Yves Studer mit viel Herz und ein wenig Heimvorteil
Von Adrian Ruch. Aktualisiert am 27.12.2011 2 Kommentare
Beitrag von Telebärn
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Bei Yves Studer weiss man, woran man ist. Der 29-jährige Mittelgewichtler ist ein Boxer mit Herz und Mut, der unentwegt vorwärtsmarschiert und den Widersacher unter Druck setzt. Action ist garantiert, wenn er im Seilviereck steht. Das war auch gestern in der Wankdorfhalle der Fall, wo der traditionelle Boxing Day stattfand, weil der Kursaal renoviert wird. Sein Gegner, Alexander Suschtschyts, war gut auf den Lokalmatador eingestellt. Jedenfalls schien der weissrussische Meister, der mit guter Übersicht überzeugte und seine linke Hand sehr variabel einsetzte, mehr Treffer zu landen als Studer. Nach neun Runden ging Manager Daniel Hartmann zur Ringecke und forderte seinen Athleten auf, die Kadenz zu erhöhen, was dieser dann auch tat.
Am Schluss sah ein Punktrichter Suschtschyts als Sieger (115:113), die anderen beiden votierten hingegen für den Einheimischen (115:113 und 116:112). Ein Fehlurteil war es nicht, ein umstrittenes Verdikt hingegen schon. Die These sei gewagt: Hätte der Fight in Weissrussland stattgefunden, das Resultat wäre anders ausgefallen. Der Heimvorteil ist gerade im Profiboxen enorm wichtig. Studer sagte, der Sieg sei das Wichtigste. «Er hat zwar viel geschlagen, aber vorwiegend auf die Deckung. Ich habe die härteren Treffer gesetzt.» Suschtschyts habe ihn nicht allzu hart getroffen, gezeichnet sei er nur aufgrund von Kopfstössen.
Der Strategiewechsel
Der gestrige Kampf Studers basierte auf einem Strategiewechsel seines Managers. Der WM-Titel nach Version IBC hatte Studer nicht wie erhofft einen Titelkampf einer grossen Vereinigung ermöglicht. Statt den wichtigen Titel des unbedeutenden Verbands zu verteidigen, boxte Studer gestern um einen unbedeutenden Titel eines wichtigen Verbands. Im Duell mit Suschtschyts stand nämlich der Ost-West-Titel der International Boxing Federation auf dem Spiel. Der Titel mit der abenteuerlichen Bezeichnung ist ein Muster ohne Wert, doch ohne ihn würde die IBF Studer nicht als Herausforderer des Weltmeisters Daniel Geale akzeptieren.
Die Verhandlungen mit dem Management des Australiers für einen Fight am 29.Februar 2012 waren fortgeschritten, scheiterten letztlich aber an den Finanzen. Ein Hauptproblem Studers ist, dass er als Schweizer kaum Fernsehgelder generieren kann. Geales Management habe die Summe für Fernsehrechte als insignifikant erachtet, erzählte Matchmaker Philippe Fondu. Hartmann wählte klarere Worte. Das Schweizer Fernsehen habe 15'000 Franken geboten. «Die Australier haben uns ausgelacht.» Champion Geale wird nun gegen den in Miami lebenden Ghanaer Osumanu Adama antreten – der Fight soll für rund 200'000 Dollar vom US-Sender Showtime übertragen werden.
Der nächste Schritt
Obwohl die Voraussetzungen nicht ideal sind, haben Fondu und Hartmann, der zusammen mit einer Gönnervereinigung bisher über 200'000 Franken in Studer investiert hat, einen Kampf gegen einen renommierten Opponenten noch nicht abgeschrieben. Studer gehöre nun zum Kreis der Grossen, meinte Fondu. Neben Geale nannte der Belgier den Deutschen Felix Sturm (IBF-Weltmeister) und den ungeschlagenen Julio Cesar Chavez Jr., Sohn des legendären Champions aus Mexiko, als mögliche Gegner. Yves Studer hat nämlich auch einen Vorteil: Weil er nur 6 seiner 27 Siege vorzeitig errungen hat, wird er als wenig gefährlich eingestuft. Und solche Widersacher suchen die Vertreter von Weltmeistern für deren freiwillige Titelverteidigungskämpfe. Dem Europameister Grzegorz Proska zum Beispiel gehen die Stars im Mittelgewicht alle aus dem Weg – der Pole garantiert keinen grossen Zahltag und ist ein harter Puncher.
«Ich habe der IBF gezeigt, dass es mich gibt», sagte Studer zufrieden. Er hat seinen Teil der Arbeit vorerst erledigt. Die Planung weiterer Kämpfe überlässt der Berner wie üblich Hartmann und Fondu. Deren Aufgabe am Verhandlungstisch ist freilich ähnlich delikat wie jene des Boxers im Ring. Gute Argumente sind nicht harte Schläge, entscheidend ist hinter den Kulissen in erster Linie harte Währung.
Bern. Boxing Day (in der Wankdorfhalle/1200 Zuschauer). Hauptkampf. Vakanter IBF-«East-West»-Titel im Mittelgewicht (72,574 kg/ca. 20.00 Uhr/maximal 12 à 3 Minuten): Yves Studer (Sz) s. Alexander Suschtschyz (WRuss) mit 2:1 Richterstimmen (115:113, 113:115, 116:112). - Studer damit entsprechender Titelträger und jetzt 27 Siege, 2 Remis als Profi.
Weitere Profikämpfe. Leichtwelter (63,5 kg/6 Runden): Martino Ciano (Bern) - Andrej Staljarschtschuk (WRuss) unentschieden durch Mehrheits-Entscheid der Punktrichter. - Frauen. Vakante WIBF-WM Superbantamgewicht der Frauen (55,225 kg/10 Runden à 2 Minuten): Marylin Hernandez (Dom. Republik) s. Aniya Seki (Sz) nach Punkten (95:95, 96:94, 96:94).
Amateure (3 x 3 Minuten). Leichtwelter (64 kg): Alain Chervet (Bern) s. Howik Barsegjan (De) n.P. - Mittel (75 kg): Arton Berisha (De) s. Davide Faraci (Baden) n.P. - Halbschwer (81 kg): Arsim Ibrahimi (Bern) - Alem Begic (De) unentschieden. (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.12.2011, 06:19 Uhr
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2 Kommentare
Guter und sachlicher Bericht von Autor Adrian Ruch. Er schreibt ".......der Ost-West-Titel der International Boxing Federation ist nichts wert." Das stimmt natürlich. Aber die anderen zwei "Pseudo-Titel" die Yves Studer besitzt sind leider ebenso wenig wert. Wieso wird jetzt von einem "richtigen" WM-Titel-Kampf geredet? Studer ist momentan die Nummer 76 im Mittelgewicht! Antworten


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