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«Wir müssen das System schützen»

Von Micha Jegge. Aktualisiert am 14.04.2011 1 Kommentar

Einen Monat nach dem Ende des primär im Alpinbereich turbulent verlaufenen WM-Winters spricht der Swiss-Ski-Präsident über Kommunikationsprobleme und die Rolle von Lara Gut.

Urs Lehmann: «Der Schweizer Sport lebt von Ausnahmekönnern, die in ihrem Windschatten andere mitziehen.»

Urs Lehmann: «Der Schweizer Sport lebt von Ausnahmekönnern, die in ihrem Windschatten andere mitziehen.»
Bild: Andreas Blatter

Zur Person

Urs Lehmann wurde 1993 in Morioka (Jap) Weltmeister in der Abfahrt. Im Weltcup steht der 42-jährige Aargauer mit einem vierten Rang in Val Gardena als Bestergebnis zu Buche. Nach dem Karriereende studierte er Betriebswirtschaft, 2009 erlangte er den Doktortitel. Seit 2006 gehört er dem Präsidium von Swiss-Ski an, seit 2008 amtet er als Präsident. Beruflich fungiert er als CEO des Arzneimittelherstellers Similasan. Im letzten Winter geriet er im Zusammenhang mit dem Abgang von Martin Rufener und dem Zwist mit dem Team Gut in die Schlagzeilen. Lehmann ist mit der ehemaligen Skiakrobatin Conny Kissling verheiratet, hat eine 7-jährige Tochter und lebt in Oberwil-Lieli.

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Swiss-Ski hat eine grandiose Olympiasaison erlebt. Wie beurteilen Sie den Auftritt im WM-Winter 2010/2011?
Urs Lehmann: Wir bewegten uns wieder auf dem Level der Saison 2008/09, die vor zwei Jahren als hervorragend bezeichnet worden war; unsere Athleten erbrachten in vielen Bereichen Topleistungen. Dario Cologna triumphierte im Gesamtweltcup, Biathlet Benjamin Weger lief auf das Podest, Didier Cuche gewann gleich zwei Kristallkugeln. Im Weltcup lief es gut. An den Weltmeisterschaften hingegen erreichten wir nicht, was wir erwartet hatten.

Bei den Alpinen hatte die Vorgabe sechs Medaillen umfasst, eine ist es geworden. War die Vorgabe angesichts der Tatsache, dass Carlo Jankas Probleme intern bekannt waren, womöglich ein bisschen zu hoch gewesen?
Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ziel war, bei den Männern drei, bei den Frauen zwei und mit dem Team eine Medaille zu gewinnen. Selbstkritisch muss man sagen, dass jene im Teamevent nicht realistisch, die Distanz zum Podest zu gross war. Alles andere würde ich auch heute stehen lassen. Janka belegte vor der WM innert zweier Tage die Ränge 3 und 4. Insofern sprach nichts dagegen, dass er an der WM, wo die Pausen zwischen den Rennen länger sind, eine oder sogar zwei Medaillen gewinnt.

Jankas Herzfrequenzstörungen waren im Dezember registriert worden. Publik gemacht wurden sie jedoch erst während der WM, als Anhängsel an die Meldung, Janka lasse die Abfahrt aus und reise vorübergehend nach Hause. Damit wurden mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Weshalb spielte Swiss-Ski nicht mit offenen Karten?
Ich stimme Ihnen zu, die Kommunikation war unglücklich und nicht in unserem Sinn. Das Problem ist, dass sich die Kommunikation in einer Unternehmung oder in einem Verband nicht mehr steuern lässt, sobald es Indiskretionen gibt. Im Fall Janka erfuhren wir die Veröffentlichung aus einer Zeitung.

Demzufolge wäre die Diagnose am besten gleich im Dezember publiziert worden.
Jene, die sie kannten, also Janka und sein Umfeld, wollten im Dezember nicht an die Öffentlichkeit gehen. Das ist legitim. Die Medien haben einen riesigen Wandel hinter sich, sind aggressiver geworden, auch wegen der Onlineplattformen. Sie gehen über gewisse Grenzen hinweg; die Distanz zwischen Journalist und Athlet respektive Journalist und Trainer wird immer geringer. In diesem Kontext wird die Verlockung für einzelne Individuen, näher beim Journalisten als beim Arbeitgeber zu stehen, immer grösser.

Im Fall Rufener wäre es kaum zu einem derartigen Eklat gekommen, wenn man die Fakten sofort kommuniziert hätte.
Wir erfuhren erst Anfang Dezember, dass sich Martin gegen den Verbleib entschieden hatte.

Veröffentlicht wurde dessen Abgang aber erst Ende Dezember.
Den Eklat hätte es auch gegeben, wenn wir früher kommuniziert hätten. Zudem war uns die Nachfolgeregelung ein grosses Anliegen. Nur wenn gleichzeitig ein Nachfolger präsentiert werden kann, lassen sich die Reaktionen abfedern – vor allem intern. Unser Primärziel war, die Athleten nicht zu verunsichern, weil sich das umgehend auf deren Leistungen ausgewirkt hätte.

Ein Nachfolger konnte aber auch Ende Dezember nicht präsentiert werden.
Wir hätten den Wechsel auch nicht Ende Dezember kommuniziert, wenn alle Beteiligten dichtgehalten hätten.

Als Aussenstehender bekundete man im Zusammenhang mit der von Lara Gut missachteten Bekleidungsregelung ebenfalls den Eindruck, dass der Eklat zu verhindern gewesen wäre.
Das mag sein, wenn man nicht die ganze Geschichte kennt. Wir sind unseren Sponsoren verpflichtet, müssen schauen, dass die Abmachungen, die wir mit ihnen getroffen haben, auch befolgt werden. Drehen wir den Spiess mal um: Würden wir auf Individualvermarktung setzen, erreichten vielleicht 20 unserer 250 Athleten eine befriedigende Sponsoringsituation. Auch die Jungen würden kaum Ausrüster finden, unser Nachwuchssystem würde in seiner heutigen Konstellation in sich zusammenfallen. Der Verband hat die wichtige Aufgabe, den Nachwuchs zu fördern – wir müssen das System schützen.

Die mediale Kritik prasselte in erster Linie auf Sie nieder, weil Sie von vielen Aussenstehenden nicht nur als Präsident, sondern auch als CEO wahrgenommen werden. Stand es für Sie nach der Trennung von Denis Vaucher nie zur Diskussion, das Amt des CEO zu übernehmen?
Ein Verwaltungsrat, das ist das Präsidium eigentlich, ist immer dann stark, wenn er eine gewisse Unabhängigkeit hat. Man kann relativ unabhängig seine Meinung äussern – immer im Sinn der Sache. Als CEO ist das viel schwieriger. Ich glaube, dass wir an Dynamik verlieren würden, wenn ich in den operativen Bereich wechseln würde.

Würden Sie in den Fällen Rufener und Gut etwas anders machen, wenn sich das Rad der Zeit zurückdrehen liesse?
Im Fall Gut war der Entscheid von Mauro Pini (Frauencheftrainer, die Red.) und Dierk Beisel (Leistungssportchef) grundsätzlich richtig. Im Fall Rufener hat Martin entschieden, nicht der Verband. Über die Kommunikation kann man immer diskutieren, das haben wir ja bereits angesprochen. Der Verband und insbesondere das Präsidium haben den Auftrag, die richtigen Entscheide zu treffen, auch wenn diese zuweilen unpopulär sind.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Swiss-Ski und dem Team Gut seit dem Eklat im Dezember entwickelt?
Das Verhältnis ist gut. Man sollte sich stets Laras Lage vor Augen halten. Es handelt sich um ein 19-jähriges, hochtalentiertes Mädchen in einer komplexen Situation. Zudem sind die Eltern, vor allem Vater Pauli, Angestellte ihres Teams. Infolge dieser Konstellation geschehen Dinge, von denen Lara im Nachhinein teilweise selber weiss, dass diese andersrum besser gewesen wären. In ihrem Alter hätte ich diese Situation kaum so gut gemeistert, wie sie das tut. Aber das ändert nichts am Umstand, dass die Abmachungen eingehalten werden müssen. Bei aller Wertschätzung – Kompromisse liegen nicht drin.

Das Team Gut will mit Swiss-Ski hinsichtlich der Bekleidungsregelung das Gespräch suchen. Gibt es überhaupt Spielraum?
Wir haben bereits Spielraum geschaffen, zum Teil gegen den Willen der Ausrüster. Wir haben ausgelotet, was möglich ist, und erwarten deshalb, dass sich die Athleten an die Vorgaben halten.

Wie wichtig ist Lara Gut für den Schweizer Skisport?
Lara hat einen sehr hohen Stellenwert. Erstens ist sie eine hervorragende Skifahrerin, eine von ganz wenigen Frauen, welche die Fähigkeit haben, wie ein Mann zu fahren; sie kommt auch mit den schwierigsten Passagen klar. Zweitens hat sie einen Willen und einen Ehrgeiz, die jedem Team guttun. Drittens hat sie Ausstrahlung, kommt medial gut rüber und bei den Zuschauern an.

Lara Gut hat im vergangenen Winter als einzige Schweizerin ein Weltcuprennen gewonnen. Wie beurteilen Sie den Gesamtauftritt der Frauen?
Durchzogen; es gibt etliche Athletinnen, die ihr Potenzial nicht ausgeschöpft haben. Hingegen haben die Frauen keinen einfachen Winter hinter sich. Nadia Styger fehlte nicht nur auf der Piste, sondern auch als Leaderin; Lara Gut kam von einer schweren Verletzung zurück. Hinzu kommt der Wechsel auf dem Cheftrainerposten. Ich würde es als Jahr des Wandels bezeichnen.

Inwiefern?
Mauro Pini hat eine neue Philosophie ins Team gebracht. Er verlangt von den Athletinnen, für den Erfolg alles zu tun. Leider haben das noch nicht alle verstanden.

Von den Jüngsten abgesehen trat in den letzten Monaten das gesamte Slalomteam zurück.
Man sollte die Abgänge differenziert betrachten. Aita Camastral und Jessica Pünchera hatten gar nicht mehr zum Kader gehört, jedoch noch einmal eine Chance erhalten. Pünchera vermochte diese zu nutzen, fuhr zweimal in die Punkteränge. Sandra Gini verabschiedete sich mit Stil, bei Rabea Grand und Aline Bonjour kam es zur Eskalation. Mir wäre es auch lieber gewesen, wenn diese Fahrerinnen einen Schritt vorwärtsgemacht hätten.

Was läuft denn unter Pini anders als unter seinem vor Jahresfrist nicht mehr erwünschten Vorgänger Hugues Ansermoz?
Jeder Trainer hat einen eigenen Führungsstil. Hugues ist eher der väterliche Typ, der die schützende Hand über seine Athletinnen legt. Mauro zieht, verlangt, setzt mehr auf Distanz und Eigenverantwortung; das gilt auch für seinen Trainerstab. Unter Hugues standen sich gewisse Trainer und Fahrerinnen womöglich einen Tick zu nahe.

Die Ergebnisse sind unter Pini aber nicht besser geworden.
Mauro hatte in seinen früheren Ämtern stets relativ schnell Erfolg. Im letzten Winter haben wir gute Ansätze gesehen. Der Beweis, dass sein System funktioniert, steht freilich noch aus.

Sieht man von der Präsenz Lara Guts ab, befindet sich Pini in einer ähnlichen Lage wie Martin Rufener bei seinem Amtsantritt vor sieben Jahren: Er verfügt über ein halbes Dutzend Routiniers, mit denen er jene Zeit überbrücken muss, welche die 17- bis 20-Jährigen benötigen, ehe sie sich entfalten werden...
...nicht ganz, es gibt auch noch Dominique Gisin, die noch nicht so viele verletzungsfreie Winter hinter sich hat, in technischer Hinsicht aber grosse Fortschritte gemacht hat. Was die Jungen betrifft, habe ich ein gutes Gefühl. Eine Schweizerin gewann an der Junioren-WM eine Abfahrtsmedaille, die andern klassierten sich mit geringen Rückständen auf den Rängen 5 bis 8 und ärgerten sich gewaltig. Die Einstellung dieser Fahrerinnen ist hervorragend.

Hervorragend waren auch die Darbietungen von Simon Ammann, der populärsten Figur von Swiss-Ski. Nun zieht der viermalige Olympiasieger den Rücktritt in Betracht. Haben Sie mit ihm über dieses Thema gesprochen?
Ja, vor drei oder vier Wochen. Er geht nun in die Ferien und wird seinen Entscheid Ende April bekannt geben. Ich hoffe natürlich, dass er uns bis zu den Spielen in Sotschi erhalten bleibt.

Was käme nach Ammann, sollte er zurücktreten?
Hinter ihm klafft eine grosse Lücke, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Im Nachwuchsbereich wurde viel unternommen, auch auf regionaler Ebene. Diverse Athleten zeigen gute Ansätze. Noch ist es aber keinem gelungen, den letzten Schritt zu machen.

Im Langlauf ist es geglückt, eine kompetitive Mannschaft aufzubauen. Was ist im Langlauf anders als im Skispringen?
Der Schweizer Sport lebt von Ausnahmekönnern, die in ihrem Windschatten andere mitziehen. Dario Cologna ist ein solcher Leithammel, einer unter mehr oder weniger Gleichaltrigen. Im Biathlon haben wir eine ähnliche Situation mit Benjamin Weger als Leaderfigur. Ammann ist zehn Jahre älter als die andern Springer; die Situation lässt sich deshalb nicht vergleichen.

Langlauf ist in den letzten Jahren markant populärer geworden. Gibt es einen Cologna-Effekt?
Ja, das spürt man in Gesprächen mit Klubvertretern, registriert es anhand des grossen Interesses für unser Jugendlager, hört es aus der Industrie. Bei Fischer sollen zusätzlich 35 Personen eingestellt worden sein, um der Nachfrage gerecht zu werden. Cologna ist ein Winnertyp, er kommt sympathisch rüber. Es liegt aber nicht nur an ihm, sondern auch an den neuen Wettkampfformaten der FIS. Langlauf ist attraktiver und vor allem telegen geworden.

Die FIS ist bestrebt, die Tour de Ski in die Schweiz zu bringen...
...das sind wir auch, wir stehen voll hinter diesem Projekt. Ziel ist, einen Ausrichter wie das Engadin oder die Lenzerheide zu gewinnen, der in der Lage wäre, den Auftakt durchzuführen. Das wäre das Höchste der Gefühle.

Liesse sich diese Aussage auch drucken, wenn die Schweiz dereinst Olympische Winterspiele zugesprochen erhalten sollte?
Als Sportler und Sportfunktionär bin ich fasziniert, weil ich weiss, dass allein die Lancierung einer Kandidatur Impulse auslösen und dem Schweizer Sport viel bringen würde. Als Staatsbürger bin ich neutral, weil ich die Dimensionen des Projekts noch nicht kenne. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.04.2011, 23:04 Uhr

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1 Kommentar

John Hednsteve

15.04.2011, 03:01 Uhr
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Der Lehmann ist schon ok! :-) Antworten



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Roland Garros
27.05EndeCipolla - Wawrinka3:6 3:6 6:4 6:3 2:6
Stand: 27.05.2012 16:09
GP Monaco 2012 - Rennen
1:46:06.5571 Mark Webber
+0.6002 Nico Rosberg
+0.9003 Fernando Alonso
Stand: 28.05.2012 04:26
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Playoff
17:00Aarau - Sion
Stand: 25.05.2012 09:25
Roland Garros WTA
28.0516:15Radwanska - Jovanovski
Roland Garros
28.0512:15Federer - Kamke
28.0513:30Djokovic - Starace
Stand: 25.05.2012 15:24
Keine Daten vorhanden
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Freundschaftsspiel
20:45Italien - Luxemburg
Stand: 13.04.2012 13:49
Roland Garros
29.0511:00Andujar - Wawrinka
29.0511:00Bolelli - Nadal
Stand: 27.05.2012 17:24
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