Deutscher Support für das Entwicklungsland
Von Micha Jegge. Aktualisiert am 26.02.2010
Im Langlauf stellt die Schweiz mit Dario Cologna einen Olympiasieger, im Skispringen mit Simon Ammann sogar den Überflieger. Dreht sich das Gespräch um die Nordische Kombination, fällt eher früher als später der Name Hippolyt Kempf. Der Innerschweizer ist ebenfalls Olympiasieger, er hat die Goldmedaille ebenfalls in Kanada gewonnen – vor 22 Jahren in Calgary. Im Bestreben, einen Nachfolger zu finden, hat der hauptberuflich als Sportwissenschaftler tätige Disziplinenverantwortliche von Swiss-Ski im Frühling 2009 den Deutschen Peter Leiner als Cheftrainer engagiert.
Nördlich des Rheins geniesst die Nordische Kombination einen ungleich höheren Stellenwert als in unseren Landen; der Bronzemedaillengewinn im Teamwettkampf dürfte die Anhängerschaft befriedigt, aber kaum in Euphorie versetzt haben. Leiner bezeichnet die Schweiz – freilich ohne das Wort zu nennen – als Entwicklungsland, würde doch der Nachwuchs in sämtlichen Nachbarstaaten «wesentlich besser gefördert». In den hiesigen Regionalverbänden geschehe so gut wie nichts, was übrigens auch für den Skisprung gelte, sagt der Bayer. Das jedoch werde man wohl erst in zwei, drei Jahren realisieren, wenn Ammann zurückgetreten sei. Will heissen, die Schweiz ist in beiden Sparten auf willensstarke Ausnahmekönner mit grossem Durchhaltevermögen angewiesen – auf Leute wie Ammann und Kempf.
Er habe die Herausforderung in der Schweiz trotzdem gerne angenommen, weil er bei jenen sechs, sieben Athleten, die in Welt- und Continental-Cup zum Einsatz gelangten, reichlich brachliegendes Potenzial erkenne, meint Leiner.
Der Solothurner Tim Hug, um ein Beispiel zu nennen, sei zwar schon 22-jährig, trainiere aber erst seit vier Jahren auf dem Level eines Leistungssportlers – «da sollte sich noch einiges herausholen lassen». Eine zentrale Rolle spielt in Leiners Plänen auch der Kandersteger Joel Bieri. Er hätte den «Rohdiamanten» gerne nach Kanada mitgenommen, sich aber bei der Wahl des Ersatzmanns «wegen der Konstanz» für Michael Hollenstein entschieden.
Heer auf der Achterbahn
Leiner schreitet mit einer gesunden Portion Humor durchs Leben, bezeichnet seine Athleten mitunter als «Sturköpfe, die ich zuerst überzeugen musste, dass sie in die falsche Richtung galoppieren». Nüchtern bleibt der 45-Jährige jedoch, wenn er über kurzfristige Ziele spricht. Sollte einer seiner Kombinierer ein olympisches Diplom gewinnen, würde er das als hervorragende Leistung betrachten, hatte er vor Beginn der Winterspiele verlauten lassen. «Ich erwarte von meinen Athleten, dass sie zeigen, was sie können. Kunststücke machen sie im Zirkus, auf Wunder hoffen sie sich in der Kirche, wir jedoch treiben Sport.»
Im Einzelwettkampf auf der Normalschanze vermochte lediglich Teamleader Ronny Heer (Rang 11) zu überzeugen, im Teambewerb (Rang 9) verpatzte Heer mit einem missratenen Sprung den anvisierten Diplomgewinn. In der gestrigen Einzelkonkurrenz auf der Grossschanze belegte Tommy Schmid als bester Eidgenosse den 16. Rang. (Berner Zeitung)
Erstellt: 26.02.2010, 08:40 Uhr
