Michael Brügger: «Schulterklopfer gibt es viele»

Von Philipp Rindlisbacher. Aktualisiert am 12.03.2010

Der in Plasselb wohnhafte Michael Brügger (27) gehört in den alpinen Skirennen an den Paralympics in Vancouver zu den Favoriten. Er spricht über sein Schicksal, das Interesse der Öffentlichkeit und den Vergleich mit Carlo Janka.

Michael Brügger greift in Vancouver nach einer Medaille.

Michael Brügger greift in Vancouver nach einer Medaille. (Bild: Keystone)

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Acht Berner in Vancouver

Das Ziel der 15-köpfigen Schweizer Delegation in Vancouver sind zwei Medaillen. Den Alpinen, angeführt vom Schwyzer Thomas Pfyl, der vor vier Jahren in Turin Silber und Bronze gewann, werden neben dem Curling-Team Chancen auf Edelmetall eingeräumt. Die Schweizer sind in vier Sportarten vertreten, acht Berner und zwei Sportler aus dem Sensebezirk schafften die Selektion:

Ski alpin: Sitzend: Anita Fuhrer (Horrenbach-Buchen), Christoph Kunz (Reichenbach). Stehend: Karin Fasel (Brünisried), Micha Josi (Adelboden), Michael Brügger (Plasselb). Sehbehindert: Nadja Baumgartner (Zollikofen), Chiarina Sawyer-Hirschi (Bern/Betreuerin).

Curling: Martin Bieri (Bern), Manfred Bolliger (Zollikofen), Anton Kehrli (Tägertschi), Daniel Meyer (Zollikofen).

An den Olympischen Spielen gewannen Didier Défago und Carlo Janka Gold. Haben Sie diese Erfolge zusätzlich angestachelt?
Michael Brügger: Ich habe die Skirennen mit viel Begeisterung verfolgt, dabei überkam mich ein spezielles Gefühl. Auch ich will über mich hinauswachsen. Kehre ich ohne Medaille zurück, wäre ich sehr enttäuscht. Tipps von Cuche und Co. habe ich jedoch keine erhalten, unsere Wege kreuzen sich nur selten.

Sie bestreiten alle Disziplinen. In welcher rechnen Sie sich die grössten Medaillenchancen aus?
Im Weltcup bin ich in jeder Sparte auf dem Podest gestanden, die grössten Ambitionen hege ich in der Abfahrt. Olympia hat aber gezeigt, dass Medaillen nicht planbar sind. Benjamin Raich hätte auch einiges gewinnen können, ihm blieben jedoch nur vierte und fünfte Plätze. Dies kann auch mir passieren.

1998 gewannen Sie als 15-Jähriger Riesenslalom-Silber, zwei Jahre später wurden Sie Weltmeister. Wie hat sich der Behindertensport seither entwickelt?
Zu dieser Zeit war das Niveau tiefer. Anders als heute gab es diverse Klassen, die Teilnehmerfelder waren klein. Nun starten alle stehenden Athleten in derselben Kategorie, dem Grad der Behinderung entsprechend erhält man Zeitgutschriften. 1998 fuhr man mit drei Sekunden Rückstand noch aufs Podest – heute resultiert Platz 30. Die Szene ist aber noch immer familiär, das Duell Schweiz - Österreich wird bei uns nicht so erbittert geführt (lacht).

Können Sie vom Sport leben?
Nein, nicht ansatzweise. Preisgelder sind keine zu gewinnen. Ich bin ein Idealist, werde von meinem Fanklub und privaten Sponsoren unterstützt. Übrig bleibt jedoch nichts, für grössere Geldgeber ist das Ganze wohl noch immer zu wenig attraktiv.

Sie denken an das Interesse der Öffentlichkeit.
Das mediale Interesse ist in der Schweiz nach wie vor gering. Schulterklopfer gibt es viele, aber was bringt uns das? Auch wir betreiben Leistungssport, reisen im Sommer nach Neuseeland ins Trainingslager. Manchmal ist es schon frustrierend, ich habe mir oft die Sinnfrage gestellt. Ich muss auch an die Zukunft denken, auch ich will schliesslich einmal Familie. Lange kann ich diesen finanziellen Aufwand nicht mehr betreiben.

Messen Sie sich gelegentlich mit nicht behinderten Alpinen?
Solche Vergleiche sind schwierig, ich will auch nicht mutmassen, wie gut ich ohne Prothese geworden wäre. Gegenüber Schweizer Nachwuchs-Fahrer habe ich vor einem Jahr aber nicht schlecht ausgesehen. Natürlich: Auf einen Janka würde ich mehrere Sekunden verlieren.

Als sie sechs Jahre alt waren, musste Ihr Unterschenkel amputiert werden. War es schwierig, Ihr Schicksal zu akzeptieren?
Kurz nach meiner Geburt wurden Dysfunktionen und Wachstumsstörungen im rechten Fuss diagnostiziert; eine Amputation war unumgänglich, wollte ich nicht mein Leben lang mit einer Schiene herum laufen. Psychisch hatte ich nach dem Eingriff keine Probleme, nachdem ich in der Klinik die Prothese anpassen liess, bin ich jauchzend aus dem Zimmer gesprungen. So was habe er noch nie erlebt, sagte mir der Arzt Jahre später. Es geht mir gut, ich führe ein normales Leben. Man kann es sich aber auch schwer machen.

Wie meinen Sie das?
Viele Behinderte jammern und hadern mit ihrer Situation. Dabei kann man sehr viel aus seinem Leben machen. Auch der Rollstuhl ist kein Grund aufzugeben. Was einige Athleten trotz ihres teils schweren Handicaps leisten, ist beeindruckend.

Mit Snowboard-Olympiasieger Gian Simmen organisierten Sie im Rahmen der Laureus-Stiftung einen Skitag für behinderte Kinder. Wollen Sie diese dem Sport näher bringen?
Sport ist wichtig, durch ihn kann unglaublich viel bewirkt werden. Er gibt Lebensqualität zurück. Dies möchte ich den Kindern weitergeben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.03.2010, 11:45 Uhr

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