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Mit Bodenhaftung und Siegerinstinkt

Von Adrian Ruch. Aktualisiert am 23.02.2010

Der Berner Skicross-Olympiasieger Mike Schmid kombiniert Gelassenheit mit Selbstbewusstsein. Gemütlichkeit mit Speed und Bescheidenheit mit Ehrgeiz.

Grosser Moment: Mike Schmid trägt die Goldmedaille um den Hals.

Grosser Moment: Mike Schmid trägt die Goldmedaille um den Hals.
Bild: Keystone

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Mike Schmid spricht wie immer langsam, als er in Cypress Mountain rund zwei Stunden nach dem grossen Triumph sagt, er könne sein Gefühl beim Überqueren der Ziellinie nicht richtig beschreiben. Es sei «wie eine Explosion» gewesen, «einfach wunderschön». Fast entschuldigend fügt der 25-Jährige an: «Ich habe momentan ein Wirrwarr im Kopf, aber es ist ein schönes Wirrwarr.»

Der Mann ist ein Phänomen. Olympiapremiere, Favoritenrolle, Medienrummel – alles kein Problem. Mike Schmid, 1,93 m gross und rund 100 kg schwer, ist die Ruhe selbst. Er verkörpert, was man heute cool nennt, und betreibt eine Sportart, die das Potenzial hat, bei Jugendlichen als cool zu gelten. Denn auf einer guten Strecke ist im Skicross Spektakel garantiert. Es ist eine interessante, gefährliche Disziplin für «wilde Hunde», und Schmid ist der schnellste von ihnen, quasi der «wilde Windhund». Dies bestätigt er, als er aus dem ersten Skicross in der olympischen Geschichte eine One-Man-Show machte. Einzig vor dem Final sei er «ein wenig nervös» gewesen, gibt er zu. Doch negativ wirkte sich dies nicht aus. Als er kurz vor dem Ziel den Schatten des ersten Verfolgers, Andreas Matt, erblickte, geriet er nicht in Panik, sondern blieb auf der Ideallinie und verteidigte die Spitzenposition souverän. «Wenn du die Qualifikation gewonnen hast, weisst du, dass dich die anderen nur überholen können, wenn du einen Fehler machst», erklärt der Modellathlet später.

«Geselliger Typ»

Seine Fähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, basiert weder auf Zen-Übungen noch auf Mentaltraining. Sie ist, so scheint es, angeboren. Er macht sich schlicht keine Gedanken über Dinge, die er nicht beeinflussen kann. Die Skiwahl überlässt er zum Beispiel Servicemann Viktor Waldispühl, in den er grosses Vertrauen hat. Zudem agiert Mike Schmid aus der Position der Stärke. «Mike glaubt an sich, denn er weiss, was er kann», erzählt Christoph Perreten, Chef Freestyle. In der Schweizer Equipe ist Schmid leistungsmässig zwar der Teamleader, aber nicht der Leithammel, der sich in den Vordergrund schiebt. «Mike ist ein ruhiger, geselliger Typ – er ist mit Leib und Seele ein Berner Oberländer», sagt Richard Spalinger aus Zweisimmen über seinen Teamkollegen. Schmids gemütliche Art darf freilich nicht über seinen Ehrgeiz hinwegtäuschen, denn der ist gross. Der Olympiasieger will jedes Rennen gewinnen und sagt das auch – allerdings ohne überheblich zu wirken. Trainer Ralph Pfäffli spricht vom «ausgeprägten Siegerinstinkt», über den Schmid verfüge.

«Er liebt seinen Job»

Kühlen Kopf bewahrt der Frutiger nicht nur auf dem Parcours, sondern auch im Zielraum. Trotz seines grossen Triumphs vergisst er nicht, seiner Schwester Franziska via Schweizer Fernsehen zum 28.Geburtstag zu gratulieren. Die Pressekonferenz muss er mangels Englischkenntnissen mit Hilfe einer Dolmetscherin absolvieren. Die heikle Aufgabe erledigt Mike Schmid mit dem Charme des Naturburschen. Sein Auftritt ist ungekünstelt, authentisch genau wie jener kürzlich im Sportpanorama. «Ich habe festgestellt, dass er beim Schweizer Volk gut ankommt», erzählt Perreten. Kein Wunder, Mike Schmid ist erfolgreich und doch bodenständig. Abheben wird er auch als Olympiasieger nicht. Der YB-Fan sagt zwar, es sei der Traum jedes Athleten, das Hobby zum Beruf zu machen. Doch Coach Pfäffli ist überzeugt, dass der Goldmedaillengewinner im Sommer weiterhin als Strassenbauer tätig sein wird. «Er liebt seinen Job, zudem weiss ich nicht, ob er mit der Situation als Vollprofi zurechtkäme.» Der Athlet selber meint, er habe noch keine Pläne. Mike Schmid hat noch genug Zeit, sich mit seiner Zukunft als Olympiasieger zu beschäftigen – wenn das Wirrwarr aus dem Kopf verschwunden ist. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.02.2010, 08:01 Uhr

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