hat man sie beim Kantonsrat (sog. Grosser Rat) zu recht abgeschafft, ich denke es ist an der Zeit, dass man diese undemokratische Konstruktion auch in der Restschweiz in Zukunft weglässt. Antworten

Bitte warten



