Zwischen Akribie und Lockerheit
Innerhalb von Swiss-Ski geniesst Skicross einen verhältnismässig geringen Stellenwert. Bis vor dieser Saison arbeitete Trainer Ralph Pfäffli noch auf Honorarbasis, wobei er freiwillig auf eine Festanstellung verzichtete. «Das Budget war so tief, dass ich mir sagte, es ist schlauer, das Geld für die Athleten auszugeben statt für meinen Lohn», erzählt der 42-jährige Berner Oberländer. Weil er ein billiges Leben führe, sei er in den vergangenen sieben Jahren «finanziell nie am Anschlag» gewesen. Pfäffli war der Überzeugung, dass die Sportart an Bedeutung gewinnen und sich seine Situation verbessern würde – und er bekam Recht. Im Hinblick auf die Olympischen Spiele wurde das Budget auf rund 200000 Franken erhöht, wobei Pfäfflis Salär in diesem Betrag enthalten ist. Das ist im Vergleich zu den Alpinen und der Konkurrenz aus dem Ausland immer noch wenig Geld. Gemäss Disziplinenchef Christoph Perreten haben die Kanadier seit Jahren über 1 Million Dollar zur Verfügung, «im Olympiawinter sollen es sogar 2 Millionen sein».
Nähmaschine im Dorf
Trotz bescheidener Mittel bereitete sich die Schweizer Equipe mit Akribie auf den Olympiaeinsatz vor. Sie profitierte von der Zusammenarbeit mit dem Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos, das berechnete, wie die Steilwandkurven zu fahren sind. Zudem wurde Snowboardcross-Coach Harald Benselin zu Rate gezogen, dessen Athleten zuvor auf demselben Kurs die Olympiaeinsätze absolviert hatten. Und im Athletendorf stand eine Nähmaschine zur Verfügung, damit die Fahrer ihre Hosen reglementskonform und doch möglichst windschlüpfrig herrichten konnten. Überdies blieben Mike Schmid und seine Kollegen ruhig und locker, als das geplante Trainingslager wegen Schneemangels nicht stattfinden konnte. Stattdessen genossen sie die Zeit und besuchten andere Wettkämpfe. Den Mittelweg zwischen Akribie und Lockerheit will Pfäffli auch in Zukunft weitergehen: «Wir wollen noch professioneller, aber deswegen nicht engstirnig werden.»
Gute Werbung
Durch den gelungenen Auftritt im olympischen Schaufenster dürfte Skicross einen Popularitätsschub erhalten. Die Sportart ist telegen und leicht verständlich. «Der Wettkampf war meines Erachtens gute Werbung für den Skicross», hält Perreten fest. Und Mike Schmids Olympiasieg dürfte dem Interesse in der Schweiz zuträglich sein. Jedenfalls hat sich das Schweizer Fernsehen bei den Veranstaltern der Weltcup-Rennen in Meiringen (14.März) schon nach der Möglichkeit einer Direktübertragung erkundigt. Die finanziellen Dimensionen der Kanadier werden die Schweizer kaum erreichen, aber vielleicht liegt bis «Sotschi 2014» für Ralph Pfäffli eine kleine Lohnerhöhung drin. (ar/BZ)
Erstellt: 23.02.2010, 08:00 Uhr
