Die Krönung des anderen Didier
Von Martin Born, Whistler. Aktualisiert am 16.02.2010
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Das hatten wir doch schon: Alle erwarten Didier, es kommt Didier, doch es ist der andere Didier. Défago statt Cuche. Das war im letzten Winter so, als der Neuenburger am Lauberhorn und auf der Streif der grosse Favorit war und der Walliser ein sensationelles Double schaffte. Das war jetzt auch gestern der Fall, als Didier Défago auf der ruppigen Strecke von Whistler Mountain als erster Schweizer seit Pirmin Zurbriggen auf den Tag genau vor 22 Jahren Abfahrtsolympiasieger wurde.
In einem äusserst spannenden Rennen mit extrem geringen Abständen verwies der 32-jährige Défago den vier Jahre jüngeren Norweger Aksel Svindal, den Weltmeister von 2007, und den 33-jährigen Amerikaner Bode Miller, den Weltmeister 2005, um 7 und 9 Hundertstelsekunden auf die Plätze. Favorit Cuche, der sich mit dem Sieger bis zur letzten Zwischenzeit ein «Kopf-an-Kopf-Rennen» lieferte, fiel nach einem Fehler in der letzten schwierigen Linkskurve noch hinter Mario Scheiber und Eric Gay auf den sechsten Platz zurück. 36 Hundertstel fehlten ihm zum Sieg, 27 zum Podestplatz.
Knapper wurde eine Olympiaabfahrt allein 1994 entschieden. Bei einigen Weltmeisterschaften war es schon enger oder ähnlich eng. 1999 betrug Hermann Maiers Vorsprung auf Lasse Kjus 2 Hundertstelsekunden. Als Bruno Kernen 1997 in Sestriere als letzter Schweizer Abfahrer einen grossen Titel holte und Weltmeister wurde, leuchtete wie jetzt bei Défago nach der Zieldurchfahrt, als er Svindal von der Spitze verdrängte, die James-Bond-Zahl 0,07 auf.
Cuches später Fehler
Die Abfahrt auf der «Rollercoaster»-Strecke von Whistler, die nach den vielen Niederschlägen sehr schwer zu befahren war, hätte die Krönung des besten Abfahrers der Gegenwart werden sollen. Doch Cuche, der 2009 Super-G-Weltmeister und WM-Zweiter der Abfahrt geworden war, glückte die perfekte Fahrt nicht. «Es ist ärgerlich, dass mir gerade bei Olympia ein solcher Fehler kurz vor dem Ziel passiert», sagte er, «denn normalerweise bin ich ein guter Finisseur.» Sein Pech bei der Startauslosung, als er die höchstmögliche Nummer erhielt, spielte keine Rolle. Die Piste widerstand der Belastung, und für ihn schien sogar die Sonne.
Cuche ist nicht der erste Favorit, der bei Olympischen Spielen scheiterte. Doch am zu hohen Druck habe es nicht gelegen. «Ich konnte mich ganz gut auf das Rennen vorbereiten, auch wenn der Druck da war», sagte er. «Jeder sagte: Du schaffst es. Auch ich war davon überzeugt. Ich habe mich auch sehr gut gefühlt auf dieser Piste, es ist eine wunderbare, eine geile Piste. Deshalb packe ich jetzt meine Chance im Super-G.»
Didier Défago konnte das Rennen lockerer angehen. Im Gegensatz zur WM vor einem Jahr in Val-d’Isère, als er als Lauberhorn- und Kitzbühel-Sieger am Start stand, war er diesmal nur Aussenseiter. Bei den beiden grossen Klassikern war er der Défago gewesen, wie man ihn aus früheren Jahren kannte. Schnell, aber nicht fehlerfrei und deshalb auf einem Rang (7. und 8.) ohne Schlagzeilen. Typisch Défago eben.
In seinem Weltcup-Palmarès stehen 3 Siegen und 10 weiteren Podestplätzen über 100 Klassierungen auf den Rängen 4 bis 15 gegenüber. Bei acht Olympia- und 15 WM-Starts war der vierte Kombinationsrang von 2007 sein bestes Ergebnis. «Geduld haben und weiterarbeiten», lautete sein Motto, «irgendwann wirst du belohnt.» Das war 2009 mit dem Double in Wengen und Kitzbühel nach sieben sieglosen Jahren schon so.
Olympiasieg zum halben Lohn
«Défago hat in all den Jahren stets hart gearbeitet. So hart wie wenig andere», sagte Angelo Maina, der Schweizer Rossignol-Rennchef, damals, «vielleicht manchmal sogar zu hart.» Maina hatte Défago im letzten Sommer die Meldung zu überbringen, dass er auf die Hälfte seines Lohns würde verzichten müssen. Défago willigte - wie Silvan Zurbriggen und Fränzi Aufdenblatten - ein und wurde jetzt auch dafür belohnt. Ihm stand gestern erstklassiges Material zur Verfügung. Er liess die «Armada» von Atomic (Svindal, Scheiber, Guay, Walchhofer, Janka) und Head (Miller, Cuche, Büchel) hinter sich.
Jankas tröstliche Aussicht
Im Gegensatz zu Cuche und Carlo Janka, die nach ihren grossen Siegen von Wengen und Kitzbühel gesetzt waren, musste sich Défago zuerst qualifizieren. Er fand das ungerecht, weil er in Bormio Zweiter geworden war, doch er beschwerte sich nicht. Er zeigte starke Trainings, wurde als vierter Fahrer nominiert. Ihm gefiel es, dass die Piste im Vergleich zu den Trainings härter und unruhiger geworden war: «Nach der Besichtigung war ich überzeugt, dass ich gut fahre, doch dass es so gut gehen würde, damit rechnete ich nicht.»
Carlo Janka musste sich mit dem elften Platz zufrieden geben. Der Olympianeuling tröstete sich damit, dass er die Lehren aus den verpatzten Trainings gezogen hat und dass er für die Superkombination von heute bereit ist. Es ist seine zweite von vier Chancen. Auch Cuche schaute vorwärts: «Ich freue mich auf den Super-G auf dieser wunderschönen Piste.» Danach bleibt ihm wie Janka auch noch der Riesenslalom, der auf nächsten Sonntag angesetzt ist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.02.2010, 08:14 Uhr
