Die Hochrechner der Nation
Von Martin Furrer. Aktualisiert am 23.10.2011 25 Kommentare
Grosse Verantwortung: Rolf Nef ist wissenschaftlicher Leiter der Gruppe «Projections».
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Zwölf Uhr mittags geht in «High Noon», einem Wildwest-Klassiker, der blutige Kampf los zwischen einer Gangsterbande und einem Marshall. Im Studio Leutschenbach des Schweizer Fernsehens in Zürich wird man am Sonntagmittag um zwölf Uhr ebenfalls etwas nervös auf die Uhren schauen. Dann gehen die ersten Hochrechnungen zu den eidgenössischen Wahlen über den Sender.
Die Zahlen zum Showdown liefert ein Viererteam, das dabei von rund dreissig Helfern im Hochrechnungszentrum in Leutschenbach und zwanzig Personen in den Gemeinden und Kantonen unterstützt wird. «Projections» nennt sich die Gruppe. Sie erstellt seit 1979 im Auftrag der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft die Hochrechnungen zu Parteistärken und Sitzverteilungen im Nationalrat. Präsentiert und analysiert vor der Kamera werden die Zahlen anschliessend vom Politikexperten Claude Longchamp, der mit Projections geschäftlich nichts zu tun hat.
Eine eingespielte Crew
Zwei Appenzeller, ein Urner und eine Walliserin bilden den Kern des Teams. Es trifft sich nur dann, wenn das eidgenössische Parlament neu bestellt wird – also bloss alle vier Jahre. Trotzdem ist es so gut eingespielt wie eine perfekt funktionierende Filmcrew. Rolf Nef, geboren in Herisau (AR), ist der wissenschaftliche Leiter. Der 63-Jährige gilt hierzulande als «Vater der nationalen Hochrechnungen». Während des Studiums gehörte der Soziologe, heute als Professor an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, zu den Mitherausgebern der Zeitschrift «Das Konzept», einer Vorgängerin der linken «Wochenzeitung».
Zahlen, Daten, Fakten
Jürg Frischknecht, wie Nef in Ausserrhoden geboren, wurde im Kalten Krieg landesweit bekannt: 1976 brach der heute 64-Jährige mit Aktivisten in das Schnüffelarchiv des Zürcher Subversivenjägers Ernst Cincera ein und berichtete darüber in seinem «demokratischen Manifest». Der Journalist war auch Mitautor des Buches «Die unheimlichen Patrioten», das 1979 Schlagzeilen machte. Heute interessiert sich Frischknecht unheimlich stark für statistische Modelle.
Martin Muheim ist der Informatik-Spezialist. Der Urner nimmt Begriffe wie «Hochleistungs-Algorithmus» oder «Datenerfassungs-Modul» so locker in den Mund wie ein Fernsehmoderator das Wort «Direktschaltung». Und dann wäre da noch Christa Mutter, geboren und aufgewachsen im Goms. Die gelernte Primarlehrerin ist Kommunikationsspezialistin, freie Journalistin und Grossrätin der Grünen in der Stadt Fribourg. Das Herz der 51-jährigen Vizepräsidentin der Alpenschutzinitiative schlägt nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Welt der harten Zahlen, Daten, Fakten.
Anders als etwa Longchamps Forschungsinstitut GfS Bern, das sich bei seinen Hochrechnungen für Volksabstimmungen auf Testgemeinden abstützt, sammelt Projections sämtliche verfügbaren Gemeinderesultate in jenen 15 grössten Kantonen, welchen fünf oder mehr Sitze im Nationalrat zustehen. Dann werden die Daten mit denjenigen der eidgenössischen Wahlen 2007 verglichen und hochgerechnet. Dazu braucht man unter anderem Kenntnisse des politischen Profils einer Gemeinde. Weil für die neuen Parteien BDP und Grünliberale keine Vergleichswerte vorliegen, werde die Prognose für diese beiden Gruppierungen diesmal schwierig, sagt Mutter.
Zum Schluss ein Happy End
Alle halbe Stunde geht morgen eine kantonale Hochrechnung raus, zuerst dürften die Ergebnisse aus Basel-Stadt und dem Aargau vorliegen. Um sieben Uhr abends wird die erste nationale Hochrechnung präsentiert. «Ein ambitiöses Ziel», sagt Mutter, «entsprechend stressig ist die Arbeit.» Vor vier Jahren wichen die Prognosen bloss sechs Promille vom Schlussresultat ab. Auch diesmal dürfte es ein Happy End geben. Wie in «High Noon», wo am Ende das Gute über das Böse siegt.
(Basler Zeitung)
Erstellt: 22.10.2011, 23:44 Uhr
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25 Kommentare
Ist doch schön, dass sich die linken Seilschaften gegenseitig die lukrativen Jöblis bei der SRG zuschanzen. Der Co-Autor von Frischknechts Buch «Die unheimlichen Patrioten» war nämlich niemand anderes als Fernsehdirektor Ueli Haldimann. Bei der SRG genügt es offenbar als Qualifikation, sich «unheimlich stark für statistische Modelle» zu interessieren. Antworten

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