Sport

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Stürze lösen Debatte aus

Von Thomas Niggl, Stephan Roth. Aktualisiert am 18.02.2010

Die schweren Stürze von Dominique Gisin und Anja Pärson schockten auch Siegerin Lindsey Vonn. Die amerikanische Dominatorin schlug mehrmals entsetzt die Hände vor den Kopf.

1/14 Zahlreiche Stürze in der Abfahrt
Die Stürze in der Frauen-Abfahrt: Nichts für schwache Nerven.
Video: ARD

   

Umfrage

War die Strecke zu anspruchsvoll, zu gefährlich?

Ja

 
35.5%

Nein

 
10.3%

Nein, das Problem war eher, dass kein richtiges Traning möglich war

 
54.2%

2139 Stimmen


Artikel zum Thema

Stichworte

«Diese Piste hat mich überfordert.» Dieser Satz der Schweizerin Nadja Kamer war symptomatisch für die Olympia-Abfahrt der Frauen, die schliesslich in einem fürchterlichen Sturzfestival eskalierte. Dabei kamen den TV-Zuschauern die Bilder von Daniel Albrecht wieder hoch, der vor einem Jahr in Kitzbühel im Zielhang so schwer gestürzt war und danach lange im Koma lag.

Sofort wurden auch die Bilder wieder präsent, wie der georgische Schlittler Nodar Kumaritaschwili kurz vor der olympischen Eröffnungsfeier im Training mit 144 km/h mit Rücken und Kopf in einen Stahlträger donnerte und noch auf der Unfallstelle verstarb. Diesmal gehörte auch die Schweizerin Dominique Gisin, die einen üblen Sturz über sich ergehen lassen musste, zu den Opfern. Bei der Engelbergerin, die sich schon schwere Verletzungen wie einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, wurde offenbar eine Hirnerschütterung diagnostiziert. Es ist kaum anzunehmen, dass sie heute in der Kombination starten kann. «Es geht mir einigermassen gut. Weil ich mit dem Kopf hart aufgeschlagen bin, habe ich eine Hirnerschütterung erlitten», sagte Gisin.

Zielsprung «Hot Air» wurde zur Falle

Ganz schlimm erwischte es auch die Schwedin Anja Pärson. Auch sie wurde ein Opfer des Zielsprungs «Hot Air». Die Schwedin wurde in die Luft katapultiert und flog mit dem Armen rudernd rund 50 Meter weit. Nach der Landung verlor sie die Kontrolle über ihre Ski und knallte mehrmals auf den harten Boden. Schliesslich musste sie am Pistenrand lange gepflegt werden. Wie sie dann gestützt von ihren Pflegern aus dem Zielraum humpelte, verheisst nichts Gutes. Erst eine genaue Untersuchung wird eine Diagnose möglich machen. «Das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe», sagte die Schwedin, die vor ihrem Sturz auf Medaillenkurs gewesen war.

Ironie des Schicksals: Am 18. Januar 2009 gewann Gisin ihr erstes Weltcuprennen. In der Abfahrt in Altenmarkt war sie mit Anja Pärson zeitgleich.

Deutscher Trainer wollte «Hot Air» entschärfen lassen

Der spektakuläre, aber gefährliche Zielsprung überforderte die Fahrerinnen, zumal diese nach der Fahrt auf der harten und holprigen Piste zu diesem Zeitpunkt bereits übersäuerte Muskeln hatten. Auch Siegerin Lindsey Vonn sagte: «Der letzte Sprung war wirklich so schmerzhaft.» Und die Deutsche Maria Riesch, die zu den Geschlagenen gehörte, sagte: «Vor zwei Jahren war diese Strecke traumhaft. Doch jetzt war es schon heftig. Vor allem die vielen Schläge haben es schwer gemacht.»

Mathias Berthold, Cheftrainer der deutschen Ski-Rennläuferinnen, hatte schon vor der Abfahrt die Entschärfung des Zielsprunges auf der Piste Franz’s Run gefordert. Der «Hot Air» sei «zu mächtig», sagte er nach dem einzigen Training: «Da müssen wir nochmal reden, da gehen die Sprünge viel zu weit.» Reagiert wurde erst nach dem Rennen. Für die heutige Kombinationsabfahrt wird der Sprung entschärft.

Erste Fahrerin eröffnete das Sturzfestival Die Olympia-Abfahrt stand schon bei der ersten Fahrerin unter einem schlechten Stern. Die 20-jährige Tschechin Klara Krizova war ebenfalls gestürzt. Die nächste, die kecke Britin Chemmy Alcott, knallte im Zielraum gegen die Abschrankung. Und als sich die Italienerin Daniela Merighetti mit der Nummer 13 den Hang hinunterstürzte, stockte den Zuschauern schon wieder das Blut in den Adern. Sie wurde nach vorne katapultiert, ihre Skis wurden weggeschleudert. Auf dem Hosenboden rutschte Merighetti schliesslich den steilen Hang hinunter.

Die bedauernswerte Französin Marion Rolland verlor schon kurz nach dem Start nach vier Schlittschuhschritten das Gleichgewicht, weil sie sich mit dem Stock selbst behindert hatte. Und wieder schlug die spätere Siegerin Lindsey Vonn die Hände vors Gesicht.

Auch dieses Missgeschick gehörte zu einem Rennen, das wieder einmal die grosse Frage aufwirft: Ist der Skirennsport zu gefährlich geworden? Ein ARD-Reporter zog den Vergleich zum verstorbenen Georgier Kumaritaschwili und konfrontierte damit Skilegende Markus Wasmeier, der für Deutschland eine WM- und zwei olympische Goldmedaillen gewonnen hatte. «Wasi» sagte: «Wenn man immer Angst hat und immer wieder warnt davor, es werde alles immer schneller, verrückter und spektakulärer, dann darf man keinen Abfahrtssport mehr betreiben. Dann muss man aufhören.» Die Show muss und wird immer weiter gehen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.02.2010, 08:20 Uhr