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«Die Briten haben riesige Erwartungen»

Von Philipp Rindlisbacher. Aktualisiert am 09.02.2012

Die 41-jährige Engländerin Kelly Holmes ist Botschafterin der Sommerspiele in London. Die Olympiasiegerin spricht über die Erwartungshaltung der Briten, ihre Zeit beim Militär und ihren Adelstitel.

Patriotin: Nach dem Sieg über 1500 Meter an den Olympischen Spielen 2004 in Athen läuft Kelly Holmes mit der britischen Flagge eine Ehrenrunde.

Patriotin: Nach dem Sieg über 1500 Meter an den Olympischen Spielen 2004 in Athen läuft Kelly Holmes mit der britischen Flagge eine Ehrenrunde.
Bild: Keystone

Kelly Holmes ist Botschafterin der Sommerspiele. (Bild: Keystone )

Zur Person

Kelly Holmes ist eine der erfolgreichsten Mittelstreckenläuferinnen in der Geschichte der Leichtathletik. Die heute 41-Jährige gewann elf Medaillen an Grossanlässen; 2004 siegte sie an den Olympischen Spielen in Athen sowohl über 800 als auch 1500 Meter. Sie wurde 2004 zur britischen und zu Europas Sportlerin des Jahres gekürt, im Jahr darauf bei den Laureus Awards als Weltsportlerin (kleines Bild) ausgezeichnet.

Ende 2005 trat die Engländerin wegen anhaltender Beschwerden an der Achillessehne zurück. Seither wirkt sie als Olympiabotschafterin und Präsidentin der Commonwealth Games in England, fördert britische Lauftalente, schreibt Bücher und hält Motivationsseminare. Von Queen Elisabeth II. erhielt sie vor sieben Jahren einen britischen Verdienstorden; auf der Insel wird sie seither als «Dame Kelly Holmes» angesprochen.

Korrektur-Hinweis

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Die Olympischen Spiele werden in rund sechs Monaten eröffnet. Spüren Sie bereits Vorfreude?
Kelly Holmes: Ich zähle die Tage rückwärts, von Stunde zu Stunde wird alles aufregender. In der Stadt finden schon viele Aktivitäten statt, die neuen Stadien und Anlagen werden getestet. London befindet sich im Fahrplan.

Sie repräsentieren die Spiele als Botschafterin. Was sind Ihre Aufgaben?
Ich bereise viele Länder, stelle die Spiele vor und spreche über unsere Herausforderungen. Es ist schier unglaublich, welche Dimensionen die Aufwände bezüglich des Internetauftritts, der Verhandlungen mit den TV-Organisationen und der Zeit- und Videomessungen angenommen haben. Ich kümmere mich zudem um die britischen Olympiateilnehmer. Im Team hat es viele junge Athleten, die erstmals dabei sein werden. Ich will sie darauf vorbereiten, ihnen den Druck etwas nehmen. Und natürlich spreche ich mit vielen Leuten in London, will ihren Puls fühlen.

Welche Einstellung haben die Briten gegenüber den Spielen?
Es gibt Kritiker, solche, welche die Menschenmassen fürchten, sich eingeschränkt fühlen. Ich habe aber eine enthusiastische Stimmung festgestellt, die meisten Briten sind aufgeschlossen – und haben riesige Erwartungen. In den vergangenen Jahren wurde enorm viel Geld in den Sport investiert, die Leute verlangen im Sommer viele Medaillen.

Wird London ein guter Gastgeber sein?
Auf jeden Fall. 70'000 Freiwillige jeden Alters und unterschiedlicher Herkunft werden sich um allerlei Dinge kümmern, so viele wie nie zuvor bei Olympischen Spielen. Die Stimmung wird hervorragend sein, alle Stadien werden wohl ausverkauft sein. Wir haben weit über 100 sehr starke Sportler; schöpfen diese ihr Potenzial annähernd aus, wird der Funke auf die Menschen überspringen.

Welchen Stellenwert hat der Sport im Königreich?
Einen sehr grossen. Es gab immer wieder Athleten, die bewundert wurden, die eine Vorbildfunktion ausübten. In der Leichtathletik waren dies Daley Thompson, Sebastian Coe und Linford Christie. Der Sport übt quasi eine soziale Funktion aus. Fast jeder Brite besitzt beispielsweise eine Saisonkarte eines Fussballklubs.

Und neben dem Fussball...
...Fussball wird bei den Spielen nicht an erster Stelle stehen. Die Wettkämpfe der Bahnradfahrer, Ruderer, Turner und Schwimmer werden die Briten mit grossem Interesse verfolgen – in diesen Disziplinen sind wir stark. Es gibt auch Sportarten wie Volleyball und Handball, in denen wir als Exoten gelten. Der Wille, das Königreich würdig zu vertreten, wird aber bei allen Athleten riesig sein.

Während der Spiele werden rund 15'000 Athleten, 20'000 Medienvertreter und 23'000 Sicherheitsleute erwartet. Was halten Sie von diesem Gigantismus?
(überlegt lange) Alles auf der Welt wird grösser und moderner, ich denke vor allem an die Technologie. Und es ist das Ziel der olympischen Bewegung, mehr Sportler und Länder aufzunehmen und damit mehr Interessen zu befriedigen. Auch wir wollen zeigen, was wir haben, wie gut wir sind. Wir sind auf diesen gigantischen Anlass vorbereitet.

Viele Briten sorgen sich um die Sicherheit – mit gutem Grund?
Hundertprozentige Sicherheit gibt es nirgendwo, doch die Organisatoren betreiben einen ungeheuren Aufwand. Unser Land ist gegen Terror gewappnet.

Zu vernehmen war jedoch, dass es der Londoner Polizei gelungen ist, bei Sicherheitstests eine Bombenattrappe auf dem Olympiagelände zu platzieren.
Man sollte die Organisatoren deswegen nicht kritisieren. Tests werden durchgeführt, um Schwachstellen zu beheben. So etwas wird nicht noch einmal möglich sein. Die zuständigen Personen werden die Lehren daraus ziehen.

Tradition und Brauchtum werden im Königreich grossgeschrieben. Inwiefern wird man dies im Zusammenhang mit Olympia spüren?
Die Queen feiert dieses Jahr ihr 60.Thronjubiläum. Daran sieht man, was das Königreich auszeichnet: Kontinuität, Beharrlichkeit, Vertrauen. Die Briten sind patriotisch, sie werden sich an Erfolgen ihrer Landsleute begeistern können.

In England leben aber auch viele verschiedene Kulturen...
...Sie wollen sicher auf das leidige Thema Rassismus hinweisen. England ist ein Multikultiland – das ist sehr spannend. Mein Vater stammt aus Jamaika, mit Anfeindungen wurde ich im Sport aber nie konfrontiert. Olympische Spiele lassen sich mit anderen Grossanlässen kaum vergleichen. Es finden quasi 26 Weltmeisterschaften an einem Ort statt, die Athleten leben in einem Dorf mit Menschen aus 200 Ländern. Die Völkerverbindung scheint noch zu funktionieren; Sportler sind nicht schwarz oder weiss, nicht gut oder schlecht – es sind alles Olympioniken.

Ihre sportlichen Ziele haben Sie mit dem Doppelolympiasieg 2004 sowie weiteren Erfolgen und Auszeichnungen übertroffen. Welche Ambitionen hegen Sie nun abseits der Tartanbahn?
Ich bin ehrgeizig und will etwas bewegen. Ich habe viele Mandate, kümmere mich als Mentorin um junge britische Mittelstreckenläufer. Und mit meiner Stiftung (The Kelly Holmes Legacy Trust; die Red.) will ich die Chancen von jungen, benachteiligten Menschen verbessern, ihnen über den Sport Perspektiven und Vorbilder geben. Einige bekannte Athleten helfen mir dabei.

Sie haben Sebastian Coe erwähnt. Hat er Sie inspiriert?
Ja, wegen seiner Erfolge habe ich ihn bewundert und als Jugendliche mit dem Training begonnen. Nach der Schule schloss ich mich aber der Armee an und kehrte der Leichtathletik vorübergehend den Rücken. Dann kamen die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona. In meiner Baracke sass ich vor dem Fernseher und sah eine Athletin über 3000 Meter laufen, die ich zuvor oft besiegt hatte. Dass gab mir die Motivation, zurückzukehren. Profi wurde ich allerdings erst 5 Jahre später.

Weshalb haben Sie sich der Armee angeschlossen?
Ich war 14 Jahre alt, als uns in der Schule vom britischen Militär erzählt wurde. Mich faszinierten das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Teamarbeit und die starke körperliche Verfassung der Soldaten. In den 9 Jahren in der Armee entwickelte ich ein neues Selbstbewusstsein, eine neue Identität. Zuerst war ich Lastwagenfahrerin, später arbeitete ich als Fitnesstrainerin.

2005 wurden Sie von Queen Elisabeth II. zur «Dame Commander of British Empire» geadelt. Was bedeutet Ihnen dieser Titel?
Er ist mir extrem wichtig. Viele Briten träumen von solch einer Auszeichnung. Die Begegnung mit der Queen war aufwühlend; sie sagte mir, der Titel sei der Lohn für meine 12-jährige, erfolgreiche Reise durch die Welt des Sports. Ich fühle mich nach wie vor geehrt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.02.2012, 10:09 Uhr

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