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Sarah Meier schreibt in Bern ein Eis-Märchen

Von Thomas Wälti. Aktualisiert am 31.01.2011 1 Kommentar

Die Schweizer Eiskunstläuferin Sarah Meier sorgt mit ihrem EM-Titel für das zweite «Wunder von Bern».

Gold! Die neue Eiskunstlauf-Europameisterin Sarah Meier 
und Trainerin Evi Fehr können es kaum fassen.

Gold! Die neue Eiskunstlauf-Europameisterin Sarah Meier und Trainerin Evi Fehr können es kaum fassen.
Bild: Andreas Blatter

Das rührselige «Time to Say Goodbye» von Sarah Brightman und Andrea Bocelli hätte ebenso gut zum letzten Auftritt von Sarah Meier gepasst. Doch die Schweizer Eiskunstläuferin verabschiedet sich mit «You Make It Real for Me» (Du machst es für mich real) von James Morrison. Die 6000 Zuschauer in der Berner Postfinance-Arena verfolgen im Schaulaufen noch einmal gebannt ihre wunderschöne Vorstellung, die allerdings nicht die Sprungschwierigkeiten vom Samstag enthält. Ein Kurzschlaf von lediglich drei Stunden und eine rauschende Skaters-Party bis morgens früh um sechs haben bei Sarah Meier Spuren hinterlassen.

«Ich glaube, ich sterbe», sagt eine nervöse Sarah Meier am Samstag kurz vor ihrem Auftritt zu Stéphane Lambiel. Ihr Schützling habe erst geglaubt, nicht laufen zu können und über schwere Beine und müde Glieder geklagt, wird Evi Fehr, Trainerin und Tante von Meier, später verraten. Von den zahlreichen Stürzen ihrer Konkurrentinnen und von der vielversprechenden Ausgangslage bekommt Meier nichts mit. Sie ist zu fest auf sich selber konzentriert. «Sarah, sei mutig – mache etwas aus diesen vier Minuten. Es ist deine letzte Gelegenheit dazu. Geniesse es, du wirst vom Publikum getragen!» Mit dieser Aufforderung schickt Fehr ihre Nichte in die Postfinance-Arena.

Sarah Meier betritt als Letzte das Eis. Im «kleinen Schwarzen» bestreitet die zweimalige EM-Zweite zur Filmmusik von Márquez «Liebe in den Zeiten der Cholera» ihren ersten und letzten Saisonwettkampf. Es folgen vier magische Minuten des Eiskunstlaufs, die noch lange in Erinnerung bleiben werden. Die 26 Jahre alte Lokalmatadorin zeigt eine perfekte Darbietung und strahlt bei ihren Elementen eine unglaubliche Sicherheit aus. Von Sprung zu Sprung spürt das verzauberte Publikum, dass es Zeuge eines seltenen Moments wird. Als Meier ihr Programm mit der letzten Pose beendet, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Die gelungene Vorstellung erwärmt auch das Herz der Preisrichter, die bezeichnenderweise dort sitzen, wo sich beim Eishockey die Strafbank, auch Kühlbox genannt, befindet. Die Jury macht der Schweizerin das schönste Abschiedsgeschenk, setzt sie auf Rang 1 (Siegercheck 20'000 Franken) und damit vor die Italienerin Carolina Kostner, die sich mit der Erfahrung von drei Titeln nach einem verpatzten Kurzprogramm zurückkämpft. Keine Chance hat die nach dem ersten Wettkampfteil in Führung liegende Finnin Kiira Korpi, die im violetten Glitzerkleid die meisten Elemente verhaut und auf Platz drei zurückfällt.

Als «Wunder von Bern» bezeichnet Fehr den Auftritt ihrer Läuferin. Sie spielt auf den WM-Titel der deutschen Fussballer 1954 im Wankdorfstadion an. «Ich glaube, ich bin im Himmel», sagt Meier als Erstes zu Fehr, als sie das Eis verlässt. Übermannt von seinen Gefühlen ist auch der Berner Peter Grütter (68), Trainer des zweifachen Weltmeisters Stéphane Lambiel: «Bei seinen WM-Titeln hatte ich auch Tränen in den Augen, aber so geheult wie heute habe ich noch nie. Es ist wie in einem kitschigen Hollywoodfilm mit Happy End. Kein Drehbuch hätte diese Geschichte besser schreiben können.» Der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät spricht gar von einem «dritten Wunder von Bern»: «Nach 1954 und der Euro 2008 mit den sympathischen holländischen Fussballfans erlebt unsere Stadt dank Sarah Meier wieder eine Sternstunde. Eine Woche lang sprechen die Menschen nur von der Kälte – und auf einmal ist alles vergessen.»

Als Sarah Meier bei der Medaillenübergabe die Nationalhymne hört, muss sie schmunzeln. Beim Flaggenaufzug sagt sie zu Carolina Kostner: «Schau, ist das eine kleine Schweizer Fahne!» Darauf Kostner: klein, aber oho!» Ausgelassen geht es auch beim Schaulaufen am Sonntag zu. So «flitzt» der Franzose Fabian Bourzat, an der Seite von Nathalie Péchalat Europameister im Eistanz, mit nacktem Oberkörper als Tarzan übers Eis. Der 20 Jahre alte Europameister Florent Amodio bringt das Publikum auch am Tag nach seiner Michael-Jackson-Imitation in Stimmung. Die Zuschauer fordern vom gebürtigen Brasilianer, der als Adoptivkind in Frankreich aufgewachsen ist, ebenso eine Zugabe wie von Sarah Meier. Auch am Tag nach ihrer Vorführung kann die Bülacherin, die nach Hans Gerschwiler (1947) und Denise Biellmann (1981) erst die dritte Europameisterin aus der Schweiz ist, das Geschehene nicht richtig einordnen: «Wenn von der neuen Europameisterin gesprochen wird, zucke ich jedes Mal zusammen und denke: ‹Ah, das bin ja ich!›»

Das grosse Finale mit den vier Erstklassierten jeder Kategorie und eingeladenen Showläufern wie Denise Biellmann und Jamal Othman schliesst an diesem Sonntag das letzte Kapitel des Berner Eis-Märchens. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.01.2011, 07:59 Uhr

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1 Kommentar

Esther Berger

31.01.2011, 11:12 Uhr
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Es war einmal ... und wird es bleiben ... ein schönes wahres Märchen ... Antworten



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