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Der Bauernsohn ohne Stalldrang

Von Micha Jegge. Aktualisiert am 06.01.2012 1 Kommentar

Der Emmentaler Beat Feuz ist eng mit seinem Geburtsort verbunden, doch vom Talent zum Athleten entwickelte er sich primär dank Support aus Österreich.

1/5 Sein letzter Erfolg: Beat Feuz gewinnt den Super-G im italienischen Val Gardena. (16.12.2011)
Bild: Keystone

   

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Heimvorteil – in erster Linie wegen des Publikums

Theoretisch könnte im Hinblick auf die bevorstehenden Weltcuprennen von Heimvorteil im engeren Sinn die Rede sein. Beat Feuz ist der erste Berner seit Bruno Kernen, welcher sich anlässlich der Klassiker an Chuenisbärgli und Lauberhorn auf der Piste präsentieren darf. Praktisch sieht es freilich etwas anders aus. Auf dem Adelbodner Riesenslalom-Parcours hat der Emmentaler bis anhin weder richtig trainiert noch einen Wettkampf bestritten. Die Abfahrt in Wengen kennt er etwas besser. Ehe ihn die Kräfte im Ziel-S verliessen, hatte sich der 24-Jährige bei der Premiere im Vorjahr auf Top-15-Kurs befunden.

Der Aufsteiger im Schweizer Team freut sich auf «die schönsten Rennen des Jahres», hält jedoch fest, er werde nächste Woche in Wengen «schon mit etwas höheren Ambitionen» antreten als am Samstag in Adelboden. Zuversicht schöpft er vornehmlich aus den Geschehnissen an der letztjährigen Kombinationsabfahrt, als er sich hinter Christof Innerhofer und Carlo Janka auf Platz 3 einzureihen vermochte.

Auf die Frage, was er sich morgen am Chuenisbärgli zutraue, zuckt er mit den Schultern und erwidert, er hoffe, an seine Darbietungen von Beaver Creek anknüpfen zu können. In den Riesenslaloms in den Rocky Mountains hatte Feuz die Ränge 16 und 17 belegt. Ob der Hang seinen Qualitäten entgegenkommt, kann er nicht schlüssig beurteilen. Wichtiger sei, sich von der Euphorie tragen zu lassen – «vor diesem Publikum gibt man als Schweizer sowieso Vollgas».

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Im Hinterkopf ist die Szene bis ins Detail gespeichert. Beat Feuz steuert die Skier Richtung Schanze. Seine Begleiter, allesamt vier, fünf Jahre älter als der Zweitklässler, haben den Flug hinter sich, warten auf den Benjamin in der Gruppe, welcher auf der Piste problemlos mitzuhalten vermag. Dieser produziert eine Bruchlandung – die dritte in Folge. «Ich wollte unbedingt mitziehen, aber mir fehlte die Kraft, um diesen Sprung zu stehen», sagt der 24-jährige Weltcupfahrer schmunzelnd. Feuz sitzt im Schangnauer Gasthaus Rosegg, schaut zum Fenster hinaus. Ihm präsentiert sich ein bekanntes Bild; es ist untrennbar mit seiner Kindheit verbunden.

Auf der linken Seite befindet sich ein Skilift, auf der rechten das Roseggli, der Bauernhof seiner Eltern. Der über der obersten Gemeinde des Emmentals thronende Hohgant ist von dichtem Nebel umhüllt. Klar ist die Sicht auf Feuz’ erste Skier, «Rutscherli», die in der Gaststube in einem Glaskasten hängen. Als er 23 Monate alt war, trugen sie ihn erstmals den Hang hinunter. Im Gespräch werden Erinnerungen wach, beispielsweise an das Kindergartenrennen. Die Differenz zum Zweitklassierten belief sich auf «14 oder 17 Sekunden» – genau weiss er es nicht mehr. Anders sieht es beim Schnellsten der Geschlagenen aus: «Das ist immer noch ein Kollege von mir – und er sagt mir gelegentlich, wie das damals ausgesehen hat.»

Landwirtschaft interessierte ihn nicht

15,24 Sekunden trennten den Sechsjährigen von der Konkurrenz – ein Wert, der auf aussergewöhnliches Talent schliessen liess, trotz Heimvorteil im engeren Sinn. Feuz’ Vater Hans amtet als Betriebsleiter der Skilifte im Weiler Bumbach, im Hinblick auf die laufende Saison wurde eine Beschneiungsanlage installiert. Früher, als der Schnee in ausreichendem Mass vom Himmel fiel, spielte sich des Sohnemanns Leben grossteils auf den Skiern ab. Morgens kurvte er ins Tal hinunter, zog die Latten vor dem Schulhaus aus, schnallte sie am Nachmittag wieder an und vergnügte sich bis Betriebsschluss auf der Piste. «Das war mein Leben. Ich kannte es nicht anders.»

Die Landwirtschaft interessierte ihn nicht. Wurde er um Hilfe gebeten, griff er den Eltern unter die Arme, «aber freiwillig bin ich noch nie im Stall gewesen». In der Schule erledigte er, was verlangt wurde, von aktiver Teilnahme am Unterricht kann nicht geschrieben werden. Die Freizeit verbrachte er draussen, auch im Sommer – «ich bastelte immer an etwas herum». Die Eltern unterstützten ihr einziges Kind, so gut sie konnten. «Das meiste von dem, was sie hatten, investierten sie in mich und meine Karriere. Ansonsten hätten sie sich längst einen neuen Stall geleistet.»

Aufstehen um 5 Uhr

Die Gewerbeschule besuchte er in Burgdorf – «oder war es in Oberburg? Nein, ich war in Burgdorf.» Der Einschub spiegelt die Bedeutung, welche die Ausbildung in den Augen des Teenagers genoss. Mit dem Postauto fuhr er ins luzernische Wiggen, von dort aus mit der Bahn nach Langnau; den Rest der Strecke legte er auf dem Beifahrersitz eines älteren Schulkollegen zurück. Tagwacht war um fünf Uhr – für den Bauernsohn kein Problem: «Ich kannte es nicht anders.»

Er liess sich zum Maurer ausbilden, nicht zuletzt, weil sich der Lehrmeister bereit erklärt hatte, ihn für seine sportlichen Tätigkeiten freizustellen. Weil es auf regionaler Ebene nie einen kompetitiven Konkurrenten gab, durfte sich der Emmentaler im Training ab dem 13.Lebensjahr den Oberländern anschliessen. Zu dieser Zeit sei in der Szene vom «grossen Oberland» gesprochen worden. Auf der Piste habe er jedoch bald registriert, dass diese Formulierung klischeehaft gewesen sei. «Gut waren sie schon, aber nicht besser.»

Feuz unterbricht das Gespräch, schaut zum Fenster hinaus, schüttelt ungläubig den Kopf und brummelt, er habe wohl vergessen, die Kofferraumtüre seines Wagens zu schliessen. Als er mutmasslich Versäumtes nachholt, meint der ihn bestens kennende Kellner grinsend, Beat habe «wahrscheinlich am Autoschlüssel herumgefummelt». Die These ist keineswegs abwegig, sagt doch Feuz über sich selbst, er müsse stets etwas zum Spielen in den Händen halten. Das Bedürfnis entspricht seinem Wesen, teamintern gilt er als gewiefter Pokerspieler, wie Marc Berthod und Carlo Janka – «das sind auch Zockertypen». Findet er Zeit, frönt er dem Hobby auch in der Öffentlichkeit. So bestritt er unlängst in Bern ein Pokerturnier.

Kugelblitz ohne Eigeninitiative

Im Schnee spielt er seine technischen Qualitäten aus. 2002 gewann er am Trofeo Topolino den Slalom; es handelt sich um das renommierteste internationale Kinderrennen. 2005 resultierte in der gleichen Sparte Junioren-WM-Bronze im Slalom, 2007 triumphierte er auf gleicher Ebene in Abfahrt, Super-G und Kombination. Der Goldregen bescherte ihm die Qualifikation für den Weltcupfinal auf der Lenzerheide. Feuz packte die Gelegenheit, sicherte sich als 14. in der Abfahrt die ersten Weltcuppunkte – dank seines Talents wurde der Bauernbub in rasantem Tempo in die Beletage des Skisports gespült.

Dort fand er sich in der Trainingsgruppe des Österreichers Sepp Brunner wieder – in hervorragendem Klima, waren doch Daniel Albrecht und Marc Berthod wenige Monate zuvor in die Weltspitze vorgestossen. Slalomspezialist Marc Gini nannte Feuz spasseshalber Kugelblitz, der Name blieb hängen. Die Wahl war nicht zufällig erfolgt, die physische Verfassung in Relation zu jener der Kollegen desolat. Feuz hatte es im Konditionstraining so gehalten wie zu Hause auf dem Hof und in der Schule: Er spulte sein Übungsprogramm ab, Eigeninitiative war ihm fremd.

Zum erfolgreichen Athleten geformtt

Im Herbst 2007 zog er sich einen Kreuzbandriss zu, während der Rehabilitation setzte der Sinneswandel ein. «Ich war als Talent zu Sepp gekommen, er formte aus mir einen Athleten», sagt er heute. Eher zufällig wurde Brunner bei der Ausbildung des Ausnahmetalents von einer Landsfrau unterstützt. Katrin Triendl ist seit über 4 Jahren mit Feuz liiert. Ehe sich die Tirolerin vor 14 Monaten aus dem Skirennsport zurückzog, hatte sie drei Junioren-WM-Medaillen gewonnen. Sie sei «sehr fleissig» gewesen, «so etwas wie ein Gegenpol zu mir», gesteht der Emmentaler und ergänzt, das habe im gemeinsamen Sommertraining «schon abgefärbt. Sie gab Gas, da musste ich natürlich mitziehen.»

Nun lässt es Triendl gemächlicher angehen. Feuz sagt, ihr habe nach überstandener Verletzung die Motivation gefehlt, sich noch einmal heranzukämpfen. Fährt er Rennen, steht die 24-Jährige gelegentlich an der Strecke. Ergibt sich zwischen seinen Einsätzen eine Gelegenheit, fährt er nach Oberperfuss. Er bezeichnet den 2800-Seelen-Ort westlich von Innsbruck als «zweite Heimat», sagt, er fühle sich «wie zu Hause. Ich kenne das halbe Dorf, finde meine Ruhe, kann mich entspannen.» Natürlich sei es als herumtingelnder Spitzensportler nicht einfach, eine Beziehung zu pflegen, erwidert er auf die entsprechende Frage. «Aber wir kennen es nicht anders.»

Feuz steckte nicht auf, obwohl er wegen einer neuerlichen schweren Knieverletzung gleich zwei Saisons in Folge verpasste. Im letzten Winter gelang ihm der Durchbruch, im laufenden die Bestätigung – der kleine Mann vom Bumbach ist zur grossen Nummer geworden. In der Abfahrt misst er sich mit Bode Miller und Didier Cuche, die er einst am Fernsehen bestaunte, die 10 respektive 13 Jahre älter sind als er. Speziell ist das nicht – im Gegenteil: Er kennt es nicht anders. Wobei die Gefährten vom Roseggli-Lift nur 4, 5 Jahre älter waren. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.01.2012, 12:53 Uhr

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1 Kommentar

Gregor Steiger

06.01.2012, 13:07 Uhr
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Super Bericht, in dem neben den Fakten auch die Zwischentöne und Farbnuancen enthalten sind. Antworten



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27.05EndeCipolla - Wawrinka3:6 3:6 6:4 6:3 2:6
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Stand: 27.05.2012 17:24
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