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Die Ethik-Falle der Top-Alpinisten

Von Interview: Jürg Steiner. Aktualisiert am 04.09.2010

Westliche Alpinisten klettern im Himalaja, während die Länder unter ihnen explodieren. Die Oberländer Bergsteigerin Evelyne Binsack über ethische Abgründe in der Todeszone.

1/6 Existenzielle Abgründe. Bewohner der Stadt Muzaffargarh fliegen vor den biblischen Fluten in höher gelegene Gebiete.
Bild: Keystone

   

Zur Person Evelyne Binsack

Die Berner Oberländer Alpinistin und Abenteurerin Evelyne Binsack (43) ist stark am Berg – aber auch als kritische Beobachterin mit unbequemen Ansichten, vor denen sie sich auch selber nicht verschont. Ihrer – immer gut gelaunten – Hartnäckigkeit kann die versöhnliche Herbstsonne im Garten des Hotels Rosenlaui unter den majestätischen Engelhörnern, wo dieses Gespräch stattfand, gar nichts anhaben. Binsack lebt mit ihrem Partner in Innertkirchen, wo sie sich mit ihrer nächsten Projektidee befasst, einem Fussmarsch von zu Hause in den Himalaja.

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Frau Binsack, in Pakistan kämpfen nach der Flutkatastrophe Millionen Menschen ums Überleben. Gleichzeitig kämpfen westliche Alpinisten in Pakistan um Höhenrekorde an den Achttausendern. Ist das zynisch?
Evelyne Binsack: Diese Frage beschäftigt mich, aber ich habe keine abschliessende Antwort. Was mich besonders irritiert, ist die Unerbittlichkeit, mit der Alpinisten auf der einen Seite um die Frage streiten, ob es ethisch korrekt sei, mit oder ohne Sauerstoff einen 8000er-Gipfel zu besteigen. Und mit welcher Gleichgültigkeit sie auf der anderen Seite einer humanitären Katastrophe in dem Land begegnen, in dem fünf der vierzehn Achttausender stehen.

Sie selber waren diesen Sommer in Pakistan und dort vorübergehend mit der Österreicher Höhenbergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner unterwegs, die danach bei ihrem Versuch, den K2 zu besteigen, miterlebte, wie ihr Kletterpartner abstürzte und starb.
Ich schätze Gerlinde als Alpinistin und Frau sehr. Aber vielleicht lässt sich das Problem an ihrem Beispiel schildern. Bei ihrer Rückfahrt nach dem tragischen Erlebnis und dem gescheiterten Gipfelversuch standen grosse Teile Pakistans unter Wasser. Obschon Gerlinde in Pakistan eine Schule für benachteiligte Kinder unterhält, blieben Worte des Mitgefühls für die Flutopfer praktisch aus. Ihre hauptsächliche Sorge war, möglichst schnell nach Hause zu kommen. Sich so in die alpinistische Leistungswelt zurückzuziehen, finde ich schon sehr eigenartig.

Pakistan ist – abgesehen von der Flutkatastrophe – ein zerrüttetes Land, gebeutelt von Armut, Gewalt, Islamisten. Ist man als top ausgerüstete Alpinistin wie Sie nicht so oder so fehl am Platz?
Schwer zu sagen. Ich hatte diesmal im Land selber kein sehr gutes Gefühl. Pakistan ist im Vergleich zu 1993, als ich erstmals dort war, moderner, aber auch gespaltener geworden. Handys gibt es bis ins hinterste Tal, aber im Unterschied zu früher sah ich auf den Strassen viel weniger Frauen – und unter ihnen auffallend viele Burkaträgerinnen. Ich muss gestehen: Ich fühlte mich nicht sehr wohl. Auf der anderen Seite ist der Karakorum eine wunderbare Bergregion, ich selber arbeitete für meine Tour mit einem lokalen Expeditionsunternehmer zusammen. Höhenbergsteigen und Trekkings könnten eine wirtschaftliche Perspektive für das Land sein – aber dazu muss vor Ort Unternehmertum und Eigeninitiative gefördert werden, und davon habe ich nicht viel gesehen.

Die Südkoreanerin Oh Eun Sun hat vor drei Monaten als erste Frau alle Achttausender bestiegen – teilweise mithilfe von Sauerstoff und unter dubiosen Umständen. Was halten Sie davon?
Ihre Methode ist nicht edel, vielleicht sogar provokativ. Was mich aber beeindruckt, ist ihre Ehrlichkeit. Sie wollte die Erste sein. Punkt. Warum soll sie es nicht mit technischen Hilfsmitteln tun dürfen? Was mich ärgert, ist die wachsende Schärfe, mit der in der Alpinistenszene abgeurteilt wird: Wer Sauerstoff braucht, ist ein Schlechtmensch.

Warum nervt Sie das?
Höhentauglichkeit kann man sich nicht aneignen. Das hat man oder hat man nicht. Deshalb plädiere ich für ein liberales Modell. Jeder soll so auf die Berge steigen, wie er will. Aber er soll seine Methode deklarieren – und zwar ehrlich.

Ehrlich?
Es gibt eine kleine Elite, die zufällig das körperliche Privileg hat, in grosser Höhe noch zu funktionieren. Sie will sich, unter dem Deckmantel der Ethik, ihren Anteil an einem hart umkämpften, aber lukrativen Markt sichern. Wobei es mit edlen Methoden dann oft nicht weit her ist, wenn man genau hinschaut.

Inwiefern?
Meine geschätzte Kollegin Gerlinde Kaltenbrunner etwa ist eine Anhängerin des Höhenalpinismus mit sogenannt fairen Mitteln. Sie klettert ohne Sauerstoffflaschen und ohne von Sherpas vorinstallierte Fixseile. Ich staunte dann, als ich jetzt in Pakistan sah, dass ihre Expedition zum Basislager mit 64 Trägern unterwegs war. Heisst das für Sie «by fair means»?

Eher nicht.
Eben. Klar ist auch, dass jeder ambitionierte Höhenbergsteiger heute Satellitentelefon und Computerausrüstung im Basecamp hat, um ständig mit der Aussenwelt in Verbindung zu bleiben und sich möglichst live der Öffentlichkeit mitzuteilen.

Was haben Sie gegen das Geschäftsmodell der modernen Spitzenalpinisten, von dem auch Sie profitieren: medientauglich sein Leben riskieren, damit man von den Sponsorengeldern der wachsenden Outdoorbranche als Profialpinist leben kann?
Ich habe gar nichts dagegen – wobei ich meine Expeditionen zu einem grossen Teil selber finanziere, um unabhängig zu bleiben. Ich kritisiere nur die oft mangelnde Konsequenz und Transparenz. Sehen Sie: Spitzenalpinisten wie Ueli Steck oder Stephan Siegrist, mit denen mich lange Freundschaften verbinden, sind keine Hasardeure. Sondern Spezialisten, die sich jahrelang aussergewöhnliche physische und mentale Fähigkeiten antrainiert haben. Und deshalb glaube ich nicht, dass Extrembergsteigen in der Öffentlichkeit bloss wegen der Todesgefahr fasziniert.

Wegen was denn sonst?
Weil elementare Fragen aufgeworfen werden. Reinhold Messner, der als erster Mensch alle Achttausender bestieg, war auch einer der ersten Männer, die öffentlich ihre Ängste thematisierten. Da klappte ganz vielen Leuten die Kinnlade runter. Viele Menschen verdrängen Ängste, während Bergsteiger sich aktiv damit auseinandersetzen und gezwungen sind, in ihrem Ausgesetztsein die Verantwortung für das eigene Tun ganz allein zu übernehmen. Ich denke, daraus bezieht das moderne Bergsteigen einen grossen Teil seiner Anziehungskraft.

Sie selber bewegen als Alpinistin die Öffentlichkeit. Sie waren 2001 als erste Schweizerin auf dem Everest – mit Sauerstoff. Gerade jetzt wirbt die UBS mit einem Bild von Ihnen auf der damaligen Tour.
Ja, ich gehöre zu den Schlechtmenschen (lacht). Ich bin dankbar für dieses Erlebnis, es war grandios. Als ich vom Everest zurückkam, stiess ich auf grosses Medieninteresse. Ich beschloss, die Gelegenheit zu nutzen – und schaffte mir damit bis heute nicht nur Freunde.

Im Sommer in Pakistan wollten Sie den 8000er Gasherbrum II besteigen, doch Sie kehrten um.
Ich wurde krank im Basislager, ich erkannte, dass sich mein Körper nach meiner 16-monatigen Fuss- und Fahrradexpedition zum Südpol 2007/2008 gegen eine neue Grenzerfahrung wehrte. Also brach ich ab. Mir wurde auch klar, dass das alpinistische Spektakel und die reine Leistung für mich immer weniger im Zentrum stehen. Ich möchte tiefer bohren. Auf meiner nächsten Expeditionsreise in zwei, drei Jahren Richtung Himalaja will ich mich der Begegnung mit Bergvölkern, ihren Mythen, ihrer Spiritualität widmen.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.09.2010, 10:19 Uhr

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