Bern

Von einem Stadtoberhaupt ist Führung mit Gefühl gefragt

BernDer BZ-Stapi-Check, Teil 2: Wie führungsstark muss das Stadtoberhaupt von Bern sein? Als Stapi führe man nicht im klassischen Sinn, sagt Führungscoach Hubert Bienz. «Man muss als Leader vorangehen können und gleichzeitig eine Integrationsfigur sein.»

Bild: zvg

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Eine Pilotin oder ein Pilot wäre ein gutes Stadtoberhaupt für Bern. Denn: «Als Führungsperson einer Stadt ist es etwas vom Wichtigsten, dass man die Flughöhe wechseln kann», sagt Führungsfachmann Hubert Bienz*. «Die Flughöhe wechseln» heisst: Eine Stadtpräsidentin oder ein Stadtpräsident führt einerseits strategisch, muss also das grosse Ganze im Auge behalten und weit vorausschauen können.

Andererseits ist die oder der Stapi oft ganz nahe am operativen Geschäft: Als Beispiel nennt Bienz den Winterdienst. «Wenn ein Bürger das Stadtoberhaupt fragt, weshalb auf einer Strasse oder den Velowegen noch Schnee liegt, will er darauf eine befriedigende Antwort.» In diesem Detaillierungsgrad werde eine Führungskraft einer Grossbank nie mit dem operativen Geschäft konfrontiert.

Beide mit Führungserfahrung

Führungserfahrung haben beide Bewerber, die am 15. Januar 2017 zum zweiten Wahlgang um die Nachfolge von Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) antreten. SP-Gemeinderätin Ursula Wyss steht aktuell der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün (TVS) vor. Die TVS hat 750 Mitarbeitende.

Herausforderer Alec von Graffenried (GFL) ist Direktor Immobilienentwicklung Mitte bei der Baufirma Losinger Marazzi. Auch er hat Führungserfahrung im politischen Umfeld: Von 2000 bis 2007 war der Jurist Regierungsstatthalter des Amtsbezirks Bern mit 50 Mitarbeitenden. Dazu hatte er wei­tere Führungsaufgaben wie zum Beispiel als Leiter des regionalen Führungsstabs.

Sowohl von Graffenried als auch Wyss sassen im Nationalrat. Wyss war von 2006 bis 2012 SP-Fraktionschefin – und orchestrierte in dieser Zeit die Abwahl von Bundesrat Christoph Blocher mit.

Politische Führung ist anders

Führung in der Privatwirtschaft und Führung in der Politik sind aus Sicht von Fachmann Hubert Bienz zwei verschiedene Paar Schuhe. Als Politikerin oder Politiker seien Fähigkeiten wichtig, die für eine Führungskraft nicht unbedingt zielführend seien. «In der Politik lernt man auch zu polarisieren und Stimmungen zu erzeugen, um etwas zu erreichen.» Ein Stadtpräsident sei nicht nur Führungsperson, er bleibe auch Politiker.

Gewisse Fähigkeiten kann man sich aus Sicht des Führungsprofis im Amt noch aneignen. Aber die Grundausstattung müsse man mitbringen: «Man muss als Leader vorangehen können, bei Widerständen stark bleiben und gleichzeitig eine Integrationsfigur sein.» Alles in allem, so sagt der Coach, sei so ein Amt «eine ausserordentlich anspruchsvolle Aufgabe».

Ein gutes Gespür ist wichtig

Als Stapi führe man nicht im klassischen Sinne, sagt Bienz, der als Coach auch schon Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten begleitet hat. «In einer Gemeinde ist keine klassische und auch keine rein hierarchische Führung gefragt.»

Die oder der Stapi muss aus seiner Sicht vor allem eines mitbringen: ein gutes Gespür für Situationen und Menschen. «Führungserfahrung ist aus meiner Sicht zweitrangig, es geht hier um Führungskompetenz im aktuellen Kontext», sagt Bienz. Erfahrung könne auch bedeuten, dass jemand etwas über mehrere Jahre gemacht habe. «Dass er es gut gemacht hat, ist damit noch nicht gesagt.»

Der «Raumfüllungsgrad»

Was macht aus Sicht von Bienz eine gute Stapi, einen guten Stapi aus? «Entscheidend ist das, was ich Raumfüllungsgrad nenne», sagt er. Es gebe Menschen, deren Energie sei noch zuhinterst in einem vollen Saal spürbar. «Von anderen merkt man schon direkt hinter dem Rednerpult nichts mehr.»

Die beiden aktuellen Kandi­daten kenne er zu wenig und ­wolle er auch nicht beurteilen. «Aber Stadtpräsident Alexander Tschäppät hat diesen Raumfüllungsgrad meisterhaft erreicht.» Als Nachfolger dürfe man nicht der Versuchung erliegen, das kopieren zu wollen. «Es würde nicht funktionieren.»

Reiseleiter Tschäppät

Führungskurse habe er nie besucht, sagt der abtretende Stapi Alexander Tschäppät. «Ich habe versucht, zu spüren, welche Art von Führung in welcher Situation angebracht ist.» Geholfen habe ihm zum Beispiel eine Erfahrung, die er als junger Mann gemacht habe. Tschäppät arbeitete als Reiseleiter. «Da musst du dich jeweils der Gruppe anpassen können und klar kommunizieren», sagt er.

Wenn man am ersten Tag mit fünf Minuten Verspätung zur Tour aufbreche, kämen die Gäste am zweiten Tag zehn Minuten zu spät. Ein autoritärer Chef sei er dennoch nie gewesen, sagt Tschäppät. «Ich habe der Fachkenntnis meiner Mitarbeitenden vertraut und ihnen Freiräume gelassen.» Am heikelsten findet Tschäppät «die Null-Fehler-Kultur», die heute viele Führungskräfte pflegen würden. «Aus Angst vor Fehlern macht dann unter Umständen keiner mehr etwas.»

* Hubert Bienz ist Arbeits- und ­Organisationspsychologe und ­Geschäftsführer der Firma Mehrsicht. Bienz und sein Team beraten in der ganzen Schweiz Unternehmen und coachen Führungskräfte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.12.2016, 11:57 Uhr

Stapi-Check

Ursula Wyss oder Alec von Graffenried – wer eignet sich besser als Stadtoberhaupt? Wir massen uns nicht an, darauf eine Antwort geben zu können. Doch wir wollen in einem sechsteiligen Stapi-Check die beiden Kandidaten auf die wichtigsten Kriterien zur Befähigung fürs Stadtpräsidium durchleuchten. Heute Teil 2: Führungsstärke (Bisher erschienen: Politisches Profil)

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