Skifliegen – selbst für Ammann ein Stress

Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 19.03.2010

Wenn sie auf einer Skiflugschanze stehen, dann sind die Athleten physisch und psychisch besonders gefordert. Selbst ein Überflieger wie Simon Ammann hat Stress.

1/8 Der Rekordflug von Ammann

   

Der Nervenkitzel an den Skiflug-WM im slowenischen Planica von diesem Wochenende wird für die Teilnehmer besonders gross sein; egal, wie sie heissen, egal, in welcher Form sie sich profilieren. Experten haben nämlich herausgefunden, dass der Adrenalinspiegel zehn- bis zwanzigmal höher als normal ist. Die Athleten erreichen dabei ihren Maximalpuls, pro Flugtag verlieren sie bis zu zwei Liter Wasser. Mit anderen Worten: Der Gewichtsverlust ist aus diversen Gründen gewaltig. Der «Blick» schreibt von 2 Kilogramm, wenn die Springer die grössten Schanzen der Welt runtersausen.

Das fordert die Athleten natürlich schon vor dem Wettkampf heraus. Die für gewöhnlich eher leichten Skispringer müssen am Tisch das machen, wovon wir Otto-Normalverbraucher alle träumen: Fressen, was der Bauch hält. Wiegen Ammann & Co bei der Gewichtskontrolle (im Vergleich mit ihrer Skilänge) zu wenig, werden sie disqualifiziert.

Wie ein Sprung aus dem 10. Stock

Dazu muss der Laie wissen, dass die besten Springer acht Sekunden durch die Luft segeln, also doppelt so lange wie auf der Grossschanze. Dann landen sie mit einer Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern. Der ehemalige österreichische Skispringer Martin Höllwarth sagte einmal: «Das ist, wie wenn du aus dem zehnten Stock springst und am Ende froh bist, dass du überlebt hast.» Und Simon Ammann bekannte einst nach seinen ersten beiden Olympia-Goldmedaillen von Salt Lake City: «Die Dimensionen einer Flugschanze sind gigantisch. Das Limit ist höher, du brauchst mehr Überwindung. Und dann schwebst du acht Sekunden in der Luft, statt nur drei oder vier Sekunden, entsprechend eindrücklicher ist das Gefühl des Fliegens, dieser besondere Kick.»

Aber Skifliegen bedeutet auch für Ammann Stress. «Ein so weiter Sprung kann den Springer in Schock versetzen.» Ammann sprang im letzten Jahr in Planica 233 m weit, ein Satz, dem der Toggenburger für Stunden auf euphorisierende Weise in Erinnerung blieb. In der Qualifikation von gestern Donnerstag flog der vierfache Olympiachampion auf 225,5 Meter und fordert(e) nicht nur die Konkurrenz, sondern auch die Jury heraus.

Der spezielle Rausch

Auf der über 100 m langen Anlaufspur beschleunigt der Körper von 0 auf 100, weiss der «Blick». Die Adrenalinschübe bringen den Hormonhaushalt der Aktiven während Tagen durcheinander. Das führt zu Schlafstörungen, kann aber auch die Koordination beeinträchtigen. «Die Spannung in den Muskeln ist so gross, dass es zu einer Übererregtheit kommt, die den Körper im Extremfall fast erstarren lässt», erklärte einst ein Facharzt der Skispringer. Die Springer würden sich dann in einem Rauschzustand befinden, sie würden einen Kick spüren. «Doch eine Abhängigkeit wie bei Drogen gibt es nicht.»

Wie oft nach einer grossen Party folgt dem Rausch ein Kater. Mit anderen Worten: Die Skiflughelden sind körperlich und mental erschöpft. Umso mehr, weil sie sich bei einem solchen Wettkampf nicht so gut erholen können, wie bei einem normalen Wettkampf auf dem normalen oder grossen Bakken. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.03.2010, 15:33 Uhr

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