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«Du musst zynisch sein in diesem Beruf»
«Für Besucher des Dopingkontroll-Labors oder Anlieferungen»: 2000 Tests werden in Vancouver während der Spiele durchgeführt. (Bild: Keystone)
Jäger: Wada-Mann David Howman. (Bild: Keystone)
Olympische Winterspiele Vancouver 2010
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David Howman, die Winterspiele von 2002 wie auch 2006 hatten je einen grossen Dopingskandal. Wird in Vancouver diese Negativspirale weiterdrehen?
Ich will nicht Wahrsager spielen. Aber nach all den Jahren als Dopingkämpfer weiss ich eines: Erwarte immer das Unerwartete. Kann ich antizipieren, dass es zu einem Dopingfall kommen wird? Vermutlich. Kann ich auch sagen, was es exakt sein wird? Nein.
Angenommen, Sie wären ein Sportler und wollten in Vancouver betrügen, wie gingen Sie vor?
Ich würde nicht betrügen. Es käme aus.
Sind Sie sich so sicher?
Ich bin mir zumindest viel sicherer als noch vor den Spielen 2002. Wir haben dazugelernt.
Unsere Frage haben Sie trotzdem noch nicht beantwortet.
Als ehemaliger Anwalt . . .
. . . okay, wir fragen Sie anders: In welchen Praktiken bzw. Mitteln sehen Sie die grösste Gefahr?
Blutdoping, Gendoping, Wachstumshormone, neue Epo-Varianten, Supplemente mit Dopingzusätzen, Designerdrogen. Die Kardinalfrage bei diesen Substanzen ist, ob wir sie entdecken. Bei den meisten würde ich die Frage bejahen.
Im letzten Jahr folgerten deutsche Forscher, dass bis 8 Prozent aller Athleten gedopt sein könnten. Trauen Sie dieser Angabe?
Wir halten den Prozentsatz für viel tiefer, zumal die Datenbasis des Berichts schmal war.
Welche Sportart wird in Vancouver von Antidoping-Kämpfern besonders beobachtet?
Kaum Curling. Bei allen anderen darf man nicht davon ausgehen, dass Doping nichts bringt.
Skifahren ist eine der wichtigsten olympischen Wintersportarten mit grossen Verdienstmöglichkeiten und nahezu perfektem Leumund. Stimmt diese Einschätzung?
Folgende Fragen muss man sich stellen und beantworten: Kennen die Skifahrer ein Antidoping-Programm? Ja. Ist es effektiv? Ich finde Ja. Stimmt die Qualität? Ich sage wieder Ja. Folglich kann man schon annehmen, dass die Zahl an Betrügern dort gering ist. Wachsamkeit ist dennoch angebracht.
Gian Franco Kasper, der Präsident des Internationalen Skiverbandes (Fis), kritisierte den russischen Verband mit Blick auf die vielen positiven Fälle im Langlauf und Biathlon. Was kann die Wada zur Problemlösung beitragen?
Mir liegen keine Erkenntnisse vor, dass man russische Athleten nicht kontrollieren könnte wie vor einem Jahr, als Testern die Einreise verweigert wurde.
Wie konnten Sie damals helfen?
Indem wir mit der Regierung sprachen. Kontrolleure erhalten nun ein Visum, die Proben dürfen auch aus dem Land gebracht werden. Zudem unterstützen wir die russische Antidoping-Behörde. Zu glauben, alle Probleme seien nun gelöst, wäre aber falsch.
Im vergangenen Sommer wurden mehrere russische Leichtathleten erwischt. Diese betrogen alle auf dieselbe Art . . .
. . . weshalb man uns fragte, ob in Russland systematisch gedopt wird, was auch Sie bestimmt wissen möchten. Wir konfrontierten den verantwortlichen Minister mit dem Problem und sagten ihm: Russland kann sich diese Anschuldigungen mit diesem eindrücklichen Sporterbe nicht leisten, handeln Sie! Dies ist auch passiert.
Halten Sie Russland bloss für den Sündenbock? Andere Länder weisen in ihrem Antidoping-Kampf ebenfalls Lücken auf.
So viele sportliche Grossmächte gibt es nicht. Da ist es einfach, auf Russland zu zeigen. Allerdings müssen die Russen auch beweisen, dass sie den Kampf gegen Doping ernsthaft führen, schliesslich werden sie 2014 mit Sotschi die Gastgeber jener Olympischen Winterspiele sein.
Für die Kanadier wird Eishockey der wichtigste Sport in Vancouver sein - ausgerechnet die NHL verweigert sich den Wada-Regeln. Was halten Sie davon?
Die NHL war in den vergangenen 12 Monaten so kooperativ, wie sie es noch nie war. Trotzdem sehen wir natürlich, dass deren Antidoping-Programm verbessert werden kann.
Das ist auch nicht schwierig, da kaum getestet wird. Der ehemalige Präsident der Wada, Dick Pound, nannte das Antidoping-Programm der NHL deshalb einst einen Witz. Teilen Sie seine Einschätzung?
Dick darf sagen, was immer er will - und das tut er mit Vehemenz. Was ich weiss: Wir arbeiten eng mit der NHL zusammen. Sie hat zugestimmt, dass wir eine Liste mit allen Spielern führen, die in Vancouver dabei sein könnten. Diese Spieler standen seit Sommer unter den Regeln des Internationalen Eishockeyverbands (IIHF) für Kontrollen zur Verfügung. Getestet werden diese Spieler von der IIHF, der amerikanischen und kanadischen Antidoping-Behörde. Darum sagten wir der NHL: Warum implementiert ihr ein solches Kontrollsystem nicht in euer Programm, was habt ihr zu verstecken?
Wie lautete die Antwort?
Wir erhalten Sie nach Vancouver.
Die NHL zeigt sich störrisch?
Sobald du mit einer privaten Liga zu tun hast, musst du nicht nur die Spieler und deren Gewerkschaft überzeugen, sondern auch die Besitzer. Beide Parteien beschuldigen sich in einem heiklen Thema wie dem Dopingkampf dann gegenseitig - die andere Seite würde Fortschritte blockieren.
Glauben Sie ernsthaft, die NHL wird ihre hoch bezahlten Athleten dereinst für mehrere Monate sperren?
Was spricht dagegen? Sie nicht so lange bestrafen zu können, nur weil die NHL viel Geld umsetzt, halte ich für kompletten Unsinn.
Ihr Budget beträgt 26 Millionen Dollar pro Jahr; allein die drei bestbezahlten NHL-Spieler erhalten zusammen mehr. Werden Sie von NHL-Vertretern ernst genommen?
Ich bin mir dieser Diskrepanz bewusst. Der ideelle Wert der Wada ist jedoch viel mehr wert als diese 26 Millionen. Das wissen diese Leute. Ich muss darum betonen: Die NHL war in den letzten Monaten wirklich hilfsbereit.
Um wie viel wäre der Dopingkampf bei höherem Etat effektiver?
Ich bin nicht gierig darauf, deutlich mehr Geld zu erhalten. Mit unserem aktuellen Budget sind wir gezwungen, knapp zu kalkulieren, die Bürokratie so gering wie möglich zu halten.
Sie werden vom IOK und den Staaten alimentiert. Warum arbeiten Sie nicht auch mit Privaten zusammen?
Wir versuchen es. Aber mögliche Sponsoren aus der Privatwirtschaft sind uns gegenüber zurückhaltend. Sie wollen nicht in potenzielle Kontroversen involviert werden - wir wollen unabhängig bleiben. Wir müssen zurzeit wohl schlicht akzeptieren, dass wir für die Privatwirtschaft uninteressant sind.
Sie sind auch so von Geldgebern abhängig.
Darum schlug ich eine neue Abgabeart vor: dass uns die TV-Anstalten, die mit dem olympischen Sport einen Vertrag abschliessen, 1 Prozent des Geldes überweisen. Darüber haben wir mit der EBU (Vereinigung der Öffentlich-Rechtlichen Europas) gesprochen. Sie war nicht begeistert. Es kam nicht einmal mehr zu einem zweiten Treffen.
Werden Sie in Vancouver bei jeder herausragenden Leistung denken: Hat der wohl gedopt?
Ja. Lassen Sie mich das erklären: Ich war zu Hause in Neuseeland der Ligabeauftragte im Rugby und musste jedem Foul nachspüren, das die Schiedsrichter übersehen hatten. Noch Jahre danach, wenn ich einem Spiel privat beiwohnte, suchte ich nach Fehlern und konnte keinen einzigen Match geniessen. Jetzt ist die Situation ähnlich. Du musst zynisch sein in diesem Beruf, sonst bist du nicht gut darin.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.02.2010, 15:59 Uhr



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