So kämpft sich der gestürzte Bobfahrer ins Leben zurück
Von Stefan Aerni. Aktualisiert am 19.03.2010
Olympia-Nachwehen: Therapeutin Maria Wyttenbach behandelt Jürg Egger, der sich beim Sturz an Kopf und Halswirbelsäule verletzte. (Thomas Peter)
Jürg Egger liegt auf dem Schragen. 178 Zentimeter und 100 Kilo Muskeln, die jeden Moment explodieren könnten, so scheint es. Wie beim Anschieben eines Bobs – volle Kraft voraus und dann flink hineingesprungen in den Eisboliden.
Doch der Schein trügt. Therapeutin Maria Wyttenbach fasst sanft den Kopf des darniederliegenden Athleten, ertastet die Schädelnähte. Was sie mit dem Spitzensportler macht, ist eine Craniosacral-Therapie, wie sie auch bei Schleudertrauma-Patienten angewendet wird. «Eigentlich bin ich krank geschrieben», sagt Jürg Egger, der neben dieser Spezialtherapie noch in die übliche Physiotherapie geht.
Leichte Arbeit geht wieder
Aber nur Therapien und sonst herumhocken, das ist nicht sein Ding. Deshalb hat Egger, der Töffmechaniker, wieder angefangen zu arbeiten. «Aber nur leichte Sachen», wie er betont. Noch immer plagen ihn Beschwerden. Vor allem wenn er zu viel Kraft einsetzt oder eine «schlechte Bewegung» macht. Dann spürt er Ausstrahlungen in Arme und Rücken. «An Sport ist noch immer nicht zu denken», sagt der Vollblutsportler. «Doch es hätte ja alles noch viel schlimmer kommen können.»
Tatsächlich: Der Sturz am 19.Februar während der Olympischen Spiele sah fürchterlich aus. Bei über 140 Kilometern pro Stunde kippt der Zweierbob Schweiz III. Anschieber Jürg Egger und Pilot Daniel Schmid schlittern kopfunter die berüchtigte Bahn von Whistler hinab, wo nur Tage zuvor ein Rodler tödlich verunglückt ist.
Während der Pilot unverletzt davonkommt, bleibt Jürg Egger liegen. Mit einer Gehirnerschütterung und, noch Besorgnis erregender, Gefühlsstörungen in den Armen und Beinen wird der Oberaargauer ins Spital von Vancouver eingeliefert. «Ich muss einen Schlag auf den Kopf erwischt haben und dann kurz weg gewesen sein», vermutet Egger. In dieser kurzen Zeit hats ihn – kraft- und willenlos – im Bob «herumgeschlagen». Dabei wird seine Wirbelsäule gequetscht.
Dank Schutz nicht gelähmt
Doch Egger hat Glück im Unglück: Nach drei Tagen kommt das Gefühl in Armen und Beinen zurück. Seine Erklärung: Weil er früher schon einmal in Whistler gestürzt sei, habe er ausnahmsweise einen Rückenschutz getragen. «Ohne den sässe ich heute im Rollstuhl.»
Obwohl sich seine Eltern und Freundin Andrea riesig freuten, als er einigermassen wohlbehalten heimkehrte, hätte sich Jürg Egger einen anderen Empfang gewünscht. «Sportlich waren diese Olympischen Spiele natürlich alles andere als ein Erfolg.» Immerhin war er, der Junioren-Weltmeister im Zweier- und Vize-Europameister im Viererbob, mit einigen Hoffnungen nach Kanada gereist. Trotz des bösen Sturzes gab es für ihn aber auch schöne Erlebnisse, wie etwa die Eröffnungsfeier mit dem Einmarsch der Nationen. «Olympische Spiele sind schon das Grösste, was ein Sportler erleben kann», sagt Jürg Egger, und seine Augen funkeln. Er kann sich denn auch vorstellen, noch vier Jahre zu machen.
Operation als Ultima Ratio
Doch ob er je wieder Spitzensport treiben kann? Jürg Egger weiss es selber nicht. Wenn sich der Bandscheibenschaden nicht therapieren lasse, könne man als letzte Möglichkeit noch operieren, meint er leise. «Am wichtigsten ist mir aber, dass ich wieder schmerzfrei werde für das normale Leben.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 19.03.2010, 14:31 Uhr

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