Bern

Ständige Erreichbarkeit als Stressfaktor

BernDer BZ-Stapi-Check, Teil 4: Wie belastbar sind Ursula Wyss und Alec von Graffenried? Er hatte wegen der Doppelbelastung von Job und Politik bereits schlaflose Nächte. Sie geht verletzt aus dem ersten Wahlgang.

Ursula Wyss (l.) hat bereits heute Phasen, in denen sie fast jeden Abend weg ist.Alec von Graffenried möchte auch als Stadtpräsident an etwa zwei Abenden pro Woche zu Hause sein.

Ursula Wyss (l.) hat bereits heute Phasen, in denen sie fast jeden Abend weg ist.Alec von Graffenried möchte auch als Stadtpräsident an etwa zwei Abenden pro Woche zu Hause sein. Bild: Stefan Anderegg

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Die Woche beginnt streng mit gleich zwei Apéros. Geschäftig geht es weiter: Am Dienstag zwei Parteianlässe, am Mittwoch ein Treffen und am Donnerstag Stadtrat. Am Freitag ist die Eröffnung des Stadtfestes, unzählige Interviews das ganze Wochenende über. Und am Sonntag geht es zum Ausklang noch in den Zirkus.

So sah eine Woche des Stadtpräsidenten im August aus. Oder genauer gesagt, so sahen allein die Anlässe aus, die für Alexander Tschäppät (SP) am Abend noch anstanden. Der Stapi mag nicht die grösste Direktion haben – in der Bau- und der Sozialdirektion arbeiten mehr Mitarbeiter und stehen mehr Geschäfte an –, dafür muss er zwecks Repräsentation an jede Hundsverlochete.

Und von denen gibt es einige. Tschäppät sagte einmal, 95 von 100 Einladungen schlage er aus, nur glaube ihm das keiner.

Gewisse Stress-Symptome

Viele Abendeinsätze, ein voller Terminkalender, dauernd im Fokus der Öffentlichkeit und jeder macht einen für alles verantwortlich, was in der Stadt nicht funktioniert: Wer Berns Oberhaupt sein will, muss zweifelsohne belastbar sein.

Damit werden die beiden Kandidaten Ursula Wyss (SP) und Alec von Graffenried (GFL) klarkommen müssen. Forscht man in ihrem Werdegang nach, welches Mass an Belastbarkeit ihnen bisher abverlangt wurde, stösst man als Erstes auf ein Gerücht: Von Graffenried habe damals, als er 2015 als Nationalrat zurückgetreten ist, eigentlich ein Burn-out gehabt, heisst es.

Er selber hat nie von einem Burn-out gesprochen, erwähnte aber gewisse Stresssymptome, die vorhanden gewesen seien. Kaum verwunderlich: Von Graffenried politisierte im Nationalrat, arbeitete als Direktor beim Bauunternehmen Losinger Marazzi und betreute sechs Mandate, von denen er drei präsidierte. Und last, but not least ist er Vater von vier Kindern.

Nicht Druck, aber die fehlende Verfügbarkeit habe zum Rücktritt geführt, sagt er heute. Diese Doppel- oder gar Dreifachbelastung mündete in schlaflosen Nächten, in denen er – statt sich zu erholen –, die Zeit damit verbrachte, Mails zu beantworten. Zu Hause habe er den eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen können, zudem hätten sich Fehler eingeschlichen. Im Leben, so sein Fazit nach dem Rücktritt, gehe es um Freundschaften und Familie, nicht um Eitelkeiten und Wahlen.

«Als Stadtpräsident gibt es die Doppelbelastung von Beruf und Politik, wie ich sie erlebt habe, nicht.»Alec von Graffenried (GFL)

Aktuell geht es in Bern aber wieder um Wahlen. Und von Graffenried ist mittendrin. Seiner Ansicht nach seien die Situation damals und jene als Stapi aber zwei verschiedene Fälle. Als Stadtpräsident gebe es diese Doppelbelastung von Beruf und Politik, wie er sie erlebte, nicht. Dafür gelte es Spannungen auszuhalten oder Entscheide zu vertreten, die gewissen Gruppen nicht genehm seien.

Mit solchen Situationen könne er umgehen, sagt der Mann, der von 2000 bis 2007 Regierungsstatthalter war und als solcher den einen oder anderen unpopulären Entscheid beschlossen hat. So etwa schloss er alle Hanfläden Berns oder schmetterte den Bau des Baldachins ab.

Das Agieren im Scheinwerferlicht und unter ständiger Beobachtung zu sein, sei sicher eine zusätzliche Belastung, sagt von Graffenried. Für den Stadtpräsidenten gelte eine 24-stündige Erreichbarkeit an 365 Tagen. «Das ist ein Stressfaktor, der nicht zu unterschätzen ist», sagt er. Aber er habe keinerlei Bedenken, der Belastung nicht gewachsen zu sein.

Ursula Wyss war verletzt

Seine Konkurrentin, Ursula Wyss, sieht die Sache naturgemäss gleich. Sie wisse von sich, dass sie genügend Energie und inneres Feuer habe, auch inten­sive Phasen gut zu ertragen. In Wyss’ Karriere ist keine vergleichbare Zäsur wie bei von Graffenried ersichtlich, obwohl es an intensiven Phasen nicht gemangelt haben dürfte: Etwa, als sie vor 18 Jahren als alleinerziehende Mutter eines einjährigen Buben in den Nationalrat gewählt wurde.

Oder als sie dort als SP-Fraktionspräsidentin die Fäden für die Abwahl Christoph Blochers zog und damit ins nationale Rampenlicht gelangte. Auch als Gemeinderätin, der zweite Sohn war vor vier Jahren zu Beginn der Legislatur anderthalbjährig, sind bei ihr keine sicht­baren Abnützungserscheinungen erkennbar.

«Die emotionale Belastung ist natürlich intensiv, aber  ich bin es gewohnt, viel unterwegs zu sein.»Ursula Wyss (SP)

Bis jetzt jedenfalls. Nach dem ersten Wahlgang zeigte sich Wyss ungewohnt emotional, wirkte angeschlagen. Sie sei ein Mensch, keine Maschine. Die Darstellung in den Medien, sie sei ehrgeizig, unnahbar und machtgierig, habe sie verletzt. Die Härte, der sie ausgesetzt gewesen sei, sei ein Problem. Für den zweiten Wahlgang wolle sie sich einen Schutzschild aufbauen.

Hat Wyss ihre Grenzen der Belastbarkeit erreicht, gar überschritten? Die emotionale Belastung sei natürlich intensiv, antwortet sie darauf vage. Aber sie sei es gewohnt, viel unterwegs zu sein und intensiv zu arbeiten.

Was für die Familie ändert

Von Gemeinderätin auf Stadtpräsidentin umzustellen, dürfte für Wyss keine grundlegende Veränderung darstellen. Die Gesamtverantwortung für die städtischen Geschäfte bedeute bestimmt eine Zusatzbelastung, sagt sie. Zudem würden zusätzliche Repräsentationsfunktionen kommen. Die Anzahl Abendanlässe würde sie flexibel handhaben. Bereits heute gebe es immer wieder Phasen, wo sie fast jeden Abend weg sei, etwa im Dezember, ihre Familie sei sich das jetzt schon gewöhnt.

Alec von Graffenried möchte auch als Stadtpräsident an rund zwei Abenden pro Woche zu Hause sein, und am Wochenende zurückhaltend mit Terminen, wie er sagt. Ausnahmesituationen und Dauerabsenzen würden aber auch dazugehören. Im Familienalltag würde sich eigentlich nicht viel ändern. Bisher habe er viel auswärts gearbeitet, neu sei er fast ausschliesslich in Bern, das sei eher eine Entlastung.

Dem Druck und dem Stress des Amtes wollen beide auf ähnliche Weise entfliehen. Mit viel frischer Luft an und in der Aare.

Stapi-Check live

Wie schlagen sich Ursula Wyss und Alec von Graffenried ohne Netz und doppelten Boden? Die BZ bittet die beiden Kandidierenden zum ­Live-Stapi-Check in den Progr: Am Donnerstag, 5. Januar, stellen sie sich den Fragen von geladenen Vertretern aus Gewerbe, Politik und anderen Interessengruppen.

Ab 19 Uhr, in der Aula des Progr, Speichergasse 4. Ab 18.30 Uhr und nach der Diskussion gibt es Barbetrieb. Der Eintritt ist frei. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.12.2016, 19:28 Uhr

Stapi-Check

Ursula Wyss oder Alec von Graffenried – wer eignet sich besser als Stadtoberhaupt? Wir massen uns nicht an, darauf eine Antwort geben zu können. Doch wir wollen in einem sechsteiligen Stapi-Check die beiden Kandidaten auf die wichtigsten Kriterien zur Befähigung fürs Stadtpräsidium durchleuchten.

Teil 4: Belastbarkeit (bisher erschienen: Politisches Profil, Führungsstärke, Auftreten)

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