«Ich sage ja nicht, dass ich total dumm bin»

Aktualisiert am 20.03.2010

Der 19-jährige Magnus Carlsen ist die Nummer eins der Weltrangliste im Schach. In einem Interview erklärt er, warum es nicht gut ist, zu intelligent zu sein. Und was er besser kann als sein Trainer Garri Kasparow.

Er trainiert nur, wenn er sich gut fühlt: Magnus Carlsen.

Er trainiert nur, wenn er sich gut fühlt: Magnus Carlsen.
Bild: Keystone

Das Schachspielen erlernte Magnus Carlsen im Alter von fünf, sechs Jahren, zunächst ohne Begeisterung. Ein paar Jahre später wurde er allerdings als Wunderkind gefeiert. Und dies zu Recht. Alle drei Grossmeisternormen erlangte der Norweger als 13-Jähriger innerhalb von vier Monaten. Mit 19 ist er nun die jüngste Nummer eins der Weltrangliste. «Ich bin ein völlig normaler Kerl», sagt Carlsen in einem ausführlichen «Spiegel»-Interview.

Nach Ansicht des Ausnahmekönners wäre es schrecklich, zu klug zu sein. Vor allem wäre es ein Nachteil für sein Schachspiel. «Es kann eine Last sein, wenn man zu intelligent ist. Es kann dich behindern», sagt der 19-Jährige. Als Beispiel erwähnt Carlsen den Engländer John Nunn, der ein genialer Mathematiker ist, aber nie Schach-Weltmeister wurde. «Er hat so furchtbar viel im Kopf. Einfach zu viel. Sein enormes Auffassungsvermögen und sein ständiger Wissensdurst haben ihn vom Schach abgelenkt.»

15 bis 20 Züge im Voraus berechnen

«Ich sage ja nicht, dass ich total dumm bin», sagt Carlsen. Seinen Erfolg in jungen Jahren erklärt er aber mit dem Umstand, «dass ich die Möglichkeit hatte, schneller mehr zu lernen.» Im Vergleich zur Zeit, als es die Sowjetunion noch gab, sei es leichter geworden, an Informationen zu kommen. «Es gibt mehr Bücher als früher. Und dann habe ich natürlich eher angefangen, mit dem Computer zu arbeiten als Wladimir Kramnik oder Viswanathan Anand.»

Carlsen sagt, dass er - je nach Spielsituation - manchmal 15 bis 20 Züge im Voraus berechnen kann. «Der Trick ist aber, die Stellung am Ende der Kalkulation richtig zu bewerten.» Von grosser Bedeutung sei die Mustererkennung - die Fähigkeit, auf dem Brett typische Motive und Bilder zu erkennen, Stellungsmerkmale und ihre Konsequenzen. Dafür brauche es aber sehr viel Übung. «Ich habe bestimmt schon tausend Partien im klassischen Stil hinter mir.»

«Systematisches Lernen würde mich umbringen»

Der 19-Jährige sagt aber auch, dass er kein disziplinierter Denker sei. «Organisation liegt mir nicht, ich bin chaotisch und neige dazu, faul zu sein.» Er trainiere nur, wenn er sich gut fühle. «Systematisches Lernen würde mich umbringen.» Mit Garri Kasparow hat er einen früheren Weltklasseschachspieler als Trainer.

In diesem Zusammenhang macht Carlsen interessante Aussagen. «Was unsere Spielstärke betrifft, sind wir ja nicht weit auseinander. Es gibt viele Dinge, die ich besser kann als er. Und umgekehrt. Kasparow kann mehr Varianten berechnen, dafür ist meine Intuition besser.» Und weiter: «Er hat jede Menge unverbrauchte Ideen für Eröffnungen. Er spürt, in welcher Stimmung die Gegner sind, wie sie eine Partie beginnen werden. Das kann ich nicht.»

«Schach darf keine Obsession werden», betont der Norweger gegen Schluss des «Spiegel»-Interviews. «Wichtig ist, dass ich ein Leben jenseits des Schachs habe.» Carlsen wandert, fährt Ski und spielt Fussball. Und er freut sich über Fanpost von jungen Frauen. (vin)

Erstellt: 20.03.2010, 06:59 Uhr

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